Alice Gaiselmann aus Villingendorf hat dank ihrer Tante ein neues Leben. Sie appelliert sowohl an die Politik wie auch die Bevölkerung.
Es beginnt schleichend, fast banal. Alice Gaiselmann glaubt zunächst an eine harmlose Migräne. Doch was als Kopfschmerz mit Mitte 20 startet, entwickelt sich zu einem medizinischen Alptraum, der ihr Leben für Jahre zum Stillstand bringt.
Heute sitzt die junge Frau in Villingendorf und erzählt ihre Geschichte – ohne Groll, ruhig und bemerkenswert gefasst. Doch hinter dieser Ruhe liegt ein kräftezehrender Kampf gegen das eigene Organversagen. Der Wendepunkt kam bei einer Untersuchung ihrer vermeidlich starken Kopfschmerzen. Festgestellt wurde ein Blutdruck von 250 zu 150 – Werte in Lebensgefahr.
Dialyse bestimmt das Leben
Die Überweisung ins nephrologische Zentrum nach Villingen und eine anschließende Nierenbiopsie brachten Gewissheit, aber keine Erklärung. „Eine schwere Nierenerkrankung“, so das Urteil der Ärzte. Die Ursache? Bis heute ein Rätsel. Weder genetische Vorbelastungen noch Vorerkrankungen ließen sich in der Familie finden.
Zunächst reichten Medikamente aus, um den Alltag zu stützen. Doch die Nierenfunktion sank unaufhörlich. Mit 31 Jahren folgte der unausweichliche Schritt: der Beginn der Dialyse. Von nun an taktete die Maschine ihr Leben. Dreimal pro Woche, jeweils viereinhalb Stunden. „Arbeit, Dialyse, schlafen“, beschreibt sie den zermürbenden Rhythmus, der keinen Raum für ein Privatleben ließ.
Helfen ist selbstverständlich
Während dieser Zeit erlebte sie die harten Realitäten der Station. „Jeden Monat verstarb mindestens ein Mitpatienten“, erinnert sie sich. Die Hoffnung auf ein Spenderorgan ist in Deutschland oft ein Geduldsspiel, das zehn Jahre dauern kann. Während Alices Mutter aufgrund inkompatibler Blutgruppen und Antikörper als Spenderin ausschied, war Tante Petra Gaiselmann die Hoffnung.
Für sie war die Entscheidung keine Frage des Abwägens, sondern eine der Überzeugung. Als langjährige Blutspenderin und registrierte Stammzellspenderin gehörte das Helfen für sie schon immer zum Selbstverständnis. Doch der Weg zur Lebendspende ist bürokratisch und medizinisch steinig.
Eine neue Freiheit
Ethikkommissionen prüfen streng, um Organhandel auszuschließen; Mediziner checken die Spenderin auf Herz und Nieren. Nach Monaten kam es zur Operation. Vor der Operation verabschiedete sich Petra Gaiselmann mit einem bewegenden Versprechen von ihrer Nichte: „Wir sehen uns in deinem neuen Leben wieder.“
Die vierstündige Transplantation verlief ohne Komplikationen. Seit einem halben Jahr arbeitet nun eine neue Niere in Alice Gaiselmanns Körper. Obwohl sie weiterhin engmaschig kontrolliert werden muss, habe sie ihre Freiheit zurückgewonnen. Diesen Erfolg nutzen die beiden Frauen nun für einen Appell an die Gesellschaft und die Politik.
Widerspruchslösung nötig
Sie kritisieren die in Deutschland geltende Entscheidungslösung. Während in anderen Ländern die Widerspruchslösung die Zahl der Spender erhöht, müsse man sich hierzulande aktiv durchringen. „Es kann jeden treffen, auch in jungen Jahren“, betonen sie.
Ihr Wunsch ist klar: Mehr Mut in der Politik für ein System, das Leben rettet, und mehr Bewusstsein in der Bevölkerung für das Thema Organspende.