Die Tragödie um Kamila Walijewa ist ein Beispiel für die emotionale Kälte im russischen Eiskunstlauf. Jetzt werden Forderungen nach einem höheren Mindestalter laut.
Peking/Stuttgart - Es ist Freitagmittag, als Claudia Unger die Eisfläche auf der Waldau betritt. Sechsmal die Woche ist die Eiskunstlauf-Landestrainerin auf Degerlochs Höhen im Einsatz – gerade gibt sie ihren Schützlingen letzte Tipps für die baden-württembergischen Meisterschaften, die an diesem Wochenende im Hallenoval des TEC Waldau Stuttgart ausgetragen werden.
Die olympische Tragödie on Ice, diese schmerzvolle Demütigung des gerade mal 15 Jahre jungen, russischen Eislauf-Wunderkindes Kamila Walijewa, auch Claudia Unger hat sie tief bewegt vor dem Fernseher mitverfolgt. „Man hat Kamila in eine Situation gebracht, in der sie nur verlieren konnte“, sagt die 45-Jährige, die bei Wettkämpfen der Internationalen Eislaufunion (Isu) als technische Spezialistin tätig ist. „Sie ist benutzt worden“, ergänzt Unger, „und sie wurde in eine Lage gebracht, die kein Mensch ertragen kann.“
Emotionaler und physischer Horrortrip
Am Ende ihres emotionalen und physischen Horrortrips auf dem olympischen Eis hatte die gebrochene Walijewa ihr Gesicht in die Hände vergraben. Erschüttert von einer Dopingaffäre rund um die Einnahme des Herzmittels Trimetazidin, das am 8. Februar in ihrer A-Probe in sehr geringer Dosis nachgewiesen wurde, war Walijewa in Peking lediglich unter Vorbehalt gestartet – und hatte dem unermesslichen Druck letztlich nicht standgehalten. Ein Sturz beim Vierfach-Salchow, ein verpatzter Vierfach-Toeloop – und so stand am Ende der Kür der Russin zu den Klängen von Ravels Bolero trotz einer Führung aus dem Kurzprogramm nur Platz vier.
Doch dies ist allein die rein faktisch-nüchterne Analyse des Dramas um die blutjunge Sportlerin aus Russland, die mit dreieinhalb Jahren erstmals das Eis betrat – und die bereits mit sechs Jahren auf der berühmt-berüchtigten Sportschule „Moskowitsch“ konsequent auf Erfolg getrimmt wurde.
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Denn der Fall Kamila Walijewa besitzt gleich mehrere tragische Facetten: Schließlich handelt es sich bei der großen Goldhoffnung aus Moskau um einen Teenager, der trotz seiner Jugend nicht geschützt wurde, weil er um jeden Preis seine vermeintliche Pflicht zu erfüllen hatte. „Ein 15-jähriger Teenager wird öffentlich zu einer sportpolitischen Kunstfigur hochgezüchtet. Und dann, wenn das Kind vor lauter Druck nicht mehr funktioniert, wird es öffentlich von der eigenen Schinderin, pardon: Trainerin gedemütigt“, sagt Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation der Fachhochschule Bielefeld.
Die Trainerin als eiskalte Antreiberin
Tatsächlich hatte Eteri Tutberidse für ihre schluchzende Läuferin keinerlei tröstende Worte gefunden. Während die russische Trainerin eine Umarmung nur andeutete, kritisierte sie die Einstellung ihrer Athletin: „Warum hast du alles so aus den Händen gegeben? Erkär mir das!“, fragte die Trainerin in der sogenannten Kiss-and-Cry-Ecke der Eishalle. „Es ist eine traurige Geschichte, die ich mir nicht anschauen kann, weil es mir wehtut. Als Mutter würde ich jetzt sagen, ich würde mein Kind nicht zum Eiskunstlauf schicken“, erklärte Aljona Savchenko, Paarlauf-Olympiasiegerin von 2018.
Disziplinarischer Drill und emotionale Härte haben im Eiskunstlauf eine lange Tradition. Tutberidse, die mit dem einst des Dopings überführten Mediziner Filipp Shvetskyi ein Gespann bildet, trägt in Russland den Spitznamen Schneekönigin. Weil sie ihre oft minderjährigen Schützlinge eiskalt antreibt und als erfolgsbesessen gilt. „14-, 15-Jährige lenkt nichts ab. Sie haben nur das eine Ziel. Sobald sie das erreichen, lassen sie nach und tun sich selbst leid. Die Praxis zeigt, dass sie dann weniger trainieren“, sagte sie mal in Russlands „Erstem Kanal“.
„Am Donnerstagabend wurde eine 15-Jährige unter dem Gewicht eines weltweiten Skandals auf ihren Schultern begraben“, schreibt derweil die Londoner „Daily Mail“. Auch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, hat „eine kühle Atmosphäre und eine Distanz“ zwischen Trainerin und Sportlerin gespürt, „die erschreckend zu sehen war.“
Während für Bach aber vor allem das Gesamtbild dieser in vielerlei Hinsicht fragwürdigen Olympischen Winterspiele von Peking nicht durch den Fall Walijewa getrübt werden soll, werden anderenorts Reformen zumindest angedacht. So kündigte die Isu inzwischen an, auf ihrem Jahreskongress im Sommer über eine Erhöhung des Mindestalters von 15 auf 17 Jahre abstimmen zu wollen. Der Turn-Weltverband Fig hatte mit einer Erhöhung von 15 auf 16 Jahre durchaus Erfolg.
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„Seit Jahren beschäftigt mich, warum bei den Olympischen Winterspielen 15- und 16-jährige russische Talente mit ihren faszinierenden Ausnahmeleistungen gewinnen und dann für immer die Eis-Weltbühne verlassen. Oft gesundheitlich angeschlagen“, erklärt Katarina Witt, die Olympiasiegerin von 1984 und 1988, die als Expertin der ARD bereits während der Walijewa-Kür in Tränen ausgebrochen war.
Negativbeispiele gibt es viele: Da ist etwa der Fall Julia Lipnizkaja. Sie war 2014 Olympiasiegerin, erkrankte an Magersucht – und trat schon zwei Jahre später nicht mehr an. Auch Alina Sagitowa, die 2018 mit 16 Jahren olympisches Gold in Pyeongchang holte, schied letztes Jahr aus dem Nationalkader aus. So ist im Eiskunstlauf schon länger hinter vorgehaltener Hand in einer Mischung aus Bitterkeit und Zynismus von den russischen „Wegwerfmädchen“ die Rede.