Der Mountainbiker Manuel Fumic aus Kirchheim will seine olympische Karriere mit einer starken Leistung beenden und weiß doch, dass andere im Fokus stehen werden.
Tokio - Wer 39 Jahre alt und seit zwei Jahrzehnten Profi ist, wer an seinen fünften Olympischen Spielen teilnimmt und 21 WM-Rennen bestritten hat, der könnte sich völlig entspannt zurücklehnen und über sein nahendes Karriereende nachdenken. Doch würde Manuel Fumic das tun, er wäre nicht länger der Manuel Fumic, der er sein will. Und nicht mehr der Mountainbiker, der stets nach Perspektiven sucht. Für sich. Und für seine Sportart.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Manuel Fumic peilt trotz Handicaps Top-Ten-Platz an
An diesem Montag (8 Uhr MESZ) startet der Kirchheimer in sein letztes olympisches Rennen – und das durchaus mit Ambitionen. „Der Kurs hier in Japan ist der schwierigste, den es bei Sommerspielen je gab. Dazu kommt die enorme Hitze“, sagt Fumic, der 2004 in Athen erstmals dabei war, „das wird alle Fahrer voll fordern. Mir liegen diese Bedingungen, ich will unter die besten acht. Und vielleicht geht ja noch ein bisschen mehr.“ Es wäre ein krönender Abschluss, doch zugleich ist Fumic bewusst, dass der Fokus bei diesem Rennen nicht auf ihm liegen wird. Ein Problem hat er damit nicht. Ganz im Gegenteil.
Fumic war immer einer, dem die Entwicklung des Cross-Country-Sports wichtig gewesen ist, und er hat ja auch schon einiges mitgemacht („Mit den Rädern meiner Anfangszeit würden wir heute schnell im Krankenhaus landen“). Entsprechend freut er sich, dass diesmal einer zu den Gold-Favoriten zählt, der garantiert für große Aufmerksamkeit sorgen wird: Mathieu van der Poel. „Das Interesse, das sein Start generiert, nehmen wir als Sportart gerne mit“, sagt Fumic, „ich sehe das rundum positiv.“
Der Star der Szene
Mathieu van der Poel ist einer der Stars in der Radszene, und das nicht nur in einer Disziplin. Zuletzt fuhr der Enkel des legendären Franzosen Raymond Poulidor, der dreimal Zweiter und fünfmal Dritter der Tour de France war, bei der Großen Schleife durch Frankreich ins Rampenlicht. In der ersten Woche übernahm van der Poel durch einen fulminanten Sieg auf der zweiten Etappe die Gesamtführung, verteidigte das Gelbe Trikot danach fünf Tage lang bravourös – ehe er sich von der Tour verabschiedete, um sich auf das olympische Mountainbike-Rennen vorzubereiten. Das kam nicht bei allen Konkurrenten gut an, Manuel Fumic gehörte nicht zu den Kritikern. „Es zeigt doch eher den Stellenwert, den Mountainbike mittlerweile hat“, sagt der Kirchheimer, „erst recht, weil van der Poel drei Jahre gebraucht hat, um bei uns sein erstes Weltcup-Rennen zu gewinnen. Tokio ist die Herausforderung für ihn, die er gesucht hat, und die er nun auch ernst nimmt.“ Zugleich könnte er eine bemerkenswerte Trilogie komplettieren.
Im Januar wurde der 26-jährige Niederländer Weltmeister im Cross, es war schon sein vierter Titel. Dann folgte der Coup bei der Tour de France. Gibt es nun auch noch eine olympische Medaille, womöglich sogar den Sieg? Ausgeschlossen ist das nicht. „Wenn er in Form ist, gehört er zu den Topfavoriten“, meint Manuel Fumic, „Mountainbike-Rennen sind mittlerweile Sprints vom Anfang bis zum Ende, da ist nicht mehr viel mit Taktieren. Das kennt van der Poel vom Cross, auch dort wird vom Start weg Vollgas gefahren. Es liegt ihm sicherlich.“ Und doch gibt es keine Garantie für einen Podestplatz.
Die Platzhirsche
Einerseits trifft van der Poel auf die Platzhirsche im Mountainbike, zum Beispiel die Schweizer Nino Schuter (Olympiasieger 2016) und Mathias Flückiger. Und dann gibt es ja noch Tim Pidcock. Der Brite fährt auf der Straße für das Top-Team Ineos Grenadier (früher: Sky), und auch er fühlt sich auf unterschiedlichem Terrain zu Hause. Er war U-23-Weltmeister im Cross, wurde 2020 Weltmeister im E-Mountainbiken, war in dieser Saison auf der Straße Zweiter beim Klassiker Amstel Gold Race, und will nun auch Tokio etwas bewegen. Ginge es allein um die körperliche Leistungsfähigkeit, die beiden Straßenprofis wären wohl im Vorteil. Doch braucht es mehr, um ein Mountainbike-Rennen zu gewinnen, vor allem natürlich Technik. „Ich bin gespannt, was van der Poel und Pidcock drauf haben“, sagt Manuel Fumic – um am Ende doch noch mal an sich selbst zu denken: „Ich setze darauf, meine beste Leistung zeigen zu können. Ich bin ein Highlight-Fahrer.“
Nach einem entspannten letzten Olympia-Rennen hört sich das nicht an.