Carmen, die Hauptfigur der gleichnamigen Oper, ist eine Femme fatale, die jeden Mann betört, der ihr begegnet.
Das Theater Pforzheim rückt Georges Bizets Oper „Carmen“ etwas näher an die Gegenwart heran, verortet sie irgendwo in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass hier nicht einfach eine komische Oper um ein wildes, ungezähmtes „Zigeunermädchen“ und die tragische, tödlich endende Liebe eines jungen Soldaten gezeigt wird.
Carmen, im Lahrer Parktheater am Dienstagabend mit sehr viel Temperament und Stimmkraft von Cecilia Pastawski verkörpert, ist keineswegs die ruchlose Verführerin, die den Männern den Kopf verdreht und auf die schiefe Bahn lockt. Sie verkörpert einen zur Zeit der Uraufführung der Oper im Jahr 1975 sicherlich alles andere als gängigen Frauentyp, der sich der männlichen Dominanz entzieht und widersetzt.
Sevilla ist voller Soldaten, die keineswegs nur das Treiben auf der Straße beobachten. Wie Don José (Felipe Rojas), die scheinbar tragische Hauptfigur der Oper, schwankt ihr Frauenbild zwischen drei Polen: Die eigene Mutter, ikonenhaft und unantastbar. Das Mädchen vom Lande, unschuldig und unscheinbar, auf den Straßen von Sevilla erbarmungslos in die Opferrolle gedrängt, wie Don Josés Ziehschwester Micaela (Elisandra Melián), die offen sexuell belästigt wird.
Und dann sind da noch die Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik, junge Frauen, die Hosen tragen und mit den Männern flirten, aber auch als leichtlebig und verrucht begriffen werden. Die Frau als Heilige, Lamm oder Dämon.
Carmen verkörpert eindeutig den Typus Dämon. In ihren Adern fließt das Blut der Roma, wie das Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy immer wieder betont. Wer sich auf sie einlässt, erntet Verdruss, weil sie sich ganz wie ein Mann nimmt, was sie will, mit Offizieren wie Leutnant Zuniga (Aleksandar Stefanoski), ebenso anbändelt wie mit dem Sergeanten Don José, dem in der Stadt umjubelten Torero Escamillo (Martin Berner). Letztendlich steht die Hauptfigur der Oper aber vor allem für ein freies, selbstbestimmtes Leben und Gleichberechtigung, das Bild einer modernen Frau.
Die Oper von Georges Bizet kommt keineswegs komisch daher, wenn an ihrem Beispiel konservative Geschlechterrolle und männliche Dominanz reflektiert werden, die Tragödie des letzten Aktes, der bei aller Theatralik klar einen Eifersuchtsmord, einen Femizid beschreibt.
Sie setzt ihre Sexualität als Waffe gegen Männer ein, die sie kontrollieren wollen
Dass die Inszenierung eines klassischen Opernstoffes zu neuen Überlegungen führt, dass dabei neue Akzente gesetzt werden, trägt dazu bei, das Genre lebendig zu halten. Das Theater Pforzheim überzeugt, wenn es die Kulisse auf ein keckes Spiel mit einem zweiten Vorhang auf der Bühne reduziert, wenn es in der Choreografie der Bühnenbilder auf Modernität und angedeutete Showelemente setzt, das rhythmische Temperament in der Musik von Georges Bizet zusätzlich betont.
Es überzeugt aber auch im klassischen Sinne, wenn das Orchester unter der Leitung von Daniel Inbal zweieinhalb Stunden lang mit viel Schwung musikalisch am Ball bleibt, das Ensemble auf der Bühne nahezu durchgängig stimmlich zu überzeugen vermag.
Pforzheim, die Stadt der Goldschmiedekunst und des Schmucks, ist auch im Bereich der Theater- und Opernkunst eine gute Adresse für Wertarbeit.
Die Uraufführung war ein Misserfolg
Heute gehört „Carmen“ zu den größten Opernerfolgen der Welt. In unzähligen Verfilmungen, Einspielungen und Adaptionen wird die Geschichte der verführerischen Femme fatale immer wieder neu erzählt. Georges Bizet sollte den Weltruhm seiner Oper indes nicht mehr erleben. Er starb am 3. Juni 1875 mit 36 Jahren im Glauben, einen Misserfolg geschrieben zu haben. Denn die Uraufführung am 3. März 1875 in Paris wurde ablehnend aufgenommen: Der unkonventionelle Inhalt und Bizets revolutionäre Abweichungen von der gewohnten Form der Opéra-comique kamen nicht gut an.