Sie hat 108 Weltcup-Rennen gewonnen und schon zweimal olympisches Gold. 2022 in Peking ging Mikaela Shiffrin aber unerklärlicherweise leer aus. Wie geht sie nun Cortina d’Ampezzo an?
Zu Beginn ist es nur ein schüchternes „Hello“, das Mikaela Shiffrin über die Lippen kommt. Aber sie lächelt dabei – und macht schnell deutlich: Sie fühlt sich gut, sie fühlt sich wohl – und natürlich, sie freut sich darauf, in Cortina d’Ampezzo ihre bereits vierten Olympischen Spiele zu bestreiten. Und als sie später bei diesem ersten öffentlichen Auftritt in den Dolomiten dieser Tage nach hinten über ihre rechte Schulter schaut, liefert sie auch noch eine nette Portion Selbstironie.
„Oh“, sagt Shiffrin, als sie das Poster sieht, das sie selbst bei einer Fahrt in Peking 2022 zeigt. Grinsend ergänzt sie: „Danke, dass ihr ein Bild genommen habt, auf dem ich auf den Beinen bin.“ Es hätte schließlich auch andere gegeben.
Vor vier Jahren war die heute 30-Jährige als dominierende Figur des Ski-Weltcups nach China gereist. Was dann geschah, kann sich bis heute nicht einmal die Ski-Queen selbst erklären. Mit Platz 18 in der Abfahrt und Rang neun im Super-G konnte sie noch leben. Aber dann, in ihren Spezialdisziplinen, folgte das eigentliche Debakel.
Aus im Riesenslalom, Aus im Slalom, Aus im Slalom der Kombination. Man sah den Superstar tatsächlich mehr im Schnee liegen als perfekte Schwünge ziehen – und traute seinen Augen kaum. Wie gesagt: Erklärbar ist das bis heute nicht. Verdaut aber irgendwie schon. Und wenn Mikaela Shiffrin an einen anderen sportlichen Moment der vergangenen Jahre denkt, sagt sie sogar: „Ich würde den Sturz in Killington gerne gegen Peking tauschen.“
Bei ihrem Heimrennen hatte Shiffrin am 30. November 2024 ihren 100. Sieg im Weltcup vor Augen, stürzte dann aber im Riesenslalom und zog sich eine Stichwunde im Bauchraum zu. Was ein medizinisches Problem war, das mit einer Operation behoben werden musste. Und das mentale Folgen hatte. Mittlerweile ist aber auch das im Schatzkästchen der Erfahrungen, aus dem die Amerikanerin immer wieder schöpft. Und ebenso aufgearbeitet. Erst recht seit einigen Wochen.
Mentale Folgen aufgearbeitet
Im tschechischen Spindlermühle stand Shiffrin erstmals seit diesem Sturz wieder im Riesenslalom auf dem Podest, vorher hatte sie es nicht mehr geschafft, sich weit genug „aus meiner Komfortzone“ herauszubewegen. „Die anderen machten das mehr“, sagt sie. Nun mischt auch sie wieder mit. Was im Slalom so eigentlich nicht gilt.
Denn das, was Mikaela Shiffrin in ihrer besten Disziplin in diesem Jahr zeigt, ist „ein anderes Level“. Sagt Emma Aicher, die immerhin dreimal neben Shiffrin auf dem Slalompodest stand in diesem Winter. Die 22-jährige Deutsche, die am Sonntag Silber in der Olympia-Abfahrt von Cortina d’Ampezzo gewann, wundert sich immer wieder über die großen Konkurrentin: „Ich weiß nicht, warum. Aber sie ist einfach so schnell.“ Und: „Selbst, wenn sie mal einen Fehler macht, sieht man schon am nächsten Tor nichts mehr davon.“
71 Weltcup-Siege im Slalom, 108 insgesamt
Sieben von acht Slalomrennen hat Mikaela Shiffrin in dieser Saison gewonnen, die Gesamtwertung in dieser Disziplin hat sie sich damit vorzeitig zum neunten Mal gesichert. Von ihren insgesamt 108 Weltcup-Siegen errang sie 71 im Slalom. Und in eben dieser Disziplin wird die in Cortina erstmals gefordert sein.
An diesem Dienstag findet erstmals bei Olympia die Team-Kombination der Damen statt. Shiffrin fährt den Slalom, Breezy Johnson, seit Sonntag Olympiasiegerin, die Abfahrt. Genau in dieser Kombination haben die beiden vor einem Jahr den WM-Titel gewonnen. Für Deutschland gehen Kira Weidle-Winkelmann (Abfahrt) und Emma Aicher (Slalom) an den Start. Das US-Team schickt auch ohne die am Sonntag verunglückte und nun verletzte Lindsey Vonn drei weitere starke Paare ins Rennen. Auf die Frage, wie es denn sei, die USA zu repräsentieren, antwortete Mikaela Shiffrin in Cortina übrigens bewusst ausweichend – und damit sehr klar mit Blick auf ihre Heimat.
„Es gibt so viel Leid und Kummer auf der Welt, so viel Gewalt. Das alles mit dem Wettkampf um Medaillen bei den Olympischen Spielen in Einklang zu bringen, ist nicht einfach“, sagte sie – und ergänzte: „Ich hoffe sehr, hier meine Werte zu vertreten: Inklusion, Vielfalt, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Beharrlichkeit, Fleiß und die tägliche Unterstützung meines Teams.“
Sie wird nach der Team-Kombination noch im Riesenslalom und Slalom starten. Es wird einiges erwartet, womöglich erzeugt das, auch mit Blick auf die Nullnummer von Peking, Druck. Aber „Druck“, sagt Mikaela Shiffrin und zitiert dabei die Tennis-Ikone Billie Jean King, „ist ein Privileg“.