Seit seiner Geburt lebt Andreas Gässler mit einem Herzfehler; seit Jahren trägt er ein Kunstherz – trotzdem kommt er für eine Transplantation nicht in Frage. Die Hoffnung darauf gibt er nicht auf.
Auf den ersten Blick scheint es Andreas Gässler an nichts zu fehlen. Der 38-Jährige, der in Sigmaringen wohnt, geht regelmäßig ins Fitnessstudio und brennt leidenschaftlich für den Faustball.
Einzig die kleine Bauchtasche, die er stets mit sich trägt, ist ein Hinweis darauf, dass der äußere Schein trügt. Darin befinden sich ein Akku und ein Kontrollgerät zu dem Kunstherz, das er seit sechs Jahren trägt.
„Ich bin mit einer Transposition der großen Gefäße – kurz TGA – geboren worden“, sagt er. Die TGA ist laut Deutscher Herzstiftung ein Herzfehler, bei dem der Ursprung der Lungen- und der Hauptschlagader miteinander vertauscht sind. Etwa jedes 2000. Neugeborene ist davon betroffen.
Normalerweise gehen der Lungen- und der Körperkreislauf ineinander über, ganim Falle der TGA sind sie voneinander getrennt. „Das mit Sauerstoff angereicherte Blut wurde nicht in meinen Körper gepumpt, sondern zurück zur Lunge“, erklärt Gässler.
Mit sechs Monaten am offenen Herzen operiert
Kurz nach seiner Geburt wurde daher das „Rashkind-Manöver“ bei ihm durchgeführt und mit einem Katheter eine kleine Verbindung zwischen den Herzvorhöfen vergrößert. Dadurch konnte sich das sauerstoffreiche mit dem sauerstoffarmen Blut vermischen.
„Funktioniert relativ gut, ist aber keine Dauerlösung“, weiß Gässler. Er war sechs Monate alt, als beim ihm die erste Operation am offenen Herzen vorgenommen und die „Vorhofumkehr nach Senning“ durchgeführt wurde. Die Vorhöfe seines Herzens wurden vertauscht und die Blutbahnen umgeleitet.
Trotz aller Handicaps hat er eine aus seiner Sicht normale Kindheit genossen. Aufgewachsen ist Andreas Gässler in Benzingen, wo er bis 2020 lebte und beim TSV Fußball spielte – meist als Torwart.
Wegen seines Herzschrittmachers musste er das Fußball spielen aufgeben
Mit zwölf Jahren hatte er immer wieder mit Herzrhythmusstörungen zu kämpfen, weshalb ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt wurde und er das Fußball spielen aufgeben musste. „Meine Eltern hatten zu große Angst, dass ein Ball auf den Schrittmacher prallt.“
Abgesehen davon habe es keine besonderen Verbote für ihn gegeben. „Die Ärzte fanden es sogar gut, dass ich als Jugendlicher rausgegangen bin – auch wenn es manche Dinge gab, die ich sie besser nicht wissen ließ.“
Knüppeldick traf es ihn in den Folgejahren: 2015, kurz vor seinem 30. Geburtstag, erlitt er einen Schlaganfall, den er als seine „bislang größte psychische Herausforderung“ ansieht. Aber auch sein Herz wurde immer schwächer. 2018, mit 32 Jahren, hatte er einen Herzstillstand.
„Wenige Tage zuvor bin ich zu Hause bewusstlos geworden, zum Glück aber von allein wieder aufgewacht.“ Darauf ging er zur Beobachtung in die Uniklinik Tübingen. Dort sei er, während eines Besuchs seiner Mutter, auf dem Bett sitzend plötzlich umgekippt. Gemerkt habe er davon nichts.
Schwimmen darf der gebürtige Benzinger mit dem Kunstherzen nicht
Die Ärzte konnten ihn wiederbeleben, doch er lag neun Tage lang im Koma. Daraufhin wurde ihm ein „Left Ventricular Assist Device“ eingesetzt, eine Pumpe, die seither sein eigenes Herz mechanisch unterstützt.
Mit diesem Kunstherz darf er nicht schwimmen gehen; beim Duschen muss er die Stelle, in der das Kabel in seinen Körper führt, sorgsam abkleben und Akku und Kontrollgerät in einer wasserdichten Tasche verstauen.
Außerdem konnte er von 2018 bis 2023 nicht als Maschinenbautechniker arbeiten, musste freigestellt werden. Er hat die Zeit unter anderem dafür genutzt, sich im Fernstudium zum Sporttherapeuten ausbilden zu lassen.
Die Hälfte der Frist ist bereits verstrichen
Andreas Gässler selbst sieht seine Lage relativ gelassen, auch wenn ihm die Zeit davonläuft: „Die Lebenserwartung mit einem Kunstherzen beträgt etwa zehn Jahre; davon habe ich schon ungefähr die Hälfte hinter mir.“
Der Grund dieser geringen Lebenserwartung sei das steigende Infektions- und Komplikationsrisiko. Letztlich sei das Kunstherz eine reine Übergangslösung bis zur Herztransplantation – doch da steht Andreas Gässler nicht allzuweit oben auf der Dringlichkeitsliste.
Gässler: Deutschland könnte in Sachen Organspende viel mehr tun
Das weiß er auch – und dass immer mehr Menschen ein Spenderherz benötigen, es aber gleichzeitig immer weniger davon gibt. In Sachen Organspende, sagt er, könnte in Deutschland viel mehr getan werden.
Zusammen mit sieben weiteren Ländern sei Deutschland Mitglied der Stiftung Eurotransplant – aber das einzige dieser acht Länder mit einer Entscheidungslösung.
Die Folge: Deutschland bezieht tendenziell mehr Spenderorgane, als es zur Verfügung stellt. „Wenn wir die Widerspruchslösung einführen und die Option einer Spende nach dem Herztod ergänzen würden, stünden sofort viel mehr Spenderorgane zur Verfügung – und dann wäre die Sache auch fairer gestaltet.“
Aus diesem Grund hat Gässler im Mai an einer Pressekonferenz des Bündnisses ProTransplant teilgenommen, das eine Verfassungsklage anstrebt, um die „dramatische Situation bei der Organspende grundlegend“ zu verbessern, wie es in einer Pressemitteilung heißt.
Eine Gesetzesinitiative setzt sich für die Widerspruchsregelung ein
Inzwischen gibt es auch eine Gesetzesinitiative von acht Bundesländern für die Einführung der Widerspruchsregelung – jetzt ist es am Bundestag, zu entscheiden.
Unterdessen lässt Andreas Gässler auf seinem Instagram-Kanal @andi_waitingfornewheart die Leute an seinem Leben teilhaben. Er will mehr öffentliches Bewusstsein für Themen wie Organspende und Herzkrankheiten schaffen.
Und gibt die Hoffnung nicht auf, eines Tages wieder Faustball spielen zu können – und nach Kathmandu und in den Himalaya zu reisen. Und auch wenn er dem Fußball den Rücken gekehrt hat, dem TSV Benzingen hält er als passives Mitglied und Zuschauer die Treue.