An diesem Freitag werden in Paris zum dritten Mal Olympische Spiele eröffnet. Die französische Hauptstadt will nachhaltig profitieren – das will und muss die olympische Idee auch. Wie all diese Ziele erreicht werden sollen.
Die Drei haben Glück oder besser: den richtigen Job. Denn für sie gilt freie Fahrt. Und so rollen die drei Polizeibeamten auf ihren Inline Skates die Rue de Rivoli entlang. Auf der ansonsten derzeit so gut wie niemand sonst fahren, flanieren oder radeln darf. Denn die Straße entlang des Musée du Louvre in Paris gehört zur „grauen Zone“.
Die Farbe der Tristesse ist in diesen Tagen in der französischen Hauptstadt Symbol für das, was andernorts gern als Alarmstufe Rot bezeichnet wird. Hier gilt die höchste Sicherheitsstufe, die mit mehreren Tausend Beamten aufrechterhalten wird – zumindest bis zum Samstagmorgen. Dann nämlich sind die Olympischen Spiele von Paris – nicht vorbei, aber endlich eröffnet. Das könnte für Entspannung sorgen. Zumindest ein wenig.
Die Aufgabe, diese Ouvertüre zum sportlichen Weltereignis zu sichern, haben sich die Pariser selbst denkbar schwer gemacht. Nicht in ein Stadion laufen die Athletinnen und Athleten ein. Nicht in eine Halle. Nicht auf einen durch klare Grenzen formatierten Platz. Sie schippern über die Seine. Rund sechs Kilometer lang ist der Bereich, der die Eröffnungsfeier am Freitagabend beheimatet. Der ist schon geschmückt, vorbereitet und von Tribünen gesäumt – muss aber eben auch gesichert werden. Damit Paris 2024 das werden kann, was sich alle wünschen.
Ein Fest des Sports. Eine Rückbesinnung an Zeiten des olympischen Gigantismus. Und ein weiterer Wendepunkt zum Guten in der französischen Hauptstadt. Alles zusammen ist ein ganz schön großes Vorhaben. Doch Anne Hidalgo glaubt an das Gelingen auf verschiedenen Ebenen. Die dritten Olympischen Sommerspiele in der Stadt nach 1900 und 1924 seien, erklärte die Bürgermeisterin schon vor Wochen, „eine außergewöhnliche Chance für Paris“.
Die Sicherheitsbemühungen dominieren das Bild der Innenstadt
Noch dominieren aber die Sicherheitsvorkehrungen das Bild der Innenstadt. Vor allem sind es kilometerlange Bauzäune, vorübergehend geschlossene Metrolinien und zahlreiche „Checkpoints“, an denen nur durchgelassen wird, wer vorab eine Berechtigung beantragt und erhalten hat, die für Einheimische und Touristen gleichermaßen ein Hindernis darstellen. In den 15 Tagen nach dem Start am Freitag soll die grundsätzliche Szenerie der Stadt die Bilder prägen, die von Paris aus in die Welt entsandt werden. „Bisher war Paris die Stadt der Liebe“, sagte am Mittwoch Olaf Tabor, der Leistungssportvorstand des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), „nun wird sie die Stadt des Sports.“ Die auch die westlichen Nachbarn inspirieren soll.
Zum einen die deutschen Athletinnen und Athleten. 428 hat der DOSB nominiert, sie sollen mindestens Platz zehn der Nationenwertung erreichen. Fast noch wichtiger: Die Deutschen sollen dank Paris 2024 ihre Olympiaskepsis ablegen und sich begeistert auf den Weg machen zu einer eigenen Bewerbung. 2040 wird angepeilt, das Bundeskabinett hat nun entschieden, eine entsprechende Absichtserklärung zu unterschreiben und mehr als sechs Millionen Euro für die Fortführung eines Bewerbungsprozesses zu bewilligen. „Das ist“, sagte der DOSB-Chef Thomas Weikert, „ein erster wichtiger Schritt.“ Genauso wichtig aus deutscher Sicht: dass das Pariser Konzept funktioniert.
Der deutsche Sport will die Lust auf die Spiele auch dadurch erhöhen, dass das deutsche Haus in Paris so groß ist wie noch nie. Es wurde ein ganzes Rugby-Stadion gemietet, auf dessen Spielfeld eine Fanzone eingerichtet wurde, in der man sich für 20 Euro Eintritt begeistern lassen darf. Weil viele Olympiatouristen aus Deutschland erwartet werden, haben täglich bis zu 3 000 Menschen hier Platz. Neben Weikert, den Sportlern und vielen anderen Sportfunktionären setzt ein anderer Deutscher auf das Gelingen der Spiele in Frankreich. Sein Name: Thomas Bach. Sein Posten: mächtigster Olympier.
Der in Würzburg geborene 70-Jährige ist seit 2013 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) – und hat mit seiner Agenda 2020 nichts weniger versprochen, als die Spiele auf einen vernünftigen Rahmen zu stutzen und dennoch zu entwickeln und zu modernisieren. Paris ist die erste Stadt, die nach diesen Prämissen den Zuschlag erhalten hat. So gibt es lediglich zwei neue Sportstätten, ansonsten wurden bestehende „Venues“ erneuert oder andere lediglich temporär errichtet. Die Kosten von rund 4,5 Milliarden Euro sind laut Organisationschef Tony Estanguet (einst Kanu-Olympiasieger und Fahnenträger) allesamt privat gedeckt. Die Zahl der Athletinnen und Athleten ist nahezu unverändert und beim Bau des Olympischen Dorfes wurden ökologische Standards gesetzt.
Die Teams bringen eigene Klimaanlagen mit
Gekühlt werden die Räume nicht mit Klimaanlagen, sondern mit einem System aus Wasserrohren in den Decken und den Böden. Manche Delegation hat eigene Klimageräte mitgebracht, um das Wohlbefinden ihrer Athleten zu garantieren. Bleiben werden diese aber nicht, wenn aus dem Dorf später Wohnungen werden. Ob all das reicht, um dem olympischen Gigantismus gepaart mit fragwürdigen Vergaben der Spiele abzuschwören, muss auch nach Paris bewiesen werden. Nur dann könnte auch in Deutschland die Olympiabegeisterung wieder wachsen – und könnten etwa Berlin und Hamburg in einer gemeinsamen Bewerbung ins Rennen um die Sommerspiele 2040 gehen. 50 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung hätte dies auch Symbolcharakter.
Auf einen solchen setzt auch Paris. Zum einen spricht der französische Präsident Emmanuel Macron von einer „Verabredung mit der Geschichte“. Weil Baron Pierre de Coubertin, der die Olympischen Spiele 1896 wiederbelebt hat, in Paris geboren ist. Außerdem, weil die französische Hauptstadt zum dritten Mal Gastgeber ist. Und weil die Wettbewerbe an geschichtsträchtigen Orten der Stadt ausgetragen werden.
Skateboard am Place de la Concorde, Fechten im Grand Palais, Schwimmen in der Seine, Gehen auf der Pont Alexandre III., Bogenschießen am Hôtel des Invalides, die Eröffnungsfeier am Unesco-Weltkulturerbe entlang – und vor allem: Beachvolleyball am Eiffelturm. Das größte Wahrzeichen der Stadt mit dem Wahrzeichen der Spiele – die olympischen Ringe prangen an zwei Seiten des Eiffelturms – sind schon Tage vor dem Start das beliebteste Fotomotiv. Die erhoffte Botschaft wird hunderttausendfach entsandt. Was ganz im Sinne von Thomas Bach ist – aber auch von Thomas Jolly. „Wozu sollen wir Kulissen bauen, wenn wir die schönsten der Welt haben?“, sagte der Regisseur der Eröffnungsfeier. Aber Paris 2024 soll für die Stadt auch eine neue Geschichte schreiben.
Profitiert Paris nachhaltig?
Von ihr profitieren sollen vor allem die Bewohner in den sozialen Brennpunkten der Randbezirke. Manch einer träumt gar vom Ende der Banlieues. In Saint-Denis im Norden der Stadt sollen aus dem Olympischen Dorf teils Sozialwohnungen werden, ein neues Schwimmbad ist dort bereits fertiggestellt. Durch ein größeres Metronetz sollen die Bezirke besser angebunden werden. Die ökologischen Bemühungen für Olympia stellen auf dem Weg zur angestrebten Klimaneutralität von Paris zudem nur eine Etappe dar. Die Spiele allerdings sollen von der Hauptstadt aus auch eine gesellschaftliche Botschaft in ein politisch aufgewühltes Land senden.
„Die beste Antwort auf den Rassemblement National sind die Olympischen Spiele mit ihren Symbolen der Weltoffenheit, des Teilens und der Universalität“, sagt der OK-Chef Tony Estanguet. Nach zwei Coronaspielen quasi unter Ausschluss von Zuschauern vor Ort in Tokio und Peking soll Paris 2024 auch ein Fest der Vielfalt, des Zusammenseins, der Freude werden. Ob es ein solches wird? Hängt auch davon ab, ob die Kollegen auf den Inline Skates, die ganzen Sperrungen, Bauzäune und Zugangsbeschränkungen, ihren Zweck erfüllen.
Einen wichtigen Hinweis darauf birgt schon der Freitagabend. Über 325 000 Zuschauer werden zum Spektakel entlang der Seine erwartet. Werden sie begeistert sein? Mit Sicherheit!