Das Licht geht aus: Abschiedsfeier in Tokio vor leeren Rängen. Foto: dpa/Marijan Murat

Sie hießen „Tokio 2020“, gingen aber pandemiebedingt erst im Sommer 2021 über die Bühne. Leere Tribünen und Korruptionsskandale sorgen dafür, dass sich die Japaner nur ungern an die Olympischen Spiele von vor drei Jahren erinnern.

Vor drei Jahren begannen in Tokio die wohl eigentümlichsten Olympischen Spiele der Welt: Mitten in der Pandemie und ohne Gäste gaukelte Japan seiner Bevölkerung eine Party vor, die nicht stattfand. Mit Freude blickt heute kaum wer zurück.

 

Denkt Shino Haseo an das Spektakel, das immer noch „Tokio 2020“ heißt, obwohl es 2021 stattfand, zuckt sie mit den Schultern: „Es kommt einem heute wie ein Ereignis vor, das man schon wieder vergessen hat.“ Die 40-jährige Erzieherin aus Tokio hatte sich auf Olympia gefreut. Aber als die Spiele begannen, war die Begeisterung weg. So ging es vielen Japanerinnen und Japanern, die der größten Sportveranstaltung der Welt den Rücken kehrten.

Unbekannte Sportarten, aber Japan gewinnt

„Nur für neue Sportarten wie Skateboard und Surfing hat Olympia Eindruck hinterlassen“, sagt Shino Haseo. Aber das liege wohl eher daran, dass man diese Sportarten hier kaum gesehen hatte, sie dann plötzlich da waren, und Japan Medaillen gewann. „Aber es gab viel zu viele Skandale. Da blieben keine guten Erinnerungen übrig.“

Das ist in Tokio heute häufig zu hören. Die Olympischen Spiele waren eine schockierend unbeliebte Veranstaltung. Schon vor dem Start zeigten Umfragen, dass zwei Drittel für eine weitere Verschiebung oder eine Absage der Spiele waren.

Die Veranstalter zogen Olympia trotzdem durch. Sportlich lief es dann rund – mit vielen Medaillen für Japan. Trotzdem war direkt nach Ende der Spiele noch die Hälfte des Landes der Meinung, im Sommer 2021 hätte es in Tokio kein Olympia geben dürfen.

An einem Nachmittag sitzt die Tokioterin Shino Haseo in einem Geschäft im Zentrum der Metropole und diskutiert mit anderen Stadtbewohnern über den Sommer 2021. In der Pandemie wurden die Menschen zum Daheimbleiben angehalten. Aus dem Ausland durften keine Besucherinnen zu Olympia reisen. Aber für die Wettbewerbe kamen 10 000 Athleten ins Land. Immerhin gelang es Tokio dann, die Spiele reibungslos über die Bühne zu bringen.

Die Party stieg nur für einige wenige

Wäre das nicht Grund, stolz zu sein? Der Bluesmusiker Motockney Nuquee schüttelt den Kopf: „So hat das kaum jemand empfunden. Es fühlte sich eher so an, dass die Organisatoren einfach ihr Recht durchgesetzt haben.“ Olympia sollte das Fest der Sportler und der normalen Menschen sein. Aber das sei es nie geworden. „Man redet heute gar nicht mehr drüber.“

Die Party stieg nur für einige wenige. Sponsoren bestachen Organisatoren im großen Stil. Im Frühjahr 2023 ergingen die ersten Gerichtsurteile: Manager von Olympiapartnern – etwa vom Kleidungshersteller Aoki oder der PR-Firma ADK – erhielten bereits Haftstrafen.

In der Nähe des Musikers Motockney Nuquee sitzt der 27-jährige Itsuki Hozumi. Obwohl er Sportfan ist, kann auch er nicht in Erinnerungen schwelgen: „Man denkt höchstens an die Sportarten zurück, die man sowieso mag. Dass Olympia ein eindrückliches Event werden würde, das hatten wir ja schon vorher nicht mehr geglaubt.“

Der damalige Premierminister Shinzo Abe hatte einen Wirtschaftsboom versprochen. Außerdem sollten die Spiele ohne Kosten für die Steuerzahlenden auskommen. Durch die Party würde der Austausch mit der Welt verstärkt. Am Ende wurde nichts davon wahr. Der ohnehin optimistisch kalkulierte Wirtschaftsboom blieb aus. Die Erzählung der Spiele ohne Kosten für die Allgemeinheit entpuppte sich als buchhalterischer Trick. Internationales Flair war vor leeren Rängen kaum zu spüren. Und dass der Nachwuchs motiviert würde, Sport zu treiben – Fehlanzeige!

Das hölzerne Stadion als Touristenattraktion

Carola Hommerich, Soziologieprofessorin an der Sophia Universität in Tokio, auf die Frage, ob ihre Kinder im Schulalter was von Olympia mitgenommen haben: „Die Olympiade hat für die auch überhaupt keine Rolle gespielt.“ Mit Schulklassen zu den Wettbewerben zu gehen, war nicht möglich. „Dass Kinder sich da inspiriert fühlten und sagten: ‚So will ich auch werden‘, und dass man sich da reinhängt? Das habe ich hier nicht beobachtet.“

Mittlerweile ist die Regierung kleinlaut, was die sonst oft bemüht betonten Hinterlassenschaften von Olympia angeht. Es gibt kaum welche. Vor dem Hintergrund etlicher Korruptionsskandale um „Tokyo 2020“ zog die nordjapanische Stadt Sapporo ihre Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2030 zurück.

Wobei dem Schneider und Fußballfan Itsuki Hozumi dann doch auch etwas Positives einfällt: „Das Olympiastadion wird immerhin weiter benutzt.“ Auch für Konzerte. „Ich war jetzt schon einige Male da und ich finde, es ist wirklich ein sehr schönes Stadion.“

Für Touristen ist das Stadion, dessen Struktur weitgehend aus Holz gebaut wurde, eine Attraktion. Bei Sportfans schwingt allerdings die Erinnerung mit, dass die Tribünen damals leer bleiben mussten.