Über das Internet lernen: Nicht immer und überall läuft das reibungslos. (Symbolfoto) Foto: © Tetiana Soares – stock.adobe.co

Online-Unterricht klappt, aber nicht auf Dauer. Lücken werden "irgendwann nicht mehr aufholbar" sein.

Während andere Schulen in Baden-Württemberg zum Beginn des Online-Unterrichts vergangene Woche Probleme hatten, lief bei der Realschule in Bad Liebenzell alles glatt – auch weil man nicht auf die Lernplattform Moodle gesetzt hatte. Dennoch warnt der Rektor: Es müsse so schnell wie möglich zurückgekehrt werden zum Präsenzunterricht.

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Bad Liebenzell - Server down, Nerven am Ende: An vielen Schulen in Baden-Württemberg begann der Online-Unterricht am Montag vergangene Woche mit großen Problemen. Der Grund: Die vom Kultusministerium empfohlene Lernplattform Moodle, die Hunderte Schulen nutzen, vermeldete insbesondere im Ländle reihenweise Totalausfall. Zu den zu geringen Kapazitäten, die zur Verfügung standen, kam auch noch ein Hackerangriff. Nichts ging mehr.

Auf Jitsi gesetzt

In Bad Liebenzell war davon nichts zu spüren – denn die Realschule der Reuchlin-Schulen setzt mit ihren 315 Schülern wie schon im ersten Lockdown auf die vom Kreismedienzentrum Calw zur Verfügung gestellte Lernplattform Jitsi. "Die läuft stabil", freut sich Rektor Stefan Schreiber und sagt: "Beim ersten Lockdown war das alles sehr kompliziert und es war klar, dass die Kapazitäten bei Moodle begrenzt sind. Wir hatten uns auch jetzt bewusst für Jitsi entschieden, weil wir im ersten Lockdown damit gute Erfahrungen gemacht haben und wir so nicht wieder alles umstellen müssen."

30 Tablets eingetroffen

Eingeführt wurde in Bad Liebenzell auch die Schulsoftware Edupage – schon vor Corona. Jetzt in Zeiten des Online-Unterrichts rückt sie allerdings verstärkt in den Vordergrund. Über Edupage werden an der Realschule nicht nur Stundenpläne erstellt, sondern man kann über das Programm auch kommunizieren.

Künftig soll Edupage zu einem digitalen Klassenbuch werden, über das etwa die Eltern ihre Kinder krank melden. Vor Kurzem sind bereits 30 Tablet-Computer eingetroffen, die in den kommenden zwei bis drei Wochen an die Lehrer verteilt werden, damit Edupage verstärkt Einzug in den Schulalltag erhält. "Es kommt jetzt ein Modul nach dem anderen dazu. Wir werden das sukzessive ausbauen", erklärt Schreiber, der große Stücke auf Edupage hält: "Das Programm ist konform mit der Datenschutzgrundverordnung und die Server stehen in Nürnberg. Uns war das wichtig, nicht an einem amerikanischen Server zu hängen." Schließlich möchte die Schule ganz unabhängig von Corona weiterhin mit Edupage arbeiten – also auch dann, wenn es wieder Präsenzunterricht gibt.

Verbindungen zu schwach

Dass der Präsenzunterricht so schnell wie möglich wiederkommt, hofft Schreiber ganz besonders. Er sagt zwar: "Wir erreichen alle Schüler. Es gibt keine virtuelle Abwesenheit." Doch nicht alle Schüler erreiche man so, wie man sich das wünscht. Da die Internetverbindungen nicht stark genug sind, ist es nicht möglich, während des Online-Unterrichts alle Schüler per Video zuzuschalten. Man wisse nur, dass die Schüler vor ihren Computern sitzen, aber nicht, was sie dort machen. "Wir sind hier nun mal nicht in einer Großstadt, wo der Glasfaserausbau schon weit fortgeschritten ist", bedauert der Rektor. An Schüler, die die Lehrer im Präsenzunterricht zur Mitarbeit motivieren können, komme man online nicht heran. Schreiber: "Diese Schüler fallen hinten herunter." Hinzu komme, dass eine Benotung schwierig sei, weil man nicht wisse, ob die Arbeit tatsächlich vom Schüler selbst stamme oder ob nicht Eltern oder ältere Geschwister geholfen haben.

Sehr bedauerlich sei auch, dass durch den Online-Unterricht keine sozialen Kontakte mehr stattfinden. Schreiber erklärt: "Das Mitmenschliche geht total verloren. Das vermissen die Schüler, aber auch die Lehrer. Man sieht keine Reaktionen mehr, keine Emotionen, kein gemeinsames Lachen. Das gibt es alles nicht mehr."

"Sinn macht das nicht"

Alles Gründe, die für den Rektor für eine möglichst schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht sprechen. Online-Unterricht vielleicht sogar bis zum Schuljahresende? "Sinn macht das nicht", meint Schreiber. Zwar sei er beeindruckt von dem, was sich seine Lehrerkollegen alles einfallen lassen, um einen interessanten Online-Unterricht zu gestalten (siehe Info), dennoch warnt er: "Das Interesse der Schüler für den Online-Unterricht wird immer geringer. Die nehmen immer weniger mit." Die dadurch entstehenden Lernlücken seien mit Präsenzunterricht "irgendwann nicht mehr aufholbar". Es gebe dann aus Schreibers Sicht nur zwei Lösungen: Prüfungsformate ändern oder sich nur noch auf die Hauptfächer konzentrieren. "Ich finde aber auch die musischen Fächer und Sport wichtig", betont der Rektor und stellt fest: "Wir erzeugen eine Generation, die zunehmend Nachteile haben wird in ihrem späteren Leben."

Kritik an Lockdown

Dass die politischen Entscheidungsträger oft nicht wüssten, wie es an den Schulen wirklich aussehe, ärgert Schreiber. Und dazu zählt der Leiter der Realschule auch ganz grundsätzlich die Entscheidung, alle Schulen in Deutschland zu schließen: "Wir hatten an unserer Schule insgesamt zwei Schüler mit Corona. Man kann also nicht sagen, dass wir Infektionstreiber wären. Ich finde es unverständlich, dass die Schulen geschlossen sind."