Schutz der Kinder im Vordergrund: Damit Opfer von Gewalt nicht immer und immer wieder von ihren Erfahrungen berichten müssen, arbeiten Ärzte, Anwälte, Richter und Co. im "Childhood-Haus" eng zusammen. Foto: Michael Bader/ Childhood Deutschland

Soziales: Offenburger "Childhood-Haus" nimmt Betrieb auf / Befragungen werden auf Minimum reduziert

Offenburg - nAls landesweit erst zweite ihrer Art hat in Offenburg eine neue Anlaufstelle für Kinder mit Gewalterfahrung die Türen geöffnet. Das "Childhood-Haus" soll Opfer bei der juristischen Aufarbeitung ihres Martyriums vor erneuten Traumata schützen.

An die interdisziplinäre Anlaufstelle, die unter der Trägerschaft des Ortenau-Klinikums läuft, können sich Kinder und Jugendliche mit Gewalterfahrung und deren Familien wenden. Das "Childhood-Haus Ortenau" wurde durch die "World Childhood Foundation" initiiert, teilt das Klinikum mit.

Die Einrichtung ist eine kinderfreundliche, multidisziplinäre und behördenübergreifende ambulante Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die Opfer oder Zeugen von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt geworden sind. Im Verdachts- oder erklärten Fall von Gewalt gegen ein Kind oder Jugendlichen werden diese im "Childhood-Haus" in kinderfreundlicher Atmosphäre durch den gesamten Verlauf aus Untersuchungen und Befragungen begleitet. Dort finden sie die notwendige fachkundige Hilfe, die sich umfassend nach den Sorgen und Bedürfnissen der Betroffenen richtet, betont das Klinikum.

Durch die enge behördenübergreifende Kooperation können Untersuchungen und Befragungen des Kindes auf ein Minimum reduziert werden. So soll einer Re-Traumatisierung des Kindes vorgebeugt werden. Das Konzept ist komplett aus der Perspektive des Kindes gedacht und stellt dessen Wohlbefinden und Schutz in den Vordergrund.

Das Besondere am "Childhood-Haus Ortenau" ist die Weiterentwicklung der bereits bestehenden und seit zwölf Jahren etablierten Kinderschutzambulanz. Sie wurde bereits 2009 als Nahtstelle von Jugendhilfe und Gesundheitswesen in Kooperation des Klinikums und des Landratsamts eingerichtet.

Förderverein unterstützt Einrichtung finanziell

"An den bestehenden Angeboten der bisherigen Kinderschutzambulanz wird sich für die Eltern, Kinder und Jugendlichen und auch für die Fachkräfte der Kooperationspartner nichts ändern", betont Eveline Viernickel, die als Teamleitung der Kinderschutzambulanz das Projekt am Klinikum mitverantwortet hat: "Wir sind weiterhin niedrigschwellig und kostenfrei, sowohl für von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche und Eltern da, als auch für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern, die viel schreien, Fütter- oder Schlafprobleme haben oder exzessiv trotzen oder klammern."

Das interdisziplinäres Team besteht aus Psychotherapeuten, Sozialpädagogen sowie Ärzten und arbeitet in enger Kooperation mit Jugendamt, Polizei und Justiz. "So können je nach Bedarf weitere Schritte koordiniert und auch audiovisuelle Befragungen von Mitarbeitern der Polizei oder Justiz unter einem Dach stattfinden", erläutert Viernickel.

Um die Finanzierung des Childhood-Hauses auch langfristig und über die Förderdauer der "World Childhood Foundation" hinaus zu sichern, gründete sich auch ein lokaler Förderverein. Vereinsvorsitzender ist Reinhard Renter, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Offenburg: "Uns ist es eine Herzensangelegenheit, betroffenen Kindern und Jugendlichen den bestmöglichen Schutz zu bieten. Sie finden im Childhood-Haus einen Ort der Sicherheit, Wärme und Geborgenheit, wo sie von geschultem Fachpersonal aufgefangen werden."

Das Projekt wurde auch möglich gemacht durch die finanzielle Unterstützung der "Tribute-to-Bambi"-Stiftung, der Postcode-Lotterie und dem gemeinnützigen Verein Allianz für die Jugend Südwest mit Sitz in Stuttgart. Der Ortenaukreis hat dem Projekt darüber hinaus bereits eine langfristige finanzielle Unterstützung zugesichert.

Aufzeichnung

Um es dem Kind zu ersparen, seine Geschichte vielen unterschiedlichen Menschen immer wieder erzählen zu müssen, wird die Befragung durch einen Richter in einem angrenzenden Raum von weiteren Fachkräften wie beispielsweise aus der Polizei, dem Jugendamt, der Staatsanwaltschaft, Fachanwälten, der Verteidigung und bei Wunsch auch dem Täter verfolgt.

Alle Anwesenden können Fragen an den Richter weitergeben. Die Befragung wird aufgenommen und kann in der Hauptverhandlung aufgerufen werden, sollte es zu einer Anzeige kommen. Dann muss das Kind nicht bei Gericht erscheinen.

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