Menschenrechtsorganisationen schulen die DFB-Elf vor den ersten Länderspielen des Jahres mit der hochumstrittenen Wüsten-WM: Welche Auswirkungen hat das auf die Haltung der Nationalspieler?
Inmitten der sportlichen Regierungserklärung des Oliver Bierhoff wurde es politisch. Der Direktor des Deutschen Fußball-Bundes platzierte, wie das Usus ist rund um die Zusammenkünfte der Nationalelf, am ersten Tag die ersten Botschaften. Nachdem er den WM-Titel in Katar erneut als Ziel ausgerufen und die Spieler in die Pflicht genommen hatte, kam die Sprache plötzlich auf den Gastgeber in der Wüste.
Um die hochumstrittene Winter-WM in Katar also ging es im Saal des Mannschaftshotels in Gravenbruch am Rande des Stadtwalds vor den Toren Frankfurts, wo sich die DFB-Elf auf die ersten Länderspiele des Jahres am Samstag in Sinsheim gegen Israel (20.45 Uhr/ZDF) und am Dienstag in Amsterdam gegen die Niederlande vorbereitet.
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Am Dienstagabend, so berichtete das Bierhoff auf dem Pressepodium, kamen Vertreter der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch ins Quartier der DFB-Auswahl, um Kapitän Manuel Neuer und Kollegen „ein tiefer gehendes Bild“ zur Lage beim WM-Gastgeber zu vermitteln.
Massive Kritik
Katar, der Hintergrund ist bekannt, steht bei Organisationen wie Amnesty International seit Jahren wegen der Ausbeutung von Gastarbeitern massiv in der Kritik. Der englische „Guardian“ etwa hatte berichtet, dass seit der WM-Vergabe an das Emirat im Jahr 2010 mehr als 6500 Menschen auf Stadionbaustellen gestorben sind.
Dinge wie diese kamen am Dienstag im Hotel zur Sprache. Der Infoabend, so sagte das Bierhoff, sei Auftakt einer Serie, die über das gesamte WM-Jahr fortgesetzt werde. Eine erste politische Fortbildung für die Nationalspieler gab es also nun im Quartier zwischen den Städtchen Neu-Isenburg, Heusenstamm und Dietzenbach.
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„Es ist nicht alles toll in Katar, aber es werden Dinge angegangen“, sagte Bierhoff und nannte als Beispiele „das Durchbrechen des Kafala-Systems, die Einführung von Mindestlöhnen und die Erleichterung von Jobwechseln. Trotzdem gibt es Widerstände im Land – und es geht langsamer, als es sich jeder erhoffen würde.“
Letzteres galt so oder so ähnlich in der breiten öffentlichen Wahrnehmung bisher auch für den Umgang der DFB-Elf und ihren Verantwortlichen mit umstrittenen WM-Gastgebern wie Katar. Manchmal lohnt ja ein Blick zurück, um die Dinge einordnen zu können – so etwa duckten sich die sportlich Verantwortlichen rund um die WM 2018 in Russland noch weg, als es um das ebenso umstrittene Gastgeberland ging. Der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel positionierte sich zwar – die Mannschaft, Bundestrainer Joachim Löw und Bierhoff dagegen redeten lieber nur über den Sport.
Zeigen die Spieler Kante?
Das zumindest scheint nun anders zu sein mit Blick auf das Turnier in Katar – ob sich aber wirklich etwas tut, ob die DFB-Elf also in den nächsten Monaten Kante zeigt, oder ob Dinge wie die Fortbildung vom Dienstag doch nur Alibiveranstaltungen sind, all das wird sich erst noch weisen.
Offen ist es auch, ob Bierhoffs politische Kleinoffensive von Gravenbruch nur mit dem seit Monaten wachsenden öffentlichen Druck und den Forderungen nach Signalen zusammenhängt, oder ob es jetzt eine echte politische Substanz beim DFB-Direktor gibt.
Keine spontane Aktion
Unvergessen ist auch in dem Zusammenhang die Aktion der DFB-Elf von Duisburg vor einem Jahr. Da hatte jeder Nationalspieler vor der Partie gegen Island ein T-Shirt mit einem weißen Buchstaben getragen – zusammen lautete die Botschaft in elf Lettern: HUMAN RIGHTS, zu Deutsch: Menschenrechte. Eine spontane Aktion der Mannschaft mit Blick auf die WM sei das gewesen, hieß es vom DFB. Später veröffentlichte der Verband aber ein professionelles Video, das das Entstehen der T-Shirt-Botschaft mit malenden Spielern zeigte. Menschenrechte fürs eigene Marketing – das war noch einer der harmloseren Vorwürfe, die sich der DFB hinterher anhören musste.
Jetzt, ein Jahr später, sagte Oliver Bierhoff zur Situation in Katar noch dies: „Die Profis können helfen zu sagen: Die Entwicklung darf nach der WM nicht aufhören.“ Es ist wohl so etwas wie ein Anfang – ob daraus mehr entsteht, wird das konkrete Handeln Bierhoffs und der Nationalspieler zeigen.