Die kommunale Gesundheitskonferenz schlägt Alarm: Den Ortenauern werden die Folgen der Erderwärmung wohl zunehmend zu schaffen machen – dabei geht es nicht nur um die sommerliche Hitze. Vor allem Kinder könnten langfristig die Leidtragenden sein.
„Die Entwicklungen des Klimawandels haben auch Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Dies führt aktuell und zukünftig zu großen und vielfältigen Herausforderungen für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft“, betonte Reinhard Kirr, Dezernent für Sicherheit, Ordnung und Gesundheit im Ortenaukreis, bei der jüngsten Sitzung der kommunalen Gesundheitskonferenz. Noch drastischer formulierte es Elke Hertig: „Der Klimawandel hat immense Gesundheitsrisiken zur Folge.“ Die Expertin ist Inhaberin der deutschlandweit ersten Professur für regionale Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg.
Bei den von Hertig angesprochenen Risiken geht’s nicht nur um Hitzschlag, Sonnenstich und Co. Auch „die Ausbreitung von krankheitsübertragenden Vektoren wie Mücken oder Veränderungen im Bereich der Luftschadstoffe“ führten zu einer erheblichen Gesundheitsbelastung. „Ein ambitionierter Klimaschutz ist nötig, um die gravierendsten Folgen abzumildern“, betonte Hertig.
Der Lahrer Kinder- und Jugendmediziner Christof Wettach geht von weiteren Konsequenzen aus: Mehr Frühgeburten, mehr angeborene Herzfehler, mehr Allergien, mehr Asthma – der Mediziner sieht im Gespräch mit unserer Redaktion vor allem die Gesundheit der Allerjüngsten bedroht. Er beschäftigt sich schon länger mit dem Thema und engagiert sich beim Verein „Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit“, ist dort Teil einer Arbeitsgruppe von Kinder- und Jugendärzten. „Es geht darum, Praxen klimafreundlicher zu machen und Kinder, Jugendliche und Eltern zu beraten“, so Wettach.
Lahrer Kinderarzt sieht vor allem die Jüngsten bedroht
Der Aufklärungsbedarf rund um die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels sei groß. „Ich glaube vielen Menschen ist nicht klar, was das für unsere Gesundheit der kommenden zehn, zwanzig Jahren bedeutet.“ Diese Entwicklung könne man bisher vor allem im globalen Maßstab erkennen. „Wenn die Erde krankt – quasi Fieber bekommt – treten auch vermehrt Kinderkrankheiten auf“, erläuterte Wettach im Gespräch mit unserer Redaktion.
Allergiker bekämen die Veränderungen bereits jetzt auch in der Ortenau zu spüren. „Da es durch die milden Winter viel früher zu blühen anfängt, beginnt die Heuschnupfenzeit auch früher“, so der Kinderarzt. „Allergiker können gar nicht mehr durchschnaufen.“ Durch die wärmeren Umweltbedingungen fühlten sich zudem hochallergene Pflanzen – wie etwa „Ambrosia“ – in der Region immer wohler. Die Mischung aus Luftverschmutzung und Pollenbelastung sorge darüber hinaus auch für mehr Asthmatiker, so Wettach.
Damit nicht genug: Der Mediziner rechnet auch damit, dass Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen – wie bereits in der Corona-Zeit – noch mal deutlich zunimmt. „Je wärmer es draußen ist, desto mehr ist man drinnen.“ Die Bewegung werde auf der Strecke bleiben, fürchtet Wettach.
Neue Arbeitsgruppe soll sich Thema annehmen
Der Mediziner sieht die Politik in der Pflicht, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. „Jetzt haben wir noch die Chance, was zu ändern“, betonte er. Ganz akut könne man die Zahl der Hitzetoten im Sommer durch sogenannte Hitzeaktionspläne reduzieren.
Solche „Anpassungsmaßnahmen“ seien unerlässlich, „um die Gesundheit der Menschen zu schützen“, fasste auch Expertin Elke Hertig bei der Sitzung der kommunalen Gesundheitskonferenz zusammen. In Workshops konnten sich die Teilnehmer unter anderem über Hitzeaktionspläne informieren und in die Diskussion gehen. Die Plenumsmitglieder sprachen sich im Anschluss für die Gründung einer neuen Arbeitsgruppe zum Thema „Klimawandel und Gesundheit“ aus.
Maßnahmen und Co.
Hitzeaktionsplan
Bei den Aktionsplänen handelt es sich um eine Sammlung von Maßnahmen, die die gesundheitlichen Folge von Hitze reduzieren sollen. Konkret geht es etwa um Warnsysteme, Risikogruppen, Hinweise, Städtebauliche Maßnahmen und mehr.
Gesundheitskonferenz
Die kommunale Gesundheitskonferenz ist ein Koordinierungs-, Beratungs- und Vernetzungsgremium. Sie entwickelt Ziele für die Bereiche der Gesundheitsförderung und Prävention, der Versorgung sowie der Pflege mit örtlichem Bezug.