Gestalteten einen besonderen Abend zum Reformationstag: Organist Oliver Geiger (links) und Pfarrer Ernst Nestele Foto: Eyrich

Reformationstag: Organist und Komponist Oliver Geiger brilliert an der Weigle-Orgel / Nestele gibt Impulse

Minutenlang stehend applaudierende Zuschauer nach einer Orgelandacht? Wenn Oliver Geiger spielt, nimmt es nicht Wunder. Am Reformationstag haben er und Pfarrer Ernst Nestele vor voller Kirche den Abend gestaltet.

Winterlingen. Wer zu einer Orgelandacht mit Oliver Geiger kommt, weiß vorneweg zwei Dinge. Erstens: Er wird Werke berühmter Komponisten in bestmöglicher Version hören. Und zweitens: Geiger wird Eigenkompositionen mitbringen, die alleine das Kommen lohnen. Dass der Mann noch nicht weltbekannt ist, liegt einzig und allein an seiner Bescheidenheit, denn in der Liga der Komponisten, deren Werke seine flankieren, spielt Aufsteiger Oliver Geiger bereits mit, auch wenn dort Johann Sebastian Bach das Abonnement auf den Spitzenplatz hat. Mit seiner Komposition "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend’" BWV 709 vertreibt Geiger sogleich die Dunkelheit des ersten Abends der Winterzeit.

Wie er die Weigle-Orgel der evangelischen Kirche Winterlingen überhaupt hell und festlich registriert, auch beim Concerto G-Dur von Christoph Wolfgang Druckenmüller, drei Stücken von Dietrich Buxtehude und dem eines anonymen Komponisten aus dem Husumer Orgelbuch von 1758: Geiger reizt die Klangfarben der Orgel aus, glänzt mit flinkem Fingersatz und feinem Gespür für Tempi und Zwischentöne. Dass er dabei mit Verve und tänzerischer Leichtigkeit spielt, als sei Orgelspielen auf diesem Niveau das Einfachste auf der Welt, spricht nicht nur für seine Erfahrung und Routine, sondern für meisterhafte Souveränität.

Die Glocken der evangelischen und der katholischen Kirche im Einklang

Zwischen den Stücken setzt Pfarrer Ernst Nestele textliche Impulse – schließlich ist Reformationstag. Schon das Festgeläut des Gotteshauses hat den Abend im Einklang mit den Glocken der katholischen Kirche eröffnet. Nun wendet sich der evangelische Pfarrer in den Lesungen den Gemeinsamkeiten der christlichen Kirche, ihrer gemeinsamen Basis, zu, etwa im sechsten Kapitel des fünften Buches Mose: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott", heißt es dort – auch für Juden ist das die Basis ihres Glaubens. Dass der Mensch alleine durch diesen gerecht werde, lässt Nestele in der Lesung des Paulusbriefs an die Römer anklingen – am Reformationstag soll die Rechtfertigungslehre als Fundament der protestantischen Kirche schließlich nicht vergessen werden. Und vor dem Segen zitiert Nestele die Seligpreisungen aus dem Matthäus-Evangelium – Aufträge, die zur herannahenden Adventszeit passen.

Höhepunkt des Abends sind freilich die Eigenkompositionen von Oliver Geiger – weniger das kurze "Orgelstück d-Moll", mit dem Geiger die Spanne zwischen hohen und tiefen Tönen, gleichsam zwischen Himmel und Erde, weit öffnet, sondern vor allem die Partita im alten Stil "Ach wie flüchtig". Nicht weniger als acht Sätze zeugen darin von Geigers schier unerschöpflichem Ideenreichtum, seiner Originalität und seiner Vielseitigkeit, denn vom klassischen Choral bis zur avantgardistischen Klangkaskade und imitiertem Vogelgesang ist alles drin, was die Königin der Instrumente hergibt.

Den Abend beendet Oliver Geiger nach einem Gemeindelied, dem Vaterunser und dem Segen dann aber doch mit Bach und erweist dem Meister aller Klassen mit seinem leidenschaftlichen Vortrag des "Präludium und Fuge e-moll" BWV 533 und der Zugabe, dem bekannten Präludium in C-Dur, BWV 846, seine Reverenz, kehrt mit meisterhaftem, pointiertem Spiel Bachs Genie hervor. Den minutenlangen Applaus, den die Zuhörer stehend spenden, nimmt Oliver Geiger fast überrascht entgegen. Der Mann ist für sein Können eben viel zu bescheiden.