Der Verein Leben mit Behinderung Ortenau bietet seit 2019 über sein Programm „Inclusio“ Schulbegleitung für behinderte und verhaltensauffällige Kinder an.
Etwa 120 Mitarbeiter arbeiten im Bereich „Inclusio“ – 2019 gegründet – mit, sie machen circa ein Viertel der Mitarbeiter im Verein Leben mit Behinderung Ortenau aus. Annette Gradt-Bohnert, Bereichsleiterin, ist einer von ihnen. „Ich habe jedoch schon 2013 damit begonnen, Schul-und Integrationshilfe zu leisten“, blickt die gelernte Kinderkrankenschwester und Heilpädagogin zurück.
Der Bedarf an Unterstützung steige an, besonders seit Corona. So habe man alleine zwischen Juni und Oktober 20 Mitarbeiter eingestellt, berichtet die 54-jährige. Inzwischen unterstütze ihre Abteilung im Ortenaukreis etwa 150 Kinder, sei es in der Schule oder im Kindergarten.
Und was machen Schulbegleiter genau? „Wir arbeiten mit Kindern, die geistig und/oder körperlich behindert sind, und mit Kindern, die psychische Auffälligkeiten wie ADHS oder Autismusspektrum-Störungen aufweisen“, erklärt Gradt-Bohnert. Der Anteil der Kinder sei sehr ausgeglichen, nur die Diagnosen im Autismusspektrum haben aus ihrer Sicht zugenommen. Bei der Begleitung müsse man zwischen der Integrationshilfe im Kindergarten und der Schulbegleitung unterscheiden.
Die Integration in die Gruppe ist auch wichtig
Der Alltag verlaufe sehr individuell, denn „der Bedarf orientiert sich am Kind“, stellt die Heilpädagogin klar. Es gebe dem Begleiter ein Stück weit die Tagesstruktur vor. Das Ziel der Schulbegleitung bestehe darin, „den Kindern die Teilhabe am Alltag zu ermöglichen“. Man sei wie ein Schatten und unterstütze nur, wenn man gebraucht werde, sei es beim Spielen oder beim Erledigen von Aufgaben. Manche Kinder seien dabei auf mehr Hilfe angewiesen als andere, so die 54-Jährige. Grundsätzlich sei der Auftrag der Inklusion aber erst erreicht, wenn das Kind ohne Begleitung zurechtkomme.
Um dies zu erreichen, müssen sich die Schulbegleiter auch in die Gruppe integrieren. Da neben der Betreuung manchmal Zeit übrig sei, könne diese auch für andere Kinder in der Klasse genutzt werden. „Dadurch wird man zu einer Vertrauensperson“, beschreibt Gradt-Bohnert. Diese Integration gelinge gerade in den Grundschulklassen sehr gut. Die Begleitung „macht von A bis Z alles mit“, auch Ausflüge seien eine gute Chance, sich in die Gruppe zu integrieren und das Vertrauen zum Kind aufzubauen.
Bei der Arbeit spiele eine stabile Beziehung eine große und wichtige Rolle, da sich das Kind auch widerstrebend verhalte. Dies gehöre zum einen zum Entwicklungsprozess des Kindes dazu, auf der anderen Seite entsteht dies aber auch oft aus Überforderungssituationen heraus oder wegen der mangelnden Fähigkeit der Kommunikation. Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen komme es auf „Kommunikation, Empathie und Einfühlungsvermögen“ an, betont Gradt-Bohnert wichtige Eigenschaften.
Nicht alle Eltern nehmen die Unterstützung an
Es könne auch vorkommen, dass die Begleitung abgebrochen werde, weil man das Kind nicht mehr erreiche. Bevor es – im seltenen Fall – dazu komme, gebe es aber viele Gespräche und Versuche, das Verhältnis wieder zu normalisieren. Die 54-jährige stellt klar: „Die Hauptverantwortung bleibt immer bei der Schule.“ Auch den Eltern könne man nur Tipps zum Umgang mit dem Kind geben. Manche fragen aktiv nach, andere reagieren überhaupt nicht auf das Feedback.
Der rechtliche Rahmen für die Schulbegleitung bildet das Landratsamt, erläutert die Heilpädagogin. Die Behörde bewillige die Begleitung und legt den Zeitraum und die Anzahl der Stunden individuell fest. Das Landratsamt entscheide auch darüber, ob die Begleitung des Kindes an Ausflügen oder Landschulheimen stattfinden kann.
Eine Schulbegleitung sei über mehrere Jahre möglich: „Ich kenne einen Fall, bei dem ein Schüler von der dritten Klasse bis in die Oberstufe Unterstützung bekam“, so die 54-jährige. Die Betreuung könne nämlich nach einem Antrag beim Landratsamt verlängert werden. In einem sogenannten Hilfeplan werde in Absprache mit dem Amt und allen Beteiligten die Ziele für das Kind festgelegt, etwa die Steigerung des Selbstbewusstseins oder die Stärkung des Sozialverhaltens.
Quereinsteiger und Fachkräfte gehören zum Team
Was ist ein Höhepunkt ihrer Arbeit? „Am schönsten ist es, wenn ein Kind sich durch unsere Unterstützung weiterentwickelt, seine Ressourcen nutzen kann und sich in die Gruppe integriert“, erklärt die Bereichsleitung. Es sei auch ein gutes Gefühl, wenn sich „das Kind auf dich freut, wenn du kommst“, weiß die Bereichsleiterin und Schulbegleiterin aus eigener Erfahrung. Indes: Sie könne aufgrund organisatorischer Aufgaben leider nur wenige Stunden in der Woche ein Kind im Kindergarten begleiten.
Die Schulbegleiter seien nicht alles gelernte Fachkräfte. Quereinsteiger aus verschiedensten Bereichen würden das Team ebenso bereichern. Für beide Gruppen habe man auch ein Schulungsprogramm entwickelt, „da machen wir keinen Unterschied“, bekräftigt Gradt-Bohnert im Gespräch mit unserer Redaktion. Personal ohne pädagogischen Hintergrund sei genauso wertvoll, denn „es kommt immer auf die intrinsische Motivation an und ob ich mich für das Kind einsetzen möchte“.
Über den Verein
Der Verein „Leben mit Behinderung Ortenau“ wurde 1970 von betroffenen Eltern als Selbsthilfe-Verein gegründet. Über die Jahre baute der Verein kontinuierlich ein Dienstleistungsangebot auf, um Familien mit körper- und mehrfachbehinderten Kindern zu unterstützen. Schritt für Schritt wurde das Angebot mit ambulanten Betreuungs- und Pflegeangeboten ausgebaut, bis schließlich auch teilstationäre und stationäre Angebote die Leistungspalette abrundeten.