Sie haben Geschichte geschrieben und verlassen mit einem unglaublichen Rekord die olympische Bühne. Was macht die Rodler Tobias Wendl und Tobias Arlt so besonders?
Max Langenhan ist in den Tagen der Winterspiele von Mailand und Cortina d’Ampezzo ja ein kleiner Fauxpas unterlaufen. Im Einsitzer hatte er ja schon am Sonntag die Goldmedaille gewonnen. Logisch, dass die Gratulanten Schlange standen – auch per Telefon. Und klar ist auch: Jeden Anruf konnte er nicht annehmen. Also ließ er einen aus, der ankam, ohne die Rufnummer anzuzeigen. Im Nachhinein stellte sich heraus: Es wäre der Bundeskanzler gewesen.
Langenhan erzählte die Geschichte am Donnerstagabend. Da hatte er gerade sein zweites Gold mit der deutschen Team-Staffel gewonnen – und konnte das verpasste Gespräch mit Friedrich Merz durchaus verkraften. Er hatte ja dennoch Prominenz um sich: die neuen deutschen Rekord-Winter-Olympioniken.
Das klingt jetzt ein wenig sperrig – Tobias Wendl und Tobias Arlt allerdings sind das Gegenteil. Meistens gut drauf, fast immer redselig und auskunftsfreudig, „wichtig für die Mannschaft“. Sagte Patric Leitner.
Der Bundestrainer muss es wissen. Er kennt die beiden seit Ewigkeiten – und weil er selbst einst im Rodel-Doppelsitzer gesessen hat, kann er die „Lebensleistung“ (DOSB-Chef Thomas Weikert) auch sehr gut einschätzen. „Unglaublich“, sagte er, „da können die Jungs unheimlich stolz drauf sein.“
Mit sechs Goldmedaillen im Rücken waren die beiden Bayern nach Cortina gereist. In Sotschi, Pyeongchang und Peking hatten sie jeweils im Doppelsitzer und mit der Staffel triumphiert. Nebenbei Weltmeistertitel en masse geholt und 100 Weltcupsiege gefeiert. Aber: Es gab bis dahin noch eine, die besser war im Winter.
Natalie Geisenberger, die frühere Rodel-Kollegin der beiden, hat in ihrer Karriere auch die Goldmedaillen von Sotschi, Pyeongchang und Peking geholt. Aber 2010 in Vancouver auch schon eine Bronzemedaille – weshalb die Frage nach dem Rekord sowohl die „Rodel-Tobis“, als auch Geisenberger in Cortina stets begleitete. „Dafür machen wir den Sport nicht“, betonten sie immer. Zogen dann aber doch gleich mit Bronze im Doppelsitzer am Mittwoch. Am Donnerstag fiel dann Geisenbergers Rekord. „Ich gönne es ihnen“, sagte sie und lobte deren „wahnsinnigen Ehrgeiz“.
Viel Leidenschaft für den Rodelsport
Tobias Wendl und Tobias Arlt sind nun deutsche Rekordhalter im Winter – mit sieben Goldmedaillen und einer aus Bronze. „Das macht uns unglaublich stolz“, sagte Arlt. Wendl ergänzte: „Das ist eine wahnsinnige Ehre.“ Und es bleibt eigentlich nur die Frage, wie die beiden es geschafft haben, über solch einen langen Zeitraum so dominant zu sein – und dazu noch immer bei den Großereignissen abzuliefern.
Der Rekord sei „ein Zeichen“, sagte Tobias Arlt, „dass wir auf verschiedenen Ebenen vieles richtig gemacht haben“. Wendl sprach nach dem Rekord-Gold viel von der „Leidenschaft“ , die die beiden für den Rodelsport haben. „Dieser Sport bietet so viel an Spannung und Nervenkitzel“, schwärmte er, „es ist ein unfassbar schöner Sport.“
Als sie zum ersten Mal gemeinsam im Schlitten saßen, sei es nur darum gegangen „heil unten anzukommen“, scherzte Tobias Arlt. Dann aber verschmolzen „die Tobis“ immer mehr zu einer Einheit auf dem Schlitten. „Wir haben beide unsere Stärken und Schwächen“, erklärte Wendl. Und je länger sie gemeinsam rodelten, desto besser brachten sie die Stärken ein und konnten die Schwächen des jeweils anderen helfen auszumerzen.
Leitner betonte, dass zuletzt auch das Training angepasst worden sei – dem Alter der beiden. Schließlich sind beide ja schon 38 Jahre alt. „Die müssen nicht mehr zweimal am Tag trainieren“, sagte der Bundestrainer, sie hätten stattdessen „clever und smart“ trainiert. Dazu gehörte auch mehr Ausdauertraining – für eine bessere Regeneration. „Athletisch können sie immer noch mithalten“, sagte Leitner. Dazu komme eine Fähigkeit, die die beiden schon immer hatten: „Sie können von Haus aus gut zucken.“
Damit meint Patric Leitner die Fähigkeit, einen explosiven Start hinlegen zu können. Was Max Langenhan zu der Einschätzung führte: „Diese Typen sind so krass.“ Gerade ihre zuverlässige Stärke bei Großereignissen sei „Wahnsinn“.
Klar ist nun aber auch: Diese unglaubliche Serie wird enden. „Das war unser letztes olympisches Rennen“, sagte Tobias Wendl nach der Siegerehrung. Sofort aufhören werden die beiden aber nicht. „Wir wollen dort aufhören, wo wir einst angefangen haben“, sagte er. Also am Königsee, wo derzeit der von einem Unwetter zerstörte Eiskanal wieder aufgebaut wird. 2028 soll dort die WM stattfinden, Leitner versicherte, im kommenden Jahr könne dort wieder ein Weltcup stattfinden.
Vielleicht zum letzten Mal mit den krassen „Rodel-Tobis“.