Überfliegerin: Lara Lessmanns Fahrstil gilt in der BMX-Szene als „unique“. Foto: imago/Ron Palmer

Tradition trifft Zeitgeist: Bei den Olympischen Spielen in Tokio kommen nun auch Individualsportler wie das deutsche BMX-Top-Talent Lara Lessmann zum Zug.

Tokio - Die Marketingstrategen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wissen ziemlich genau, was es braucht, um im Spiel zu bleiben. Eher keine Sportarten wie Gewichtheben, Ringen oder Bogenschießen. Sondern Disziplinen, die jung, hip und cool sind. Beim Versuch, diesen eine Bühne zu bieten, ist es den Herren des Olymp erstaunlicherweise gelungen, Sportler zu vereinnahmen, die von ihrer Art her mit verkrusteten Strukturen und traditionellen Denkweisen eher wenig anfangen können: Surfer, Skateboarder, Kletterer oder Streetbasketballer. Alle legen großen Wert auf Individualismus, Unabhängigkeit, Lebensstil. Und kämpfen nun trotzdem um die Medaillen, die ihnen offeriert wurden. „Es war für mich alles andere als ein Schock, dass meine Sportart jetzt olympisch ist“, sagt Lara Lessmann, Deutschlands beste BMX-Freestylerin, „es ist vielmehr eine große Motivation. BMX ist mein Leben und meine Leidenschaft.“ Nun eben auch im Zeichen der Ringe.

 

Das muss kein Widerspruch sein. Lessmann, 21, ist zwar auf der Straße groß geworden. Erst im Skatepark Schlachthof in Flensburg, dann im Mellowpark in Berlin, den sie „mein Zuhause“ nennt. Dort ging es ums Gruppengefühl, den nächsten coolen Run, den neuesten Trick. Zugleich aber trieb Lessmann ihr Ehrgeiz an. Sie wollte immer die Beste sein – und dies auch zeigen. Am besten der ganzen Welt. Die beste Gelegenheit bietet sich am Samstag (Qualifikation) und Sonntag (Finale) in Tokio. „Mein Ziel ist, eine Medaille zu holen“, erklärt sie, „am liebsten die goldene.“

Wenn Lara Lessmann dies sagt, hört es sich fast ein bisschen unbedarft an. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn die Gewinnerin der Olympischen Jugendspiele (2018) und WM-Vierte (2019) weiß nicht nur auf dem Rad, was sie tut – wenn es in einer Minute gilt, auf den Rampen und an den Hindernissen möglichst schwierige, ausgefallene und spektakuläre Tricks, Sprünge und Drehungen zu zeigen. Sie steht auch voll im Leben. „Egal, um was es geht“, sagt sie, „bin ich von etwas überzeugt, dann ziehe ich es auch durch.“ Allen Rückschlägen zum Trotz.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Lieber das Rad als ein Mädchen im Arm

Anfang Juni, bei der WM in Montpellier, stürzte Lara Lessmann schwer. Das Missgeschick sah gar nicht so schlimm aus, die Folgen aber waren es. Sie ist kurz bewusstlos gewesen, brach sich das Schlüsselbein und wurde operiert. Seither stützt eine Titanplatte die Schulter. Und die Hoffnung. „Ich habe mittlerweile wieder alle Tricks trainiert, die ich in Tokio zeigen will, eventuell wird sogar der Rückwärtssalto dabei sein“, sagt Lara Lessmann, „die Zeit nach dem Sturz hat mich geprägt und stärker gemacht. Jetzt freue ich mich, bei den Sommerspielen den BMX-Sport repräsentieren zu können. Ich habe Bock zu liefern.“

Lessmann ist in der Szene eine große Nummer. Erstens, weil sie die erste BMX-Athletin war, die vom Brausehersteller und PR-Giganten Red Bull gesponsert wurde. Zweitens, weil ihr Stil als „unique“ gilt, wie sie es selbst beschreibt: „Ich kann gut springen, habe viel Style und Flow, da ich die Rampen gut treffe, und auch meine Kombos sollen nicht so schlecht sein. Es heißt, ich hätte ein bisschen von allem. Ich glaube, das finden die Leute cool.“ Und das wiederum gefällt der Bikerin. „Ich will allen beweisen, dass auch Frauen krass BMX fahren können.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Neue BMX-Supercross-Strecke testen

Lara Lessmann ist auf dem besten Weg, dies zu schaffen. Der nächste Meilenstein sind die Olympischen Spiele. Dort treffen sich die Gleichgesinnten nicht mehr im Skatepark, sondern auf der größten Bühne des Sports. Falls die Berlinerin davor Respekt haben sollte, lässt sie sich das nicht anmerken: „Wenn es mir nicht gefällt, kann ich danach ja wieder die Wettkämpfe bestreiten, die nichts mit Olympia zu tun haben.“ Den Strategen des IOC werden solche Aussagen eher nicht gefallen. Aber das muss Lara Lessmann ja nicht jucken. Die Zukunft von Gewichtheben, Ringen und Bogenschießen ist schließlich nicht ihr Problem.

BMX und Olympia

Aufgenommen
Auf Beschluss des Exekutivkomitees des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 2003 wurde das BMX-Racing 2008 olympisch. Bei den Spielen in Peking wurden zwei Wettbewerbe ausgerichtet.

Ausgebaut 
Bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio werden erstmals Wettbewerbe im BMX-Freestyle in der Disziplin Park ausgetragen.