Die Volksrepublik will sich im Eishockey-Turnier nicht blamieren – deshalb wurde für die Nationalmannschaft gleich einen gesamter Club eingebürgert.
Peking - Die Revanche für das Halbfinal-Aus bei Olympia 2018 ist den Kanadiern ordentlich geglückt, mit 5:1 schlugen sie die deutsche Mannschaft am Donnerstag im Wukesong Sports Centre in Peking. „Eine Niederlage heißt nicht, dass alles schon vorbei ist“, stellte der deutsche Torschütze Tobias Rieder zutreffend fest, „wir werden uns verbesser, es kommen ja noch ein paar Partien.“ Auch damit traf der Stürmer den Nagel mittig auf den Kopf – an diesem Samstag (9.40 Uhr/ZDF) folgt das Spiel gegen China. Man könnte auch sagen: gegen eine Nordamerika-Auswahl in chinesischen Trikots.
13 Kanadier und drei Amerikaner
13 Spieler aus dem 25-Mann-Kader der Gastgeber wurden in Kanada geboren, drei in den USA, darunter ist etwa Jake Chelios, der 30 Jahre alte Sohn der NHL-Legende Chris Chelios (60), dem 1651 NHL-Spiele in den Knochen stecken. Der Junior brachte es immerhin auf fünf Spiele für die Detroit Red Wings und steht seit 2019 beim chinesischen Club Kunlun Red Star unter Vertrag, der in der Kontinental Hockey League (KHL) spielt, in der die russischen Spitzenclubs zu Hause sind – immerhin gilt die KHL als stärkste Liga Europas. Allerdings könnte man den Club auch umbenennen in Kunlun Rote Laterne; das Team ist Schlusslicht.
Ohne die Importe wäre China, die Nummer
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32 der Weltrangliste, so chancenlos, als würde ein Pferd vom Ponyhof gegen einen Vollblüter im Derby antreten. Und beim Weltverband IIHF reifte der Gedanke, es wäre nicht ehrenvoll für China, wenn das Gastgeber-Team vor den Augen des eigenen Volkes derart entwürdigend vom Eis gefegt wird. „Einem Team zuzusehen, das 0:15 geschlagen wird, ist für niemanden gut. Nicht für China und nicht fürs Eishockey“, umriss IIHF-Präsident Luc Tardif im Herbst 2021 das Problem. Ein Entzug des Startrechts wurde erwogen, doch im November entschied der besorgte Weltverband, dies nicht zu tun – und für die Chinesen eine Hintertür im aktuell gültigen Regelwerk zu öffnen. Eigentlich müssen Profis vier Jahre Spielpraxis in dem Land nachweisen, damit sie international für diese Nation aufs Eis dürfen. Für Olympia wurden die Bestimmungen an die IOC-Statuten nach unten angepasst. Und die Chinesen nahmen den Steilpass gerne auf. Sie lockerten ihre Einbürgerungsgesetze, die zu den strengsten und rigidesten der Welt gelten, und warfen gleichzeitig sämtlichen ideologischen Ballast von Bord – und bedienten sich am Spielermaterial des kapitalistischen Klassenfeinds.
Noebels ist gewarnt vor dem Spiel gegen China
Auch Südkorea hat sein Eishockey-Team von den Spielen 2018 mit Fremdkräften aufgerüstet, doch die Chinesen sind ökonomischer und stringenter vorgegangen. Sie sandten keine Scouts aus, um wechselwillige Profis anzuwerben, kurzerhand wurde der gesamte Kader von Kunlun Red Star eingebürgert, sofern es sich nicht bereits um Staatsbürger der Volksrepublik handelt. Nur sechs Spieler des Olympia-Kaders haben bei der WM 2019 in der viertklassigen Division IIA für China ihre Körper in die Bodychecks geworfen.
Marcel Noebels aber warnt, die chinesischen Auserwählten seien keinesfalls Kerls, denen man die Schlittschuhe binden müsste. „Von denen haben auch schon einige NHL-Erfahrung“, sagt der deutsche Nationalstürmer, „auch gegen die müssen wir alles abrufen, es wird auf jede Aktion ankommen.“
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Trotzdem: Alles andere als ein stattlicher Sieg des Teams von Bundestrainer Toni Söderholm wäre eine Blamage. Denn das Auftaktspiel hat das chinesische Team gegen die USA mit 0:8 verloren, „das war ganz schön surreal“, meinte Jeremy Smith, 1989 in Michigan geboren, und sprach von einer „großen Ehre, der erste Goalie – also Eishockeytorwart – für China bei Olympia“ gewesen zu sein. Mal sehen, wie seinen neuen Landsleute eine neuerliche Pleite hinnehmen.