Mikael Kingsbury ist der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Foto: imago/ZUMA Press

Der Kanadier gilt als der dominanteste Athlet in diesem Sport.

Zhangjiakou - Bei Olympischen Winterspielen gibt es viele Disziplinen, mit denen ein Hobbyathlet eher selten in Berührung kommt. Skispringen? Bobfahren? Shorttrack? Sind Sportarten für Spezialisten. Eine Buckelpiste kennt dagegen jeder Skifahrer, die meisten haben sich schon durchgequält, oft am Nachmittag, mit entsprechend schweren Beinen. Was dann, so viel Ehrlichkeit muss sein, allerdings doch wieder relativ wenig zu tun hat mit Mikael Kingsbury.

 

Lesen Sie aus unserem Angebot: Unser Olympiablog „Made in China“

Der Kanadier ist der König der Buckelpiste – und einer der sichersten Goldtipps für die Spiele in Peking. Auch wenn er das selbst so niemals sagen würde.

Kingsbury (29), in seinem Sport ein Überflieger, ist trotz seiner Erfolge alles andere als abgehoben. Ganz bewusst. „Ich habe in meinem Leben einige Athleten gesehen, denen ihre Siege zu Kopf gestiegen sind, das mag ich nicht“, sagt er, „ich bin auf dem Boden geblieben, bei mir selbst. Das macht mehr Spaß.“ Und bringt immer wieder neue Motivation – was nicht ganz unwichtig ist für einen, der für seine Triumphe ganz schön buckeln muss. „Ich kann nicht wirklich erklären, warum ich so gut bin“, meint Kingsbury, „aber ich weiß, dass ich richtig hart dafür arbeite.“ Das zahlt sich aus.

Der Kanadier wurde 2018 in Pyeongchang Olympiasieger, er ist sechsmaliger Weltmeister, gewann ab 2012 unglaubliche neun Mal in Serie den Buckelpisten-Weltcup und den Gesamtweltcup der Ski-Freestyler. Dann stoppte ihn im November 2020 ein Trainingssturz im finnischen Ruka, bei dem er sich zwei Brustwirbel brach. Nach seiner Rückkehr ging die Siegesserie weiter, seine Dominanz im Weltcup ist einzigartig: Bei 120 Starts kommt er auf 101 Podiumsplatzierungen, fuhr dabei 67 erste Plätze ein. Ein Ende? Ist nicht in Sicht. „Die Verletzung war kein Spaß“, sagt Kingsbury, „doch sie hat mir geholfen, ein noch besserer Athlet zu werden. Ich fühle mich stärker als je zuvor.“ Für die Konkurrenz muss sich das anhören wie eine Drohung.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie China eine Wintersport-Macht werden will

Macht Kingsbury keinen Fehler, was die Regel ist, dann gilt er als nahezu unschlagbar. Er ist in der Buckelpiste der Beste, wo seine Beine bei Höchsttempo arbeiten wie Stoßdämpfer, trotz der engen Skiführung gerät er nie in Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Und auch bei den beiden Sprüngen, die pro Lauf zu zeigen sind, bietet Kingsbury das größte Spektakel. Fast immer auch aus Sicht der Kampfrichter.

„Als Kind hatte ich nicht nur ein Vorbild, sondern mehrere“, sagt er, „eines fürs Skifahren, eines für die Sprünge, eines für die Schnelligkeit, eines für die Eleganz. Hätte man alle gemixt, wäre der beste Athlet der Welt herausgekommen. Ich habe versucht, einen Teil von jedem zu übernehmen.“ Was reichte, um zum Buckelpisten-Dominator zu werden. Daran wird sich wohl auch jetzt in China nichts ändern.

Der erste Freestyle-Wettbewerb der Spiele hat schon vor der Eröffnungsfeier begonnen. Der Beste in der Qualifikation am Donnerstag war – klar – Mikael Kingsbury. Der Topfavorit qualifizierte sich damit direkt für das Finale, der erste von drei direkt aufeinanderfolgenden Läufen beginnt an diesem Samstag um 12.30 Uhr MEZ.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Diese Wettbewerbe sind neu bei den Winterspiele

„Es war nicht einfach, die Buckel sind in der Kälte härter und härter geworden“, meinte der 29-jährige Kanadier, der als Einziger über die Marke von 80 Punkten gekommen war, „ich bin glücklich, dass ich einen guten Lauf nach unten gebracht habe. Im Finale werde ich stärker zurückkommen – ich kann noch besser springen und noch schneller sein.“

Es wäre folglich keine Überraschung, würde Kingsbury seiner eindrucksvollen Sammlung an Medaillen und Pokalen eine weitere goldene Trophäe hinzufügen. Optisch besonders angetan haben es ihm die Kristallkugeln, die es am Ende jeden Winters für Siege in den Weltcup-Wertungen (Gesamt, Disziplin) gibt – weil sie, wenn man sie umdreht, auch mit prickelnden Getränken befüllt werden können.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Olympia im Hochsicherheitstrakt

Und der Durst des Buckelpisten-Champions ist noch längst nicht gestillt. Alpin-Superstar Lindsey Vonn (USA), die in ihrer Karriere 20 Kristallkugeln (4x Gesamtweltcup, 16x Disziplinweltcup) gewann, würde er schon gerne übertrumpfen. Zwei fehlen ihm noch, ansonsten gibt er allerdings eher wenig auf Zahlen. „Ich fahre nicht für irgendwelche Statistiken“, sagt er, „sondern für mich.“

Das nächste Mal an diesem Samstag in Zhangjiakou.