Mit einer modernen Interpretation des Opernklassikers „Carmen“ geht Regisseurin Claudia Isabel Martin Peragallo neue Wege. Sie hebt Carmen hin zu einer Feministin.
Max ist 15. Er geht auf das Gymnasium in Rosenfeld. Er sitzt etwas aufgeregt mit ein paar Freunden im Foyer der Stadthalle Balingen. Stoffhosen, Hemden, Jackets. Einer trägt ein Metallica-Shirt drunter. „3 Stunden? Wirklich?“ Er sagt das so, als hätte man ihm gerade eröffnet, dass Mathematik jetzt auch samstags stattfindet. Man schmunzelt. Und geht rein.
Erster Blick rüber zum Orchestergraben. Mit einem Stoßgebet: „Bitte lass ihn offen sein!“ Beruhigt: Er ist es. Kein liebloses Playback, sondern ein organisches Orchester. Die famose Badische Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Daniel Inbal wird dem Abend präzise, voller Inbrunst und klangwirklich einen Rahmen geben, der keinerlei Zweifel lassen wird.
273 Femizide pro Jahr
Das Licht geht aus, die Ouvertüre beginnt. Und vorne steht sie: Carmen. Heute gesungen von Jina Choi. Sie steht da, raucht, schaut ins Publikum. Über ihr die Zahl 273 projiziert. Das wirkt zunächst wie ein Code. Vielleicht eine Zimmernummer, vielleicht eine ironische Countdown-Anzeige für Opernneulinge. Aber nein. Es ist die Zahl der durchschnittlichen Femizide pro Jahr in Deutschland. Schon in den ersten Minuten werden gekonnt Interpretationsräume geschaffen. Man merkt: Diese Inszenierung hat nicht vor, einfach nur hübsch Oper zu spielen.
Die Geschichte von Georges Bizets Carmen ist eigentlich schnell erzählt: Im Grunde geht es um eine Frau, die sich nicht sagen lässt, wie sie zu leben hat. Carmen arbeitet in einer Zigarettenfabrik in Sevilla, flirtet mit dem Soldaten Don José, heute von einem verwegenen Dirk Konnert dargestellt. Und der verliert vor lauter Begeisterung für Carmen ziemlich schnell und komplett die Kontrolle über sein Leben.
Carmen lernt Escamillo kennen
Aus dem braven Typ wird ein obsessiver Ex, irgendwo zwischen toxischer Liebesballade und True-Crime-Podcast. Carmen bleibt dagegen konsequent sie selbst: frei, widerspenstig, nicht zu besitzen. Dann kommt noch der Stierkämpfer Escamillo ins Spiel, eine Ikone der Arena, halb Rockstar, halb Cristiano Ronaldo mit Umhang. Carmen findet das interessant. Don José eher gar nicht. Am Ende wird aus ihm ein Mann, der nicht akzeptieren kann, dass eine Frau nur sich selbst gehört.
Regisseurin geht neue Wege
Die Bühne ist schlicht. Ein Rahmen, Vorhänge, Raum im Raum. Fast wie ein Baukasten für Emotionen. Keine großen Umbauten oder Opernprunkmöbel. Aber plötzlich entstehen Räume, Tiefe, Bilder. Das Ensemble, der Chor, der Extra- und Kinderchor des Theaters Pforzheim füllen diesen Raum mit erstaunlicher Wucht. Vier Akte. Und natürlich alles, was man musikalisch erwartet: Habanera. Seguidilla. Torero-Lied. Blumenarie. Aber das Setting ist verändert. Die Arbeiterinnen sind hier eher Rebellinnen. Die Atmosphäre hat etwas Südamerikanisches. Der übliche Spanien-Folklore-Pomp bleibt draußen.
Komplexer Mensch mit Idealen
Stattdessen taucht immer wieder eine Madonnenfigur auf. Heilige oder Hure – das alte Frauenbild der Oper. Hier wird es sichtbar gemacht und gleichzeitig zerlegt. Es wird gezeigt, dass Carmen ein komplexer Mensch mit Idealen ist. Die Regie von Claudia Isabel Martin Peragallo geht neue, feministische Wege und hebt Carmen weg von der bloßen Verführerin hin zu einer Feministin. Dies mit einer unglaublichen Detailverliebtheit. Man merkt: Diese Inszenierung möchte, dass man genauer hinschaut. Und das Publikum tut es.
Immer wieder Zwischenapplaus. Der Chor klingt voluminös, kraftvoll, manchmal fast überdimensioniert für die Bühne der Stadthalle. Und auch auf der Bühne selbst geht es zur Sache: Stühle fliegen, Tische fliegen, Emotionen fliegen sowieso. Es ist eine Oper, in der Menschen ihre Gefühle nicht nur singen, sondern auch werfen. Besonders beeindruckend: Elisandra Melián als Micaëla. Eine kleine Frau mit einer Stimme, die mühelos ganze Sitzreihen umarmt.
Langer Applaus
Finale: Don José ermordet Carmen nach einem wilden Gerangel. Nicht überraschend. Die Oper erzählt diese Geschichte seit 150 Jahren so. Aber hier passiert noch etwas anderes: Auf der Bühne erscheint das Publikum. Menschen, die zusehen. Menschen wie wir. Und über allem die neue Zahl: 274. Die nächste. Plötzlich wird die Frage unausweichlich: Schauen wir hier eigentlich nur Oper? Oder schauen wir gerade dabei zu, wie eine Frau ermordet wird, weil sie Nein sagt?
Nach langem Applaus geht es zurück ins Foyer. Dort stehen wieder die Schülerinnen aus Rosenfeld. Sarai, Carla und Ipek sind auch 15. Sie reden über Carmen. Über Freiheit. Über ihre Rolle als Frau. Und auch ein bisschen über Männer. Max ist auch noch da. Auch das Metallica-Shirt. Oper überlebt.