„Olympiasieger – ich dachte, das gibt es nur im Fernsehen.“ 20 Jahre ist es her, dass Georg Hettich das letzte Wintergold eines Schwarzwälders holt. Das Interview.
Der Spruch des Schwarzwälders nach dem Gewinn der Goldmedaille ist immer noch legendär. „Man kann auch ohne Weltcup-Einzelsieg Olympiasieger werden“, sagt der mittlerweile 47-Jährige und lacht.
Hettich komplettierte in Italien mit Silber im Team-Wettbewerb und Bronze im Sprint noch seinen Medaillensatz. Im Anschluss an die Winterspiele 2010 und an die Weltcupsaison 2009/10 beendete er seine sportliche Karriere.
Auch abseits der Schanzen und Loipen erfüllte sich Georg Hettich seine Träume. Seit vielen Jahren arbeitet der 47-Jährige als Entwicklungsingenieur beim Medizintechnikunternehmen Aesculap in Tuttlingen.
Der Triumph des Schonachers vom 11. Februar 2006 ist bis heute der letzte Olympiasieg eines Schwarzwälders im Winter. Skispringer Andreas Wank startete 2014 beim Erfolg der deutschen Skisprungmannschaft in Sotschi noch für Oberhof, schloss sich erst danach dem SV Hinterzarten an. Ringerin Aline Rotter-Focken (Triberg/Krefeld) holte bei den Sommerspielen 2020 Gold.
Wir haben mit Georg Hettich über den großen Moment seines Sportlebens und die berufliche Gegenwart gesprochen. Außerdem verrät der Olympiasieger, dass er nicht mit Janina Hettich-Walz verwandt ist, er dennoch der Biathletin – wie auch Skicrosserin Daniela Maier (SC Urach) – viel bei den Winterspielen 2026 zutraut. Der 47-Jährige versteht nicht, weshalb Nathalie Armbruster und Co. in Italien nicht dabei sind. Doch der Wahl-Freiburger macht sich nicht nur deshalb Sorgen um die Nordische Kombination.
Georg Hettich, wie geht es Ihnen, und wo erreichen wir Sie gerade?
Ich bin gerade im Homeoffice in Freiburg und mache eine Mittagspause. Danach werde ich mich wieder der Orthopädie widmen. Ich arbeite ja als Entwicklungsingenieur in Tuttlingen. Da dreht sich viel bei mir um Innovationen im Bereich Knie- und Hüftgelenke. Das macht mir unglaublich viel Spaß.
Unglaublich war auch Ihr Olympiasieg vor fast genau 20 Jahren von Turin, am Ende sprang bei den Winterspielen 2006 ein kompletter Medaillensatz heraus. Denken Sie noch oft an diese Tage zurück?
Eigentlich, ganz ehrlich, eher selten. Im Alltag spielt das kaum eine Rolle. Mein Gesicht verbinden nur wenige mit der Nordischen Kombination, wenn mein Name fällt, dann schon eher. Wenn aber Olympische Spiele näherrücken oder der Schwarzwaldpokal der Kombinierer in Schonach ansteht, dann kann es sein, dass ich mich an die damalige Zeit erinnere. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass ich in Turin Gold hole. Das war einfach ein perfekter Tag für mich. Das kann man nicht planen.
Nun stehen die Spiele von Mailand und Cortina vor der Tür. Herrscht bei Ihnen große Vorfreude?
Es geht. Natürlich werde ich dann am heimischen Bildschirm vor allem die Nordische Kombination verfolgen.
Was trauen Sie den deutschen Kombinierern in Predazzo (Schanze) und Tesero (Langlauf) zu?
Sehr viel. Vinzenz Geiger, Johannes Rydzek und Julian Schmid sind jeweils immer für einen Sieg gut. Aber es muss dann eben alles zusammenkommen, nur dann wird man Olympiasieger. Medaillen sind auf jeden Fall drin.
Nathalie Armbruster (SV/SZ Kniebis) wäre eine große Medaillenhoffnung aus dem Schwarzwald gewesen, doch die (gefrusteten) Frauen dürfen immer noch nicht bei Olympia kombinieren. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Das ist ein schwieriges Thema. Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb die Frauen in der NoKo bisher nicht olympisch sind. Die Qualität dafür ist meiner Meinung nach vorhanden, auch die globale Verbreitung ist gegeben. Sollten die Frauen nicht bei den nächsten Spielen dabei sein, sieht es nicht gut für die Kombination, die „nordische Königsdisziplin“, aus. Aber nicht nur deshalb könnten schwere Zeiten anstehen.
Weshalb?
Dies liegt am Klimawandel. Wir haben immer weniger Schnee in den Mittelgebirgen. Damit gibt es immer weniger Möglichkeiten, Schneesport in unseren Regionen auszuüben. Dies wirkt sich natürlich auf den Nachwuchs aus. Und wenn dieser dann auch keine olympischen Vorbilder mehr haben sollte, es droht ja der NoKo auch bei den Herren das Olympia-Aus, dann mache ich mir große Sorgen um „meine“ Sportart.
Zurück zu den diesjährigen Winterspielen. Wem aus dem Schwarzwald trauen Sie – 20 Jahre nach Ihrem Sieg – eine Goldmedaille zu?
Das ist eine gute Frage. Skicrosserin Daniela Maier hat ja jüngst zwei Weltcups gewonnen. Und wer einen Weltcup gewinnt, der kann auch bei Olympia ganz oben landen. Auch Biathletin Janina Hettich-Walz hat Chancen, wenn alles zusammenkommt. Ich finde es bewundernswert, wie sie nach Mutterschaft das sportliche Comeback geschafft hat.
Ausgerechnet eine „Hettich“ könnte also 20 Jahre nach Ihnen wieder den sportlichen Olymp erklimmen. Sie sind aber nicht mit Janina Hettich-Walz verwandt – oder doch?
(lacht). Das habe ich mich auch schon gefragt. Als wir uns einmal getroffen haben, war dies übrigens auch ein Thema. Aber nein, wir sind – so viel wir wissen – nicht miteinander verwandt.
Georg Hettich, Sie sind ja schon zu Sportlerzeiten zweigleisig gefahren, haben auch studiert. Nun sind Sie nicht nur erfolgreicher Ingenieur, sondern auch Botschafter für das Spitzensportprogramm der Hochschule Furtwangen. Was bedeutet das für Sie?
Sehr viel. Es war für mich sehr wichtig, dass ich damals parallel zum Sport auch studieren konnte. Die Möglichkeit einer dualen Karriere ist von großer Bedeutung. Diese neue Rolle in Furtwangen ist echt eine Herzensangelegenheit für mich.