Emma Weiß tritt für Deutschland in der Disziplin Aerials an – wird aber so gut wie nicht gefördert. Wie schafft sie es dennoch, in der Weltspitze mitzumischen?
Wintersport, das wird in vielen Fällen auch bei diesen Olympischen Spielen von Mailand und Cortina d’Ampezzo deutlich, ist meist eine Sache von Individualisten. Sie rasen allein durch den Eiskanal, brettern solo die Abfahrtspiste hinunter – und auch am Schießstand führt den Biathletinnen und Biathleten niemand die Hand. Wer aber die Jubelbilder nach Erfolgen bisher gesehen hat, weiß auch: Hinter jedem Individualerfolg steckt ein mitunter großes Team. Außer bei Emma Weiß.
„Das Team für die Olympischen Spiele besteht aus mir“, sagt die 26-Jährige, „und aus meinem Vater.“ Was erstaunlich klingt, ist die Realität in einer Disziplin, die im deutschen Sport weniger als eine Nebenrolle spielt. „Ich bin“, sagt Emma Weiß, „im deutschen Sportsystem ein bisschen schwebend.“ Und: „Ich muss mich nahezu komplett selbst finanzieren.“ Was eine enorme Herausforderung ist, wenn sich die Kosten für ein Jahr Training und Wettkampf auf bis zu 70 000 Euro summieren.
„Aerials“ wird die Disziplin im olympischen Programm genannt, in der sich Emma Weiß trotz aller Widrigkeiten in die Weltspitze gearbeitet hat. Und in der sie nun zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen antreten wird. Vor einigen Wochen hat sie in Kanada mit einem dritten Platz im Weltcup das Ticket vollends gelöst, vor der Qualifikation in Livigno an diesem Dienstag sagt sie: „Das Finale der besten Sechs ist mein Ziel.“ Erreicht sie es, würde sie gegen Konkurrentinnen antreten, die ihren Sport unter komplett anderen Voraussetzungen ausüben.
China, USA, Australien, Kanada – vor allem Sportlerinnen und Sportler dieser Nationen „sind sehr gut“, sagt Emma Weiß und erzählt, wie vor allem die Chinesen lange vor den Spielen in Peking 2022 Top-Coaches aus der ganzen Welt angeworben haben. Mit Erfolg. Beide Goldmedaillen gingen vor vier Jahren an die Gastgeber. „Es ist ein Kampf mit ungleichen Waffen“, sagt die Sportlerin aus Albstadt-Ebingen, „denn es entlastet einen einfach, wenn man sich auf den Sport konzentrieren kann.“ Sie selbst führt ein ganz anderes Leben.
Alles Organisatorische macht sie selbst, sie betreibt Sponsorenakquise, hat sich in Ermangelung eines Physiotherapeuten ein eigenes Regenerationsprogramm zusammengestellt, hält Vorträge – und macht an einer Fern-Uni ihren Master in General Management. Zuletzt hat sie sich erst beim ukrainischen Team ins Training eingekauft, danach bei jenem aus Tschechien. Vor den Spielen von Mailand und Cortina d’Ampezzo setzt sie aber auf die Lösung, die aus ihrer Sicht die auch auf Dauer erfolgversprechendste wäre.
„Es gibt kaum eine Sportart, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Athlet so wichtig ist, wie bei uns“, sagt Emma Weiß. Verlässt sie die Schanze und rotiert in der Luft, sind es die Kommandos von unten, die exakt sitzen müssen. Bestehen da Zweifel, wird der Sprung nicht gut – und im schlechtesten Fall gefährlich. „Ich muss mich zu 100 Prozent darauf verlassen können“, sagt sie, „es braucht Jahre, solch ein Vertrauen aufzubauen.“ Gut also, dass sie ihren aktuellen Coach schon seit ihrer Geburt kennt.
Training mit dem Vater
„Wenn ich die finanziellen Möglichkeiten hätte, würde ich am liebsten immer mit meinem Vater unterwegs sein“, sagt die 26-Jährige. Aber der Papa führt eben auch eine Ballettschule, um „die Familie zu ernähren“, kann nicht Vollzeit für den Sport und seine Tochter da sein. Im vergangenen Sommer haben sie allerdings viel gemeinsam an der Wasserschanze trainiert, und im Vorfeld der Spiele bildeten die beiden auch ein Duo.
Mit dem Deutschen Skiverband (DSV) ist Emma Weiß immer wieder im Austausch, der Verband zahlt auch eine kleine Förderung, investiert ansonsten aber keinen Euro in die Disziplin Aerials – weil keinerlei Einnahmen gegenüberstehen, zum Beispiel über den Verkauf von TV-Rechten. „Immer selbst für alles kämpfen zu müssen“, sei zwar anstrengend, sagt Emma Weiß, „hat mich aber auch zu der Person gemacht, die ich heute bin“. Und die nicht allein ist.
Seit etwas mehr als eineinhalb Jahren nämlich hat das Leben der Sportlerin ein neues, zusätzliches Fundament erhalten. „Ich hatte“, sagt Emma Weiß, „damals an Pfingsten eine Gottesbegegnung. Die war sehr intensiv und hat mein Leben auf den Kopf gestellt.“ Bis dahin war sie nicht sehr gläubig, aber „seitdem“, versichert sie, „bin ich nur noch für Gott unterwegs. Ich sehe mich als Repräsentantin Gottes“. Der auch entscheiden wird, wie lange Emma Weiß den Sport noch betreiben wird.
Bis 2030 wollte sie eigentlich weitermachen. Aber nun „muss ich schauen, wo Gott mich haben möchte“. Auch deshalb wird sie nach den Winterspielen zwei Wochen nach Taizé ins Kloster gehen. Alleine. Logischerweise.