Die Nordische Kombination ist bei Olympia immer noch reine Männersache. Heben oder senken die IOC-Herren im Sommer den Daumen?
Ein kleines Mädchen steht im Schanzenauslauf, ein Eurosport-Reporter hält ihr das Mikrofon vors Gesicht und fragt sie: „Was ist dein großer Traum, was willst du mal machen?“ Und das Mädchen antwortet: „Ich will zu Olympia. Mit der Nordischen Kombination.“
Das kleine Mädchen heißt Nathalie. Nathalie Armbruster aus Freudenstadt. Und die heute 20-Jährige hat dieses Video aus ihrer Kindheit per Instagram geteilt – zusammen mit einem emotionalen Statement an die Offiziellen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): „Hey @iocofficial, schaut euch doch mal unsere Weltmeisterschaften an! Wenn ihr unglaublich spannenden, einzigartigen und anspruchsvollen Sport wollt – hier seid ihr richtig.“
Wenn am Mittwoch die Nordischen Kombinierer ihren Olympiasieger suchen, verstößt das IOC wieder gegen die eigenen Regeln: Es sind nur die Männer am Start, Frauen stehen draußen vor der Tür.
Die Kritik des IOC
„Außerhalb Europas findet man keine Athleten. Die Sportart muss an der Universalität arbeiten: mehr Athleten, mehr Nationen“, erklärte im Juni 2022 Karl Stoss, IOC-Direktor für das olympische Programm, die Entscheidung, die Frauen-Kombination nicht ins olympische Programm für Mailand/Cortina 2026 aufzunehmen. Ein Schock.
Damoklesschwert über einer ganzen Sportart
Eigentlich wären auch gleich die Männer aus dem Programm gestrichen worden, doch nach langen Diskussionen erklärte IOC-Sportdirektor Kit McConnell: „Wir hätten es unfair gefunden , die Athleten, die sich jetzt bereits auf Cortina Milano vorbereiten, so kurzfristig aus dem Programm zu kippen.“ Kurzfristig: Es handelte sich um vier volle Jahre. Im Mai oder Juni 2026 wird wieder über die Zukunft der Nordischen Kombination entschieden: Frauen rein oder auch die Männer raus.
Und wie vor vier Jahren stehen IOC-Mann McConnell – und sein Nachfolger Pierre Ducrey – für ihre schwammigen Aussagen in der Kritik. „Es gab tatsächlich sogar mal ein Gespräch mit Kit McConnell“, berichtete Nathalie Armbruster in der ARD, „aber – ich weiß jetzt nicht, wie ich das diplomatisch ausdrücken soll – da war ich danach auch nicht wirklich schlauer.“
Argumente nur Scheinargumente
Die Argumente bleiben Scheinargumente. Mangelnde Universalität? Was ist denn mit Bob und Rodeln? Mangelnde Abwechslung auf dem Siegerpodest? Was ist denn mit Langlauf? „Die Argumente zählen nicht mehr“, schrieb die 2025 so erfolgreiche Nathalie Armbruster den Herren des IOC ins Stammbuch, „sonst müsstet ihr ja gleich viel mehr Disziplinen ausschließen.“
Der Todesstoß droht
Nun schaut sich das IOC am Mittwoch die Wettkämpfe der Nordischen Kombination ganz genau an. Sind Zuschauer da? Ist es laut an der Strecke? Gewinnen schon wieder die Gleichen? Wie sind die TV-Quoten? “Bitte, liebe Fans“, fleht Nathalie Armbruster deshalb, „schaut euch die Männerwettbewerbe bei den Olympischen Spielen an.“
Nathalie Armbruster kommentiert
Sie selbst wird das auch tun – und als eine Art Nachfolgerin ihres damaligen Interviewers an der Schanze bei Eurosport als Expertin den Wettkampf der Männer kommentieren, auch wenn ihr das Herz blutet. „Es ist eine sehr, sehr sehr schwere Zeit für uns“, sagt die Gesamtweltcupsiegerin und denkt zurück an die Zeit von „Jugend trainiert für Olympia“, als sie dem Reporter an der Schanze erklärt hatte, was sie in der Zukunft unbedingt tun will.
„Ich könnte mir hier meinen Kindheitstraum erfüllen“, sagt die Sommer-Grand-Prix-Siegerin und deutsche Meisterin mit ernster Stimme, „aber ich kann’s nicht. Und ich sitze zu Hause vor dem Fernseher. Es tut wahnsinnig doll weh.“ Während sich die Freudenstädterin bei ihrer Kritik noch um Sachlichkeit bemüht, werden andere deutlicher.
Annika Malacinski spricht von Sexismus
„Es geht um Sexismus“, sagt die US-Amerikanerin Annika Malacinski, die in Predazzo ihren Bruder anfeuert, der – ebenfalls Kombinierer – im Gegensatz zu ihr starten darf. „Der Februar wird der härteste Monat meines Lebens“, sagte sie in einem von ihr eigens geposteten Video: „Zu wissen, dass ich und so viele andere Frauen durchaus in der Lage sind, auf der höchsten Stufe des Sports zu stehen, aber allein aufgrund unseres Geschlechts davon ausgeschlossen werden.“
Die Angst geht um bei den Kombinierern
„Eine Sauerei“ hat das Nathalie Armbruster schon genannt. Und sie ist sich mit Annika Malacinski einig: „Wir schreiben das Jahr 2026. Dass so etwas immer noch passiert, ist inakzeptabel. Wir bitten nicht um Gefälligkeiten. Wir fordern Gleichberechtigung.“ Das „haben wir uns verdammt noch mal verdient“, ergänzt Nathalie Armbruster. Und muss doch bis zum Sommer zittern, was die Herren des IOC dann entscheiden. Die 20-Jährige gibt zu: „Wir haben schon sehr, sehr große Angst.“