Italien will nicht nur ein guter Olympia-Gastgeber sein, sondern auch sportlich erfolgreich – und übertrifft sich selbst: Im Medaillenspiegel liegt das italienische Team auf Rang zwei.
In der inoffiziellen Rangliste der schönsten Nationalhymnen steht „Il Canto degli Italiani“ (Das Lied der Italiener) ziemlich weit oben. Wer die schwungvolle Musik und den Text, der mit der bekannten Zeile „Fratelli d’Italia“ (Brüder Italiens) beginnt, nicht gleich im Ohr hat, muss sich nur eine der vielen Siegerehrungen der Olympischen Winterspiele anschauen. Die Chance, dabei die italienische Hymne zu hören, ist ziemlich hoch. Denn Italien ist nicht nur Gastgeber des Spektakels. Sondern auch die größte Überraschung.
„Was wir hier erleben“, sagte Biathletin Lisa Vittozzi nach ihrem Sieg in der Verfolgung, „wird Italien nie wieder vergessen.“ Es war ein Satz, der ausdrückte, mit wie viel Emotion, Leidenschaft, Stolz und Hingabe italienische Sportlerinnen und Sportler um Medaillen kämpfen – und wie ein ganzes Land hinter ihnen steht. Zugleich offenbarten die Worte der Olympiasiegerin aber, dass diese Ausbeute nicht zu erwarten war. Wie auch die Zahlen zeigen.
Der bisherige Rekord stammt aus Lillehammer
Das Nationale Olympische Komitee Italiens (Coni) hatte vor den Winterspielen das Ziel von 19 Podestplätzen ausgegeben und sich dabei auch am Rekordergebnis von Lillehammer 1994 orientiert. Damals gewann das italienische Team, vor allem dank Langlauf-Ikone Manuela Di Centa (2x Gold/2x Silber/1x Bronze), 20 Medaillen. Jetzt ist diese Bestmarke bereits übertroffen.
Derzeit steht Italien bei 22 Medaillen, acht (!) sind aus Gold – mehr als je zuvor. Das bedeutet Rang zwei in der Nationenwertung hinter Norwegen und ein großes Glücksgefühl, das sich auch in Schlagzeilen ausdrückt. Die „La Gazzetta dello Sport“ versah ihre Titelseite mit einer herzförmigen Schleife in den Nationalfarben und schrieb: „Italien kennt keine Grenzen mehr – Schulter an Schulter mit den Großmächten des Weltsports.“ Auch die „La Repubblica“ schwärmte: „Italiens Gefühl für Schnee – es gleitet dahin und surft auf den Wellen des Lebens.“
Federica Brignone – die „Königin von Olympia“
Neben Doppel-Olympiasiegerin Francesca Lollobrigida (Eisschnelllauf), der Großnichte von Filmdiva Gina Lollobrigida, ist Federica Brignone aus italienischem Blickwinkel das Gesicht der Spiele. Die Skifahrerin holte Gold im Super-G und im Riesenslalom, obwohl sie im März 2025 einen Totalschaden im Knie erlitten hatte. Doch „La Fede“ kämpfte sich zurück – und wird nun als „Königin von Olympia“ gefeiert, auch wenn sie dafür womöglich teuer bezahlen muss: „Ich habe mein Bein komplett ruiniert.“ Auf die Olympischen Heim-Spiele zu verzichten, war aber auch keine Alternative.
Italien hat sich die Ausrichtung einiges kosten lassen, in die Infrastruktur und die Sportstätten flossen rund 3,5 Milliarden Euro. Zudem wurde die Förderung des Spitzensports, der 2018 in Pyoengchang (3x Gold/2x Silber/5x Bronze) und 2022 in Peking (2/5/2) hinter den Erwartungen geblieben war, erheblich erhöht. „Der Staat hat zuletzt eine Menge in den Wintersport investiert, denn man wollte bei den Spielen gute Athletinnen und Athleten haben“, sagte Rennläuferin Federica Brignone, „wir wurden besser und besser, es steckt kein Geheimnis dahinter.“
Passlers Doping-Suspendierung wird aufgehoben
In der Tat ist dieser Effekt vor Olympischen Spielen immer wieder zu sehen: Die Ausrichter entwickeln nicht nur den Ehrgeiz, perfekte Gastgeber zu sein, sondern auch sportlich möglichst erfolgreich. Manchmal mit allen Mitteln, wie der staatlich orchestrierte Dopingbetrug der Russen 2014 in Sotschi zeigte. In Italien wurde kurz vor der Eröffnungsfeier Biathletin Rebecca Passler überführt, deren Suspendierung das Berufungsgericht der italienischen Anti-Doping-Behörde aber wieder aufhob. Passlers Erklärung, sie habe beim Essen einer Schokocreme den selben Löffel benutzt wie ihre Mutter bei der Einnahme ihres Krebsmedikaments, war glaubhaft genug.
Logischerweise hilft den Italienern auch der Heimvorteil. In Sportarten wie Biathlon oder Eisschnelllauf, bei denen die Unterstützung der Fans anschiebt – aber natürlich auch im Eiskanal. Die deutschen Konkurrenten schätzten, dass die italienischen Rodler auf der neuen Bahn in Cortina bis zu zehnmal mehr Trainingsfahrten absolviert hatten, was sich vor allem für die Doppelsitzer auszahlte. Andrea Voetter/Marion Oberhofer und Emanuel Rieder/Simon Kainzwaldner holten innerhalb von einer Stunde Doppel-Gold – es war einer der emotionalen Höhepunkte für Italien.
Bleibt die Frage, wie’s weitergeht? Für die letzten sechs Tage der Spiele ist die Antwort klar: Italien wird noch mehr Medaillen holen und jede groß feiern. „Anschließend wird wichtig sein, dass wir mit der Sportförderung weitermachen und nicht nach Olympia sagen: Das war’s jetzt“, erklärte Federica Brignone passend zur Nationalhymne. Wo ist die Siegesgöttin Victoria?“, lautet eine weitere Textzeile, „sie möge Italien ihr Haupt zuneigen.“ Jetzt. Und in Zukunft.