Die erste Passagier-Fahrt mit einem Zug vom Typ Mireo B-Plus des Herstellers Siemens Mobility fand am 8. April in Offenburg statt. Seither ersetzten insgesamt 23 Fahrzeuge der Art nach und nach – wo technisch möglich – die alten Diesel-Fahrzeuge im Kreis. Foto: Armbruster

Vor fast zwei Monaten mit großem Medienrummel gestartet, befindet sich aktuell nur rund die Hälfte der neuen rein elektrischen Ortenau-S-Bahnen im Einsatz – derweil fahren im Kreis wieder Diesel-Züge.

Eine Band auf dem Bahnsteig, Ministerbesuch aus Stuttgart, Zug-Taufe mit Kinzigwasser – die erste Passagierfahrt eines Batteriezugs der Firma Siemens Mobility war ein Ereignis. Verkehrsminister Winfried Hermann sprach bei der Deutschland-Premiere am 8. April in Offenburg gar davon, dass „ein neues Kapitel in der Eisenbahngeschichte“ beginne.

 

Gut zwei Monate später fällt die Bilanz ernüchternd aus: „Aufgrund technischer Schwierigkeiten an der Siemens-Mireo-Flotte kann es bis auf Weiteres zu kurzfristigen Änderungen und Ausfällen auf den SWEG-Zugverbindungen in der Ortenau kommen“, heißt es in einer am vergangenen Freitag von der Verkehrsgesellschaft SWEG veröffentlichten Meldung. Betroffen seien die Achertal-, Renchtal-, Europa-, Schwarzwald-, Kinzigtal- sowie die Harmersbachtalbahn.

SWEG-Sprecher Christoph Meichsner konkretisiert das Ausmaß der Probleme auf Anfrage: „Zuletzt waren alle Batteriehybridfahrzeuge im Einsatz. Aufgrund der aktuellen technischen Schwierigkeiten kann derzeit nur ein kleinerer Teil der Fahrzeuge genutzt werden.“

Ausfälle sorgten vor allem im Renchtal für Frust

Von den 23 Ortenauer Batterie-Zügen, die sowohl auf Strecken mit als auch ohne Oberleitung rein elektrisch fahren können, sind laut SWEG derzeit nur acht im Einsatz. Den Rest der Fahrten übernehmen die alten Diesel-Fahrzeuge. Kurzfristige Ausfälle hatten zuletzt vor allem bei Passagieren im Renchtal für Frust gesorgt.

Die Verantwortung trägt laut eigenem Bekunden nicht die SWEG. „Der eigentliche Verantwortliche für technischen Betrieb ist das Land beziehungsweise Siemens Mobility“, erläutert Alexander Blankenburg, Fachbereichsleiter Eisenbahnbetrieb. Denn der SWEG werden die Züge nur zur Verfügung gestellt – Eigentümer ist das Land.

Landesverkehrsminister Winfried Hermann gab am 8. April den Startpfiff für die neuen Batterie-Züge in der Ortenau. Foto: Armbruster

Technische Schwierigkeiten seien bei einer „so innovativen Technologie“ nicht ungewöhnlich, betont Blankenburg gegenüber unserer Redaktion. Die SWEG versuche alles, um Siemens Mobility dabei zu unterstützen, die Kinderkrankheiten in den Griff zu bekommen.

Wobei die Ausfälle aufgrund technischer Probleme kaum ins Gewicht fielen. „Wir fahren im Ortenau-Netz 40 000 Zugkilometer in der Woche und haben gerade mal eine Ausfallquote von deutlich unter einem Prozent“, konstatiert der Fachbereichsleiter. Die meisten Ausfälle habe die Bahn-Infrastrukturtochter Infra-Go zu verantworten. Aus Sicht der SWEG laufe der Betrieb relativ reibungslos.

Ausfallquote liegt bei unter einem Prozent

Dass aktuell nur rund die Hälfte der Batterie-Züge im Einsatz ist, hat laut Blankenburg nichts mit den immer mal wieder auftretenden technischen Schwierigkeiten zu tun. Viel mehr habe Siemens Mobility die Züge von sich aus einbestellt – das sei relativ kurzfristig passiert. Warum?

„Bei der Einführung unserer Züge für das Netz Ortenau ist es zu dokumentarischen Abweichungen gekommen, die derzeit bereinigt werden“, teilt ein Sprecher von Siemens Mobility unserer Redaktion mit. „Dies ist bei der Einführung neuer Flotten, speziell wenn es sich um neue Technologien wie Batterieantriebe handelt, leider nicht immer auszuschließen. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer schnellen Klärung und möchten uns bei den Fahrgästen für eventuelle Unannehmlichkeiten entschuldigen.“ Die Rückfrage, was sich hinter dem kryptischen Begriff „dokumentarische Abweichungen“ verbirgt, blieb bis Redaktionsschluss am Dienstagabend unbeantwortet.

Eigentlich sollte Siemens-Technologie jegliche Ausfälle verhindern: „Dank modernster Algorithmik und Datenanalyse werden so mögliche Störungen erkannt, bevor sie zu Ausfällen führen. Dadurch wird eine 100-prozentige Verfügbarkeit der Flotte sichergestellt“, hieß es in einer Mitteilung der SWEG zum Start der Batterie-Züge in der Ortenau im Apil.

„Regelbetrieb“ erst wieder ab Mitte Juli

Laut Fachbereichsleiter Blankenburg komme ein Rückruf immer mal wieder vor und habe mit diversen Vorgaben zu tun. „Dafür haben wir jedoch die Redundanz-Flotte“, erläutert er. Er gehe davon aus, dass alle Mireo-B-Plus-Züge bis Mitte Juni wieder im Regelbetrieb fahren werden.

Bereits die Einführung der neuen Batterie-Züge war nicht ganz reibungslos gelaufen. Die Inbetriebnahme war eigentlich vier Monate früher geplant gewesen. Lieferengpässe hatten den ursprünglich im Dezember geplanten Start jedoch verhindert. „Bei Innovationen gibt es auch mal Schwierigkeiten“, hatte Verkehrsminister Hermann bei der Premieren-Fahrt mit Blick auf den verspäteten Start betont. Vom heutigen Zeitpunkt aus gesehen ein nahezu prophetisches Wort.

Kosten bleiben geheim

Die Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg hatte bei Siemens Mobility 27 Batteriezüge mit jeweils 120 Sitzplätzen und einer Toilette bestellt – 23 davon sollten in der Ortenau zum Einsatz kommen. Ihre Spitzengeschwindigkeit beträgt im hiesigen Netz laut Hersteller 140 Stundenkilometer. Zu den Investitionskosten machte das Verkehrsministerium mit Hinweis auf das Betriebs- und Geschäftsgeheimnis des Herstellers im vergangenen Sommer keine Angaben.