Original oder Fälschung – bei dieser Frage geht es um Millionen von Euro. Der Oldtimerhändler Ralph Grieser und der Bundestagsabgeordnete Carsten Müller setzen sich für neue Prüfverfahren ein und gründen einen Schutzverband.
Ihr Tipp hat 2023 die Affäre um den Ditzinger Oldtimer-Restaurator Klaus Kienle ausgelöst. Seither laufen die Ermittlungen des Landeskriminalamts wegen Betrugsverdacht, ihr Ende ist derzeit nicht abzusehen. Derweil wollen der Oldtimer-Händler Ralph Grieser (Mülheim-Kärlich) und der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (Braunschweig) aber nicht untätig bleiben.
Gemeinsam mit weiteren in der Szene bekannten Mitstreitern haben die beiden den „Oldtimer-Schutzverband“ gegründet, einen laut Satzung selbstlos tätigen Verein, der für mehr Transparenz auf dem von Manipulationsvorwürfen erschütterten Markt sorgen soll. Grieser wurde zum Ersten Vorsitzenden gewählt, Müller zum Dritten, komplettiert wird das Vorstandstrio vom Verhandlungscoach und Buchautor Kurt-Georg Scheible.
Der Verband will „vor Schäden durch manipulierte Oldtimer schützen“
Weitere Gründungsmitglieder sind Wilfried Steer (Celle), der Präsident des Mercedes-190-SL-Clubs und Hüter eines umfangreichen Privatarchivs zum Typ 300 SL, sowie Erich Bertagnolli (Sindelfingen), ein Daimler-Manager im Ruhestand, der einst im Unfrieden den offiziellen 300 SL-Club verlassen hat – und nun dem konkurrierenden 300-SL-Motorsportclub vorsitzt. Auch der Geschäftsführer der Oldtimer-Expertenorganisation Classic Data, Martin Stromberg, ist im Boot.
Der selbst formulierte Anspruch ist hoch. Auf der Website des Verbands heißt es: „Der Oldtimer-Schutzverband hilft Eigentümern, Interessenten, Sachverständigen, Auktionshäusern, Banken und Leasinggesellschaften und schützt sie vor direkten und indirekten wirtschaftlichen Schäden durch manipulierte oder gefälschte Young- und Oldtimer.“ Am Geschäft mit den alten Autos sind viele beteiligt, die sich nun verstärkt Sorgen machen. Es herrsche viel Unsicherheit am Markt, sagt Ralph Grieser. Spezialisten gingen davon aus, dass international allein mehr als hundert manipulierte, aus Ersatzteilen zusammengestückelte und mit falscher Fahrgestellnummer versehene Mercedes 300 SL in Umlauf sein könnten– also jener Sportwagentyp, der auch im Zentrum des Betrugsverdachts im Fall Kienle steht.
Ein neues Identitätszertifikat soll Sicherheit geben
Wie sollen Banken damit umgehen, wenn ein Kreditnehmer ein solches Fahrzeug als Sicherheit hinterlegt hat? Wie können sich Versicherungen davor schützen, den Wert der Autos falsch einzuschätzen, da zwischen Original und Fälschung ein siebenstelliger Euro-Betrag liegen kann? Wie können potenzielle Käufer verhindern, einem Schwindel aufzusitzen? Der Oldtimer-Schutzverband (OSV) will für mehr Transparenz im Markt sorgen. Er nennt in der Satzung als ersten Zweck „die Prüfung, Verifizierung und Dokumentation der juristischen Identität von Young- und Oldtimern“. Ein entscheidendes Werkzeug soll dafür – neben der Förderung und Vernetzung von Sachverständigen – ein vom Verband entwickeltes Identitätszertifikat werden. In diesem werden per Punktesystem die Kategorien Fahrzeugdaten, Historie, Originalität, Identität und Zustand bewertet. Grundlage sollen fahrzeugspezifische Prüfkataloge werden, beginnend mit dem 300 SL. Weitere Typen und Marken wie Porsche und BMW sollen folgen.
Nun sind Sachverständigen- und Wertgutachten nichts Neues. Der OSV begibt sich mit seinem Zertifikat unter anderem in Konkurrenz zu den Herstellergutachten des Mercedes-Benz Classic Centers in Fellbach. Darin werden die Merkmale der untersuchten Autos mit den Einträgen auf der ursprünglichen Datenkarte abgeglichen und Übereinstimmungen wie Differenzen dokumentiert. Wertaussagen, etwa zum Grad der Originalität, enthalten die Gutachten jedoch nicht.
Dem OSV gilt dagegen die Datensammlung des Gründungsmitglieds Wilfried Steer als Pfund für die eigene Bewertungskompetenz. Der Oldtimer-Experte hat unter anderem seit vielen Jahren alle 300 SL fotografiert, die ihm vor die Kamera kamen – einschließlich Typenschild und der zugänglichen Nummern auf Fahrgestell, Motor oder Achse. Teilweise lasse schon das Schlagbild der Zahlen Schlüsse darauf zu, ob die behauptete Identität der Bauteile stimmig ist, argumentiert der OSV.
Dass der Hersteller Mercedes künftig gemeinsame Sache mit dem Schutzverband macht, ist eher nicht zu erwarten. Mercedes setzt gänzlich auf die eigenen Gutachten und sieht keinen Bedarf für Kooperationen. Unterstützung signalisiert hingegen die Lübecker Versicherung OCC, bei der allein mehr als 250 Mercedes 300 SL versichert sind. „Wir teilen die ideellen Werte des OSV und werden den Verband auch finanziell unterstützen“, sagt Till Waitzinger, der Chief Representative Officer von OCC. Wie hoch der Beitrag ausfällt, lässt er offen. Man könne Neukunden empfehlen, sich ein Zertifikat des Verbands erstellen zu lassen, sagt er. Dies zu einer Verpflichtung bei Vertragsabschluss zu machen, sei hingegen nicht möglich. Schließlich stehe dem Kunden, mit so einer Vorgabe konfrontiert, immer der Weg zu einer anderen Versicherung offen.
OIdtimer im Parlament
Gespräche
Der Braunschweiger CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (54) ist seit 2014 Vorsitzender des fraktionsübergreifenden Parlamentskreises Automobiles Kulturgut. Darin tauschen sich regelmäßig Oldtimerfreunde aus dem Bundestag mit Experten aus Wirtschaft, Medien und der Classic-Car-Szene aus.
Händler
Auch Ralph Grieser (Jahrgang 1970), der Ex-Partner der früheren Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), gehört dem Parlamentskreis an. Der Maschinenbau-Ingenieur führt in Mülheim-Kärlich bei Koblenz den Oldtimer-Werkstatt- und Handelsbetrieb Depot 3.