Zwischen Profiliga NHL und IOC schwelt ein Konflikt, doch in Kanada ist Eishockey die Nummer 1.
Vancouver - Kein Zweifel: Heute ist Dienstag. Doch hier in Kanada ist es irgendwie auch ein bisschen Sonntag. Denn heute beginnt in Vancouver der Gottesdienst - sozusagen. Sie brauchen dafür keine Kathedrale und keinen Altar und auch keine Kerzen. Was sie brauchen ist eine riesige Arena und eine Menge Jungs, die mit dem Talent gesegnet sind, die besten Eishockeyspieler der Welt zu sein. "Eishockey", sagt Christian Ehrhoff, "ist für viele Leute eine Religion."
Heute beginnt das olympische Turnier.
Ehrhoff weiß genau, wovon er spricht. Zwar spielt er bei Olympia für die deutsche Nationalmannschaft, sein Geld allerdings verdient er als Profi in der nordamerikanischen Profiliga NHL. Und zwar nicht irgendwo - sondern genau hier: in Vancouver. Bei den Canucks. Er sagt: "Ich denke, das wird das beste Turnier, das je gespielt wurde." Aber vielleicht auch das letzte auf diesem Niveau bei Olympischen Spielen, die als inoffizielle WM gelten.
Schuld daran wäre der Konflikt, der mittlerweile Tradition hat in der Geschichte des Eishockey. Auf der einen Seite die NHL, die die besten Spieler der Welt bezahlt und sich die Saison nur widerwillig durch eine Olympia-Unterbrechung kaputt machen lassen möchte. Auf der anderen Seite der Weltverband IIHF und das Internationale Olympische Komitee (IOC), die nicht nur auf den Skipisten und im Rodelkanal die besten der Welt dabei haben wollen, sondern eben auch auf dem Eis. Und die Besten spielen nun mal in der NHL.
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1998 erst hat die NHL, in der am Wochenende noch gespielt wurde, erstmals ihre Saison für Olympia unterbrochen, auch in Vancouver werden die Stars aufs Eis gehen. Was in vier Jahren in Sotschi sein wird, ist allerdings noch völlig offen. "Diese Frage", sagt René Fasel, der Präsident des IIHF, "werden wir nach den Spielen angehen müssen." Oder noch viel später. In diesem Jahr läuft der Vertrag zwischen NHL und IIHF aus, ein Jahr später endet der Kontrakt zwischen NHL und der Spielergewerkschaft NHLAP - und das ist das noch viel diffizilere Vertragswerk. Denn die Vergangenheit hat gezeigt: Die Verhandlungen können dauern, und sie können stocken. 2004/2005 kosteten sie eine komplette NHL-Saison. Wenn in einem Jahr wieder verhandelt wird, wird es auch um Olympia gehen. Und um den Wunsch der Spieler, dabei sein zu können. Wobei: Das Wort Wunsch ist dabei vielleicht ein bisschen untertrieben.
Alexander Owetschkin kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, in vier Jahren bei den Spielen in seiner Heimat Russland zu fehlen: "Niemand wird mir vorschreiben können, 2014 nicht für mein Land zu spielen", sagt der Star der Washington Capitals, "falls jemand versuchen sollte, mich davon abzuhalten - auf Wiedersehen!" Allerdings gibt es da ein kleines, nicht unbedeutendes Problem: Die Capitals zahlen Owetschkin bis 2021 jährlich neun Millionen Dollar und wollen das Geld gern refinanzieren. In der NHL. Nicht bei Olympia.
Die Zukunft des olympischen Eishockey-turniers könnte also eine ziemlich trübe Angelegenheit werden. Umso imposanter dagegen sollen die kommenden eineinhalb Wochen im Canada Hockey Place werden. "Dieses Turnier", sagt Mark Streit, der Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, "ist das Nonplusultra." Weil nicht nur alle NHL-Stars dabei sind, sondern weil sie auch auf der gewohnten kleineren Eisfläche spielen dürfen. Und weil den Kanadiern nichts heiliger ist als diese Sportart. "Die Leute hier", sagt Bob Nicholson, der Präsident des kanadischen Hockey-Verbands, "richten ihr Leben nach dem Eishockey."
Als der Olympia-Kader benannt wurde, war das Fernsehen mit einer einstündigen Live-Show dabei - vier Millionen Fans schauten zu. Und Wayne Gretzky, "the great one", erklärte: "Mir kommen nicht allzu viele Länder in den Sinn, die für einen Sport solch eine Leidenschaft entwickeln wie wir Kanadier für das Eishockey. Vielleicht die Brasilianer für den Fußball." Aber nur vielleicht. Und so gibt es für Kanadas Nationalteam nur ein akzeptables Ergebnis: Gold. Das Endspiel ist an einem Sonntag. An einem echten.
