Saint François (Michael Mayes, Mitte) hat eine besondere Beziehung zur Natur. Foto: Martin Sigmund

Anna-Sophie Mahler hat Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ inszeniert – mit einem eigenen Raumkonzept: Die Zuschauer verlassen während der fast achtstündigen Inszenierung das Stuttgarter Opernhaus. Ein Gespräch vor der Premiere am Sonntag.

Ein spektakuläres Projekt hat an diesem Sonntag an der Stuttgarter Staatsoper Premiere: Olivier Messiaens einzige Oper „Saint François d’Assise“. Für die Geschichte des berühmten Franz von Assisi, der allem Materiellen absprach, mit Vögeln sprach, zum Ordensgründer wurde und mit seinem „Sonnengesang“ große Poesie schuf, hat sich Regisseurin Anna-Sophie Mahler ein besonderes Raumkonzept ausgedacht.

 

Frau Mahler, für Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ muss man sich in Stuttgart viel Zeit lassen. Beginn ist um 14 Uhr, erst gegen 22 Uhr endet der Abend. Wer sollte Ihre Inszenierung auf keinen Fall verpassen?

Alle Menschen, die eine Sehnsucht haben, neue Erfahrungen zu sammeln, zu sich zu kommen. Das Schöne an der Produktion ist ja, dass wir nicht im Opernhaus bleiben. Nach den ersten drei von acht Bildern begeben wir uns auf eine kleine Pilgerreise durch den schönen Naturpark Killesberg hoch zur Arena der Freilichtbühne, hören und betrachten dort weitere drei Bilder, können uns frei bewegen, uns zerstreuen, wir treffen auf das Orchester, auf die ganzen Farben der Musik. Das ist schon lange ein Traum von mir, diese Trennung zwischen Kunst und Natur aufzuheben. Weg mit diesen Grenzen! Mit dem gerade Erlebten kommen wir dann zurück ins Opernhaus, um mit voller Konzentration die letzten beiden Bilder der Oper zu sehen und zu hören. Man freut sich, jetzt auf ganz andere Weise wieder zusammenzukommen, denke ich.

Was interessiert Sie persönlich an diesem Werk?

Das Außergewöhnlichste, Beeindruckendste ist für mich ganz klar das zentrale sechste Bild, Franz’ Vogelpredigt, die fast eine Stunde dauert. Mit langen, rein instrumentalen Teilen, was in dieser Länge für eine Oper sehr ungewöhnlich ist. Es geht in diesem Bild darum, Vögeln zuzuhören, sie zu betrachten, sich in ihren Gesang zu versenken, die Vielfalt und die Schönheit darin zu entdecken. Man nimmt sich als Mensch zurück, gibt einer neuen, anderen Welt Raum, wird Teil von ihr. Für Olivier Messiaen besaßen Vögel eine sehr spirituelle Bedeutung. Er sagte, er gehe in die Wälder, er höre den Vögeln zu, das sei eine Musik, die zu ihm komme, die könne er sich nicht ausdenken. Unglaublich, welchen Farbenreichtum, welchen rhythmischen Reichtum er aus seinen ornithologischen Studien für seine Musik gezogen hat.

Die Vogelpredigt erklingt ja in der Arena der Freilichtbühne. Gab es bei den Proben Reaktionen der echten Piepmätze auf die komponierten Vogelstimmen?

Ja, es ist unglaublich, wie die Vögel vor Ort reagieren. Manchmal kann man das kaum unterscheiden: Spielt da jetzt eine Klarinette oder ist es ein echter Vogel? Klar, sie antworten. Es gibt eine totale Durchdringung von Natur und Kunst. Das ist wirklich berührend.

Messiaen starb 1992. Seine Oper wurde 1983 uraufgeführt. Da waren Klimawandel und Artensterben noch nicht ganz so präsent wie heute. Hat seine Oper trotzdem etwas zu sagen zu diesen Themen?

Ja, sie zeigt, wie es funktionieren kann: Der Mensch merkt, wie reich die Natur ist und wie viel man von ihr zurückbekommt. Und wenn man das spürt, dieses Gegenüber und dass wir Teil dessen sind, dann wird einem klar, dass wir mit der Zerstörung der Natur auch uns selbst töten. Vielleicht ändert man sich dann – aus einem tiefen Verständnis und einer Erfahrung heraus. Wie eben Franz von Assisi, der sagte: Ich nehme sehr viel Leid auf mich, um eine neue Perspektive zu bekommen. Um dann mein Verhalten zu ändern, um dann diese Liebe und Schönheit der Schöpfung zu erfahren. Wenn wir uns alle so konsequent verhalten würden wie er, wäre die Welt eine andere.

Messiaen war ein gläubiger Katholik. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin weder katholisch noch evangelisch. Ich brauche keine Kreuz- und Christus-Symbolik. Ich bin in der Natur groß geworden, meine Kirche ist die Natur. Aber meine Erfahrungen unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen Messiaens, denke ich. Ich deute also um. In der Regel verstehen wir die Welt nur in einem begrenzten Maß. Um das zu überwinden, müssen wir bereit sein, uns mit einer spirituellen Idee zu verbinden, mit einer größeren Welt eben. Ich setze da auf die Natur. Ich bin bei meinen Recherchen auf dieses merkwürdige Wesen namens Blob gestoßen, von dem noch niemand weiß, was es ist. Eine Mischung aus einem Schleimpilz und einem Tier, keine Pflanze, ein Einzeller, knatschgelb, es hat über 700 Geschlechter, es ist schlau, ohne ein Gehirn zu besitzen, es kann alles in sich verschlingen, obwohl es keinen Magen hat, es ist unglaublich lernfähig, es vernetzt sich ständig. Die Wissenschaft steht vor einem großen Rätsel. Dieses Wesen liegt außerhalb unserer Vorstellung. Und das hat mich sehr angesprochen als Bild für ein spirituelles Wesen, mit dem Franziskus in Kontakt tritt, von ihm aufgenommen wird und von ihm jene Liebe erfährt, nach der er sein Leben lang gesucht hat.

Was ist die Botschaft Ihrer Inszenierung?

Jetzt ist der Moment da, wo wir dringend umdenken müssen. Unser Gehirn muss sich komplett neu vernetzen, eine Metamorphose durchleben.

Der Blob als Metapher für die Zukunft?

Genau. Das Ziel wäre, zu einem anderen Wesen zu werden. Vielleicht sogar zu einem mit 720 verschiedenen Geschlechtern (lacht).

Oh, krass, die Leute kommen heute mit drei Geschlechtern schon nicht klar.

Eben. Es ist noch ein langer Weg. Wir dürfen nicht aufhören, auf Wunder zu hoffen.

Experimentelles Musiktheater

Die Regisseurin
Anna-Sophie Mahler, 1979 in Kassel geboren, ist Theater- und Opernregisseurin. Ihr Interesse gilt experimentellen und dokumentarischen Formen des Musiktheaters. Ihre Inszenierung von „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen wurde zum Berliner Theatertreffen 2016 eingeladen. Am Stuttgarter Staatstheater inszenierte sie in der Spielzeit 2018/19 „Die sieben Todsünden/Seven heavenly sins“.

Die Oper
„Saint François d’Assise“ des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908–1992) wurde am 28. November 1983 im Théâtre National de l’Opéra de Paris uraufgeführt. Mit einer Länge von über vier Stunden gilt sie als „Opus summum“ des Komponisten. Die Premiere an diesem Sonntag beginnt um 14 Uhr in der Stuttgarter Oper und endet dort gegen 22 Uhr. Weitere Vorstellungen: 22. und 25. Juni, 2. und 9. Juli.