Unglaublich: Die Musik-Streams des Pianisten Víkingur Ólafsson haben die Milliardenmarke geknackt. Wie kann so etwas gelingen? Und wie viel Online-Präsenz brauchen Klassik-Künstler heute, um sich auf dem Markt zu behaupten?
Früher war nicht alles besser. Wohl aber einfacher. Wer als Solistin oder als Solist in der klassischen Musik bekannt werden wollte, trat bei Wettbewerben auf, knüpfte Kontakte, sprang bei Konzerten ein, bewarb sich um Auftritte in Rundfunk, spielte Kammermusik, veröffentlichte LPs oder CDs, die in Zeitungen und Magazinen rezensiert wurden und in zahlreichen Musikgeschäften auslagen. Wer ein Orchesterinstrument studiert hatte, bewarb sich bei großen Klangkörpern. Erfolg brauchte vor allem vier Zutaten: Talent, Fleiß, Glück und Beharrlichkeit.
Letzteres gilt bis heute. Mit einem entscheidenden Unterschied: Das Internet hat unsere Hörgewohnheiten verändert, die Geschmäcker diversifiziert, den Wettbewerb radikalisiert. Mehr und mehr ersetzt es die physischen Tonträger, und es ist mittlerweile die dominierende Werbe-Plattform. Musikerinnen und Musiker brauchen eine eigene Homepage ebenso wie Auftritte auf den Social-Media-Kanälen, vor allem bei Instagram und Tiktok. Am allerwichtigsten jedoch ist die Präsenz bei Streaming-Plattformen wie Youtube, Spotify, Apple Music, Deezer, Amazon Music, Qobuz. Hier lädt man klingende Appetithäppchen hoch. Nicht des Geldes wegen. Ein Beitrag, der bei Spotify weniger als tausend Mal aufgerufen wird, geht gänzlich leer aus; eine Million Aufrufe brächten bei diesem Dienst durchschnittlich etwa 2900 Euro ein.
Über Youtube zum Star geworden
Auf fast ein Drittel weniger kommt man bei Youtube. Wer über eine Mindestanzahl an Besuchern verfügt, kann hier immerhin an der Werbung mitverdienen, die den einzelnen Clips vorgeschaltet wird. Und bei Spotify kann, wer es klug anstellt, die Algorithmen nutzen. Im optimalen Fall wird man dann in eine Playlist aufgenommen und potenziert so seine Reichweite.
Aber beim Streamen, also beim mindestens 30 Sekunden langen Abspielen eines Videos oder Musikstücks, geht es auch gar nicht ums Reichwerden, sondern um Aufmerksamkeit in einem enger werdenden Markt mit einem alternden Publikum, dem, weil das Fach Musik in der Schule immer noch stiefmütterlich behandelt wird, kaum noch junge Menschen nachwachsen. Das reduziert die Auftrittsmöglichkeiten; wer wahrgenommen werden will, muss laut sein oder besonders.
Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa hat als eine der ersten klassischen Künstlerinnen ihre Karriere bewusst über Youtube aufgebaut. Das Schlimmste, hat sie einmal in einem Interview gesagt, sei für sie gewesen, ein eingeübtes Stück nicht mit anderen teilen zu können, weil kein Veranstalter sie buchen wollte. So hat sie sich auf die virtuelle Bühne begeben. Über Youtube ist Valentina Lisitsa zum Star geworden, weil sie die Reizschwelle für das jüngere, mit klassischer Musik weniger vertraute Publikum höherlegte. So hat sie Kontraste betont, das Schnelle noch schneller und das Leise oft sehr viel leiser gespielt. Allein ihr prestissimo genommenes Presto aus Beethovens „Mondscheinsonate“ kam so zu 30 Millionen Streams. Beim „Tanz der Zuckerfee“ aus Tschaikowskys „Nussknacker“, den sie mit rosa berüschten Seidenhandschuhen spielt, sind es gar 305 Millionen. Und nach dem Youtube-Erfolg kamen die Live-Engagements.
Eine Vision und eine klare Fokussierung
Der japanische Pianist Hayato Sumino (29) fährt seit jeher zweigleisig. Als 15-Jähriger erstellte er seinen eigenen Youtube-Kanal, 2021 war er Halbfinalist beim Warschauer Chopin-Wettbewerb. Auf seiner ersten CD kombiniert er Chopin, Bach und Ravels „Boléro“ mit Hans Zimmer und mit eigenen Kompositionen, die sich zwischen Klassik, Jazz und Filmmusik bewegen. Er ist auch studierter Informationswissenschaftler. Seine Videos sind nicht nur Konzertaufzeichnungen – sie schaffen eine eigene Bildwelt, und so hat er es mittlerweile zu knapp 1,3 Millionen Followern gebracht. Wenn Sumino im Konzertsaal auftritt, dann tut er das mit Programmen, die wirken wie aus dem Internet importiert. Dort wirken die Häppchen, man zappt sich von einem zum anderen.
Ganz anders bei Víkingur Ólafsson. Dass der, wie gerade geschehen, mit seinen Streamingangeboten mal die Milliardengrenze knacken würde, ist die verrückteste Geschichte in dieser Geschichte. Wenn der isländische Pianist die Bühne betritt, wirkt er nämlich wie ein ziemlich nerdiger Gymnasiast. Aber wenn er los spielt, werden sogar Bachs sperrige „Goldberg-Variationen“ zur Abenteuerreise. Das teilt sich auch beim Streaming mit. Und zeigt uns, dass es neben hoher nachschöpferischer Kreativität, Fleiß und Schweiß vor allem zweierlei braucht, um Erfolg zu haben: eine Vision und eine klare Fokussierung. Wegen dieser Qualitäten hat der Pianist Förderer gefunden, ein kompetentes Team, ein Label, Fans im Konzertsaal und auf Youtube. Und so steht bei Ólafsson auch nicht zu befürchten, dass er in einem mittlerweile stark an den Mechanismen des Internets orientierten Klassik-Betrieb nach einem kurzen Boom wieder verschwindet. Bei anderen kann man sich nicht sicher sein, ob sie nicht doch den Mechanismen des Marktes entsprechend nur kurz nach oben gepusht und dann wieder fallen gelassen werden, sobald irgendwo ein neues Sternchen ins Blickfeld rückt. Ólafssons Milliarden lassen hoffen: dass Qualität sich auch im Internet behauptet; dass klassische Musik auch ein jüngeres Publikum erreichen kann – weltweit, denn das Internet bietet grenzenlosen Zugang für alle. Dass dieses Publikum dann auch mal ins Live-Konzert kommt und dort nicht nur bunte Kurznummern und spektakuläre Pirouetten erwartet, sondern eine melodische Gestalt, die dreißig Mal ihre Kleider wechselt. Spektakulär!