Fünf Männer, Handschellen, ein gigantisches Netzwerk: In Villingen-Schwenningen lief ein Drogenimperium, das von einer hiesigen Spedition bis Spanien reichte. Jetzt beginnt der Prozess.
Der Prozess am Landgericht Konstanz offenbart Erstaunliches: Villingen-Schwenningen war wohl nicht nur ein Tatort, sondern sogar der Nabel eines ganzen Drogenimperiums.
In ganz großem Stil sollen die Täter von hier aus den Rauschgifthandel betrieben haben – bis sie schließlich hinter Gitter landeten. Es geht insgesamt um 500 Kilogramm Marihuana und etwa sechs Kilogramm Kokain. Seit dem 5. Mai sitzen fünf Männer als Angeklagte in einem nicht alltäglichen Drogenprozess auf der Anklagebank des Landgerichts Konstanz.
Die Vorsichtsmaßnahmen sind umfangreich. Sicherheitsschleusen vor dem Gerichtssaal. Taschendurchsuchungen. Und getrennt voneinander werden die Angeklagten, drei davon in Handschellen und Fußfesseln, in den Saal geführt. Drei von ihnen kommen direkt aus dem Gefängnis, wo sie seit Monaten in U-haft sitzen.
Mit ganz viel System
Einen langen Atem hatten die mutmaßlichen Täter bereits davor. Rund zwei Jahre lang sollen sie ab September 2023, so wirft es ihnen die Staatsanwaltschaft vor, nicht nur schwunghaft mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge gehandelt, sondern mit ganz viel System ein regelrechtes internationales Drogenimperium aufgebaut haben.
Doch wer jetzt an Hinterhofhandel im Milieu und schmierige kleinkriminelle Dealer unter Brücken und an Bahnhöfen denkt, liegt falsch. Die fünf Männer – 25, 33, 34, 46 und 55 Jahre alt und albanischer, bulgarischer sowie britischer Nationalität – machen zwar einen ganz unterschiedlichen Eindruck als sie in den Gerichtssaal geführt werden. Verwahrlost und „auf Droge“ wirkt keiner von ihnen.
Er würde jetzt lieber eine rauchen
Jeans, T-Shirt oder Hemd, sowie teure Sneakers und manchmal ein leicht unsicherer Blick, der kurz über die Anwesenden im Gerichtssaal huscht. Manche von ihnen könnten die netten jungen Männer von nebenan sein. Nur als zwei Bandenmitglieder die Personen im Saal lange und aus schmalen Schlitzen mustern und einer den anderen fast schon frech angrinst, kaum wurden ihm die Handschellen abgenommen, blitzt diese andere Welt für Sekunden kurz im Gerichtssaal auf.
Lediglich einer der Fünf im Bunde, der Betagteste von ihnen, wirkt verwegener und seltsam unbeeindruckt vom hohen Gericht. Als der Staatsanwalt Kulikow die ellenlange Anklageschrift vorliest, signalisiert er einem Komplizen mit der Hand, dass er jetzt lieber eine rauchen würde. Später wird sich herauskristallisieren, dass bei einer Durchsuchung der Wohnung dieses 55-Jährigen auch eine Schusswaffe und ein Messer gefunden worden sind – und dass sein Zuhause jahrelang der Umschlagplatz für kiloweise Marihuana und Kokain, gelegentlich auch Amphetamine, gewesen sein soll.
Spedition wird zur Drehscheibe
Noch mehr Aufhorchen aber lässt während des Prozesses ein anderer Umschlagplatz: Wenn die Anklage stimmt, soll der 34-jährige mutmaßliche „Kopf“ der Bande jahrelang systematisch große Mengen Marihuana und Kokain bei einer Kontaktperson im spanischen Granada bestellt haben. Per Lastwagen wurde die Ware auf dem Landweg nach Deutschland gebracht, genauer: nach Villingen-Schwenningen auf das Areal einer international tätigen Spedition. Wie diese zur Drehscheibe für internationale Drogengeschäfte werden konnte, wird erst am zweiten Verhandlungstag offenbar: Einer der Angeklagten war Lastwagenfahrer und dort beschäftigt – er flog, als die Sache rauskam.
In dem Drogengeschäft hatte offenbar jeder der Angeklagten seinen festen Platz: Der Ex-Lastwagenfahrer soll die Ware – meist zehn bis 45 Kilogramm Marihuana und kiloweise Kokain – auf dem Speditionsgelände laut Anklage in Empfang genommen und mit Leihfahrzeugen gebracht haben zu dem anderen, 55-jährigen Angeklagten. Dort soll das Lager gewesen sein.
Netzwerk reicht bis ins Ausland
Dann wurde laut Anklage – in der Regel in Tranchen von einem bis zehn Kilogramm – portioniert, verpackt – manchmal in gewöhnliche Umzugskartons – und schließlich an die beiden jüngsten Bandenmitglieder übergeben. Quasi als Kuriere hätten sie laut Anklageschrift das Rauschgift zu weiteren Dealern geschafft – ihr Einzugsgebiet war scheinbar grenzenlos St. Georgen, Stuttgart, Frankfurt, Mühlheim an der Donau, Heilbronn oder auch das Ausland, etwa Österreich. Das Ziel: satte Gewinne.
Die Rechnung ging demnach auf. Immer wieder verliest Staatsanwalt Kulikow sechsstellige Summen. Am Ende stehen 1,4 Millionen Euro im Raum – und vorgeschlagene Haftstrafen zwischen knapp fünf und bis zu achteinhalb Jahren.
Tränen im Zuschauerraum
Im Zuschauerraum kullern angesichts dessen Tränen, auch wenn sich die Partnerin des mutmaßlichen Kopfs der Bande noch so sehr zusammenzureißen versucht. Er wirft ihr von der Anklagebank einen Handkuss zu. Versucht ihre Angst wegzugrinsen. Vielleicht hat er noch einen Funken Hoffnung.
Denn das nächste Geschäft der Bande sollte ein Deal ganz anderer Art sein: Die am Verfahren Beteiligten unterbrechen die Sitzung bereits am ersten Verhandlungstag nach Verlesung der Anklageschrift und ziehen sich zurück, um nach Möglichkeit – bereits im zweiten Anlauf – doch noch eine Verständigung zu erreichen. Die Sache geht schief. Der Prozess geht weiter, kein Deal. Es wurde hart gepokert, Anwälte drängten auf noch geringere Strafmaße, gaben dem Vorsitzenden Richter Arno Hornstein einen Korb, was die vorgeschlagenen Höhen der drohenden Gefängnisstrafen angeht. Und der revanchiert sich unmissverständlich. Die bereits eingangs in Aussicht gestellten Strafmaße seien „aus Sicht der Kammer überraschend“, stellt er klar und weiter: „Mit dieser Milde dürfen Sie jetzt nicht mehr rechnen.“
Das Verfahren gegen die Bande wegen umfangreichen, bandenmäßigen Drogenhandels dauert an.