Der 35-Jährige war kurz davor, seine Karriere zu beenden – doch der Olympia-Auftritt 2018 macht aus dem guten einen erfolgreichen Rodler. Und der hat in Peking einiges vor.
Yanqing - Zwei Tausendstelsekunden. Kaum mehr als ein Blinzeln. Diese unvorstellbare Zeitspanne war der Auslöser, dass Johannes Ludwig bei den Olympischen Spielen 2022 mit dem Rodelschlitten an diesem Samstag am Start (12.10 Uhr/ARD) steht. Zwei Tausendstel haben sein Leben verändert, haben ihn in eine neue Spur bugsiert. Vor vier Jahren in Pyeongchang hatte der Thüringer nach vier Läufen jenen unverschämten winzigen Sekundenbruchteil vor dem Südtiroler Dominik Fischnaller gelegen und ihm so Bronze weggeschnappt. Sieben Zentimeter Vorsprung bei einer Gesamtstrecke von 5376 Meter. „Ja“, sagt Johannes Ludwig heute, „diese Medaille hat dazu beigetragen, dass ich mich in meinem Sport noch einmal deutlich weiterentwickelt habe.“
Mit der Reife kommt der Erfolg
Von seinem Weltcup-Debüt 2006 an galt der Schlittenpilot des WSV Oberhof zwar als einer, der vorne reinfahren konnte, doch der gebürtige Suhler hat selten belegt, dass er das Gewinner-Gen in sich trägt. 2010 stand er erstmals auf dem Weltcup-Podest, 2013 wurde er EM-Dritter und 2014 Vizeeuropameister im Einsitzer, doch in der starken deutschen Mannschaft gab es stets welche, die noch schneller durch den Eiskanal rasten – 2010 und 2014 fanden die Winterspiele ohne Ludwig statt. „Ich war zu verbissen und habe mich zu sehr vom Selbstverständnis als Rodler abhängig gemacht“, sagt er heute mit der Reife eines 35 Jahre alten Sportlers.
Und dann war in jener Zeit Felix Loch, der Superstar, der nicht nur seine Landsleute, sondern die gesamte Weltelite düpierte, der von 2012 bis 2018 lediglich 2017 den Gewinn des Gesamt-Weltcups verpasste. „Ich werde das nie erreichen, er hat alles verdient“, sagt Ludwig, „aber es war ernüchternd, dass alle anderen im Team kaum Beachtung gefunden haben.“ Im Schatten von Felix, dem Großen, war Schattenmann Ludwig am Ende seiner Bahn, so dass er sich die Sinnfrage stellte und mit seiner Frau erörterte, ob sein Doppelleben als Sportler und Vater von zwei Kindern überhaupt erstrebenswert und familiär vertretbar sei. „Wir haben uns gemeinsam dafür entschieden“, erzählt er.
Aus dem Schatten von Felix Loch herausgetreten
Zum Glück, könnte er nun sagen. Denn als Felix Loch 2018 in Südkorea nach einem Patzer im letzten Lauf die sicher geglaubte Goldmedaille abhandenkam, sprang Ludwig für Team D in die Bresche. Er holte sich recht überraschend jene Bronzemedaille, wurde mit dem Team zudem Olympiasieger – es war der Relaunch, es war Ludwig 2.0. „Es hat ihn schon immer ausgezeichnet, dass er nie aufgibt“, sagt Bundestrainer Norbert Loch über den Ältesten der Truppe, „seit 2018 ging es mit ihm stets bergauf, auch, weil er nun von seiner großen Erfahrung profitiert.“
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Johannes „Lüdi“ Ludwig hatte diesen Befreiungscoup gebraucht, plötzlich war der Bremsklotz im Kopf weg, sich beweisen zu müssen, es war die Gefahr gebannt, an den eigenen Erwartungen zu zerbrechen. „Diese Medaillen nimmt mir niemand mehr“, sagt der Rennrodler, „ich habe mir damals gesagt: Alles, was kommt, ist Zugabe.“ Der Thüringer ordnete seine Erfahrungen neu und fand heraus, dass er sich wieder glänzend motivieren konnte. Heute ist er überzeugt, dass nicht nur die nötige Routine rund um die Wettkämpfe wichtig ist, das Wissen um die richtige Fahrlinie und Technik im Eiskanal und die Kniffe beim Schlittenbau, sondern vor allem diese Portion Gelassenheit trotz des fühlbaren Hungers nach Erfolgen. Ludwig 2.0 ist ein Erfolgsprodukt, in dieser Saison hat die neue Software im Kopf die wohlige Lockerheit mit dem nötigen Können kombiniert und damit holte der Mann den Gesamt-Weltcup. Zwar ist Ludwig auf dem Schlitten wegen seiner Athletik (1,87 m/87 kg) seit jeher als Schnellstarter bekannt, doch diesen Triumph feierte er erst 16 Jahre nach seinem Weltcup-Debüt. „Besser spät als nie“, meint er verschmitzt, „dieser Erfolg bedeutet mir viel, weil er die Konstanz in einer Saison über viele Läufe belegt. Olympia ist eine Momentaufnahme mit vier Läufen auf einer Strecke.“ Aber es ist eben Olympia.
Johannes Ludwig ist in den Kreis der Favoriten gerodelt
Wenn einer diese Trophäe gut einen Monat vor den Spielen in Händen hält, wenn er davor fünf Saisonsiege gefeiert hat sowie je einmal Zweiter und Dritter gewesen ist, liegt der Schluss nahe, ihn zum Goldfavoriten zu erklären. Besonders deshalb, weil er die Olympia-Generalprobe auf der Bahn von Yanqing im November für sich entschieden und dabei festgestellt hat, „dass ihm die Strecke liegt“. Ludwig weiß, dass es sinnlos wäre, sich gegen solche Kausalzusammenhänge zu wehren, aber hält dazu einen Sicherheitsabstand wie zur Bande in der Eisrinne. „Ich versuche, das nicht ins Bewusstsein dringen zu lassen“, sagt er, „wenn ich keine Medaille erreiche, war für mich Olympia trotzdem okay. Ganz sicher.“ Man glaubt ihm diese Worte, aber eine weitere Plakette von den Spielen mitzubringen, das wäre ein schöner Abschluss. Und dafür tut der Mann alles. Johannes Ludwig wird vor jedem Lauf seinen Schlitten akribisch einrichten, irgendwelche Ecken und Kanten penibel abkleben und blitzblank polieren. Solche Kleinigkeiten können im Eiskanal entscheidend sein, es geht um Tausendstel.