Das ungewöhnliche Orchester aus Frankreich begeisterte die Lörracher. Foto: Tonio Paßlick

Das etwas andere Orchester: Plaudernd, spontan und diskussionsfreudig sorgten die Musiker von Les Forces Majeures für ungewöhnliche Musikerlebnisse.

Am Ende der zweiten Zugabe erheben sich die 19 Musiker des Orchesters Les Forces Majeures von ihren Stühlen, spielen weiter, während das Publikum die Melodie von Yves Montands „La bicyclette“ weiter summt und die Geiger auf die Menschen zugehen, die Bläser im Tretrhythmus vor der Bühne paradieren und das alles im begeisterten Beifall der Besucher untergeht.

 

Flash-Mob abgebrochen

Das locker in gelbe T-Shirts gewandete „Fahrrad-Orchester“ aus dem Limousin hatte nicht nur während des Konzertes am Mittwoch durch die empathische Moderation ihres Dirigenten Raphaël Merlin ein Band zwischen sich und dem Publikum geknüpft, sondern schon bei einigen Begegnungen am Vortag.

30 Velo-Fahrer dabei

Rund 30 Velo-Fahrer beteiligten sich an der Fahrt zwischen dem Eglisee und dem Burghof. Dann erlebte man eine lockere Probe im Burghof und anschließend in der Innenstadt einen leider von der Polizei abgebrochenen Flash-Mob der Musiker.

Diskussion zur Nachhaltigkeit

Dafür war das gesamte Orchester abends in der Musikschule bereit, nach der Diskussion über Nachhaltigkeit und Klima mit Bernhard Höchst, Gerhard Zickenheiner, Timo Sadovnik und Musikern spontan zwei Stücke aus ihrem Programm zu spielen. Viele Besucher waren noch am Mittwoch vor dem Konzert begeistert von der offenen Kommunikation der Musiker und der Signalwirkung, die von einem Orchester ausgeht, dass den ökologischen Fußabdruck von Kulturveranstaltungen verbessern möchte, indem es von einem Konzertort zum nächsten mit dem Fahrrad fährt.

Mit ihrem Programm „Delta“ griffen „Les Forces Majeures“ im Burghof die verschiedenen Arten der Fortbewegung musikalisch auf. Nach einem kurzweiligen Start mit Robert Schumanns „Eintritt“ und Francis Poulencs pfiffiger Fantasie über die Eisenbahnfahrt folgten zwei Themenbereiche mit Kompositionen zum Thema „en bateau“ (im Schiff) und „Auf der Erde“.

Orkanhafte Wucht

Dirigent Raphaël Merlin, den man als Cellist mit internationaler Reputation kennt, hatte fast alle Arrangements den Musikern des kleinen Klangkörpers auf den Leib geschrieben. Wo die Elemente des Meeres von Felix Mendelssohn mit orkanhafter Wucht toben, werden die tiefen Streicher von Pauken, Fagott und Trompete unterstützt, während in den leisen Stücken eine fast magische Transparenz der Klänge zwischen perlender Harfe und getupften Flötentönen erzeugt wird.

Klangmalerei

Welten liegen auch beim gleichen Thema zwischen „En Bateau“ von Poulenc und Debussy, der seine Bootstour in zarter, impressionistischer Klangmalerei zwischen Querflöten-Soli, Harfe und Oboe erleben lässt. In Ravels „Une barque sur l’océan“ malen weiträumige Arpeggien eine maritime Genreszene – einerseits Abbild einer Wind und Wellen ausgesetzten Barke, andererseits Sinnbild des schwankenden menschlichen Lebens.

Lyrisch und dynamisch

Auch die Fortbewegung auf der Erde kann solche lyrischen und dynamischen Bilder evozieren. Lyrisch, mystisch und märchenhaft bei den Waldszenen von Schumann, mit fröhlicher Zuversicht in den Fahrrad-Kompositionen von Poulenc und Josef Strauss, dessen „Vélocipède-Polka“ op 259 von einem hörbar inspirierten Orchester ansteckend heiter und kontemplativ zugleich interpretiert wurde. Passend dazu der Dirigent, der davon sprach, dass ihr Projekt „Accordez vos vélos!“ extrem neue und andere Begegnungen mit dem Publikum ermöglicht habe. Das reagierte wiederum dankbar mit stehenden Ovationen.