Ordensschwester Tobia Kein Motorrad, kein Konsum, kein Gehalt – warum man mit 24 ins Kloster geht
Eine Göppingerin lernt Orthopädieschuhmacherin. Seit acht Jahren lebt sie als Franziskanerin im Kloster. Was bringt eine junge Frau dazu, auf Geld und Karriere zu verzichten?
Der Händedruck ist fest. Dazu ein fröhliches „Hallo“ vor dem Eingang zur Festhalle des Klosters. Die junge Franziskaner-Schwester Tobia empfängt den Besucher im einfachen grauen Arbeitskleid und schwarzem Schleier auf dem Reuter Klosterberg im oberschwäbischen Bad Waldsee. Gerade ist sie dabei, den Saal für den Kommunionsunterricht von gut 60 Schülerinnen und Schülern herzurichten. Die Attraktion für die Acht- und Neunjährigen aus der ganzen Umgebung: das Hostieneisen aus der Hostienbäckerei des Klosters: „Das Ding herumzuschleppen, ist ganz schön schwer“, sagt sie und lacht.
Die Franziskanerinnen von Reute finden heute kaum noch junge Frauen, die sich für ein Leben im Kloster entscheiden. Es sind keine Nonnen, die zurückgezogen leben, sondern wohltätige Ordensfrauen. Von einst rund 1800 sind nur noch 130 geblieben, die in der Pflege, in der Bildung oder im Handwerk arbeiten. Ihre Blüte erlebte die 178 Jahre alte Ordensgemeinschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung große soziale Not mit sich brachte. Heute sind die Schwestern im Schnitt 80 Jahre alt.
Die große Ausnahme: Schwester Tobia
Auch in Reute stehen Räume leer, andere werden für ein klosternahes Wohnen umgebaut. Die Alltagswelt der Menschen und das Leben im Kloster haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter voneinander entfernt. Die junge Schwester Tobia ist da die große Ausnahme.
„Kaum jemand weiß noch, mit uns etwas anzufangen“, erzählt die 32-Jährige, die früher Jessica Hartmann hieß. Vor ein paar Wochen erst hat sie sich mit der ewigen Profess auf Lebenszeit an den Orden gebunden. Dabei hat sie nach Jahren als Klosterkandidatin drei Gelübde abgelegt: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam. Als sichtbares Zeichen dafür trägt sie den Buchstaben T – griechisch Tau – an einer schlichten Kette um den Hals und golden am Ringfinger der rechten Hand. Der heilige Franziskus segnete damit vor gut 800 Jahren.
Die lebhafte und direkte Frau beschreibt ihr Vorleben jenseits der Klostermauern als „ganz normal“: Aufgewachsen in Salach im Landkreis Göppingen sind Religion und Glaube im Elternhaus – Vater Mechaniker, Mutter Sekretärin – eigentlich kein Thema. Reute lernt sie bei der Vorbereitung auf ihre Firmung zum ersten Mal kennen. Die Klosterwelt fasziniert sie: Wie leben die Schwestern, wie verbinden sie Alltag und Glauben?
Nach dem Abitur absolviert sie dort ein Freiwilliges Soziales Jahr. Danach macht sie eine Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin, verdient ihr erstes eigenes Geld, hat eine eigene Wohnung. In der Freizeit trifft sie sich mit ihrer Clique, hört Rockmusik, fährt Motorrad und engagiert sich in der Jugendarbeit. Und immer wieder zieht es sie nach Reute. Den Alltag mit den Schwestern, ihr Umgang untereinander fand sie „einfach cool“. Irgendwann habe sie sich gefragt: Kann man den Glauben mit dem Privatleben und dem Beruf nicht kombinieren? Mit 24 Jahren tritt sie ins Kloster ein. Ihre Familie war anfangs skeptisch. „Heute haben sie das akzeptiert, weil sie sehen, dass ich ein gutes Leben führe.“
Kloster Reute: Morgens um 5.30 Uhr klingelt der Wecker
Unter der Woche klingelt schon um 5.30 Uhr der Wecker, um 6.30 Uhr geht es zur Morgenandacht in die Kapelle. Das frühe Aufstehen falle ihr immer noch schwer, sagt sie. „Ich bin ein Morgenmuffel.“ Am Wochenende immerhin kann sie ein bisschen länger schlafen: samstags wird um 7 Uhr gemeinsam gefrühstückt und sonntags um 7.30 Uhr. Sie hat eine Sechs-Tage-Woche, am Sonntag hat sie frei, aber die Gebetszeiten gelten auch dann. Sie ist in der Jugendarbeit im Kloster tätig, organisiert Kommunionsunterricht, Besinnungswochenenden oder fährt mit jungen Frauen nach Assisi, zur Wirkungsstätte des heiligen Franziskus. Mit einer 40-Stunden-Woche ist das oft nicht zu machen.
Am besten gefällt ihr am Leben im Kloster das „Gesamtpaket“, wie sie es nennt: „Das gemeinschaftliche Miteinander, dass wir Werte haben, die wir teilen - den Glauben an Jesus.“ In Reute sei man „keine Einzelkämpferin wie in der freien Welt“. Anstrengend sei manchmal der hohe Altersdurchschnitt der Mitschwestern. Der Lebensrhythmus der Älteren sei einfach ein anderer. „Aber sie lassen mich springen.“ Außerdem habe sie ja nach wie vor ihren alten Freundeskreis aus der Zeit vor dem Kloster. Vermisst sie aus ihrem früheren Leben irgendetwas? „Das Motorradfahren“, meint Schwester Tobia wie aus der Pistole geschossen. Sie besaß mal eine 600er Yamaha.
Kein Gehalt, kein Taschengeld
Zusammen mit vier anderen jüngeren Frauen lebt sie in Reute in einer Wohngemeinschaft. Ein eigenes Zimmer muss für die Privatsphäre reichen. Ein Gehalt oder Taschengeld bekommt sie nicht. Für die Rente sorgt der Orden. „Wenn ich ein Paar neue Schuhe brauche, muss ich die Oberin darum bitten, dann bekomme ich sie.“ Teure Prada-Schuhe kauft sie keine und Quittung plus Rausgeld liefert sie wieder ab. Das stört sie aber nicht: „So mache ich mir bewusst, was ich brauche und was ich will“, sagt sie.
In Zeiten, in denen viele Menschen immer mehr haben wollen, mehr Besitz, mehr Konsum, mehr Anerkennung, mehr Macht – und auf jeden Fall „mehr als alle anderen“, verfolgt sie die Kunst des einfachen Lebens: „Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und sogar noch ein bisschen mehr.“ Armut und Besitzlosigkeit bedeute auch, dass man sich nicht selbst um die Finanzen kümmern muss – keine Heizungsrechnung oder Steuererklärung. „Das ist eine Riesenfreiheit.“ Auch Karriere kann man bei den Franziskanerinnen keine machen. Eine Berufsplanung gibt es aber: Im Frühjahr beginnt Schwester Tobia berufsbegleitend eine Ausbildung zur Podologin. So kann sie einmal die klostereigene Praxis zur medizinischen Fußbehandlung betreiben.
Die Franziskanerin bekommt zehn Euro Urlaubsgeld
28 Tage Urlaub im Jahr hat die junge Frau. Das Urlaubsgeld beträgt zehn Euro am Tag. Auch dafür muss sie Kassenbons vorlegen und das Restgeld zurückzahlen. Obendrauf gibt es zwölf Euro ohne Belegpflicht. Teure Fernreisen fallen damit flach. Das reicht allenfalls für Urlaub am Bodensee, im Allgäu, wo der Orden eigene Ferienwohnungen besitzt, oder in anderen Klöstern.
Die Ordensfrau hätte sich vor Jahren durchaus vorstellen können, einmal eine Familie zu haben. „Partnerschaft oder Ehe wäre eine Option gewesen“, sagt Schwester Tobia. Aber als sie den Weg in die Gemeinschaft von Reute einschlug, habe sich diese Frage nicht gestellt. „Mir fehlt nichts“, meint sie zum Ehelosigkeitsgelübde.
Schwester Tobia: „Ich bin nicht angekettet“
Überhaupt: An ihrer Berufung habe sie schon auch mal gezweifelt, sich geprüft und dann entschieden, dass ihr Weg der richtige sei. Mit der Institution Kirche, die sie repräsentiert – Stichwort Missbrauch oder Reformstau –, setzt sie sich kritisch auseinander: „Es gibt in der Kirche wirklich viel, was schiefläuft.“ Deshalb pöbelt man sie auch manchmal an, wenn sie im Ordenskleid auf dem Bahnsteig steht. Für sie stehe aber das Positive in ihrer Gemeinschaft im Vordergrund: die Altenhilfe oder die Jugendarbeit. „Auch das ist Kirche, und dafür will ich stehen.“
Und sollte sie das einmal grundlegend anders sehen, sei auch ein Austritt aus dem Orden möglich. Zwar sei sie nun eine lebenslange Verpflichtung eingegangen. Wenn sie aber feststellen würde, dass es nicht mehr ginge, wäre auch dieser Vertrag lösbar. „Ich bin nicht angekettet.“