Christian Rausch, Landeschef der Agentur für Arbeit, plädierte bei seinem Vortrag für einen gemeinsamen, grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt und nannte die gemeinsame deutsch-französische Arbeitsagentur in Kehl ein Leuchtturmprojekt. Archivfoto: Achnitz Foto: Achnitz

Vortrag: Christian Rauch, Landeschef der Arbeitsagentur, lobt Ortenau für Zusammenarbeit mit Frankreich

Der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt muss sich pandemie-bedingt mit einer nie gekannten Krise auseinandersetzen. Doch Arbeitnehmer, Firmen und Arbeitsagentur halten gemeinsam stand, so der Tenor eines Arbeitsmarktgesprächs am Mittwoch.

Offenburg. "Die Arbeitslosigkeit hat sich durch den ersten Lockdown massiv erhöht", berichtete Christian Rauch, Chef der Regionaldirektion der Arbeitsagentur Baden-Württemberg. In der Spitze lag die Zahl im Frühjahr 2020 um bis zu 60 Prozent höher als noch 2019. Der zweiter Lockdown im November habe derweil so gut wie keine Spuren hinterlassen. "Das Kurzarbeitergeld hat über erstaunlich lange Zeit massiv gepuffert." Zeitweise seien eine Million Menschen in Baden-Württemberg in Kurzarbeit gewesen. "Das System hat funktioniert", konstatierte Rauch.

Pragmatismus zeichne die Ortenau aus

Doch grade in der Grenzregion habe der Arbeitsmarkt unter der Pandemie gelitten: "Grenzschließungen und Einreisebeschränkungen haben signifikante Auswirkungen gehabt." Kreis, die Arbeitsagentur Offenburg und die regionalen Firmen lobte Rauch für die pragmatisch gute Zusammenarbeit mit dem Nachbarland. "Das ist, was die Ortenau in meiner Erinnerung immer ausgezeichnet hat." Grenzen existierten für ihn nur im Kopf, dort könne man sie auch ganz klein machen "Dass das hier in der Region wie nirgendwo anders gelungen ist, zeigt sich an der einzigen deutsch-französischen Arbeitsagentur in Kehl."

Man müsse jedoch vorsichtig sein, alle Probleme auf Corona zurückzuführen. Schon 2019 habe es einen beachtlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit gegeben. "Es gibt drei Herausforderungen, die unter den Hut gebracht werden müssen", so Rauch. Man müsse diskutieren, wo zwischen betrieblichen und volkswirtschaftlichen Bedürfnissen die Rolle des Staates sei, wie man Menschen für berufliche Weiterbildung begeistern könne und wie man Einkommensunterschieden zwischen den Branchen begegnen wolle.

Eigentlich war am Mittwoch ein größeres Arbeitsmarkgespräch geplant gewesen – auch um den Offenburger Agenturchef Horst Sahrbacher nach 45 Jahren in den Ruhestand zu verabschieden. Corona-bedingt war keine große Veranstaltung möglich, drum verabschiedete ein kleiner Kreis von Weggefährten Sahrbacher. Für ihn wechselt Theresia Denzer-Urschel aus der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Freiburg nach Offenburg.

      "Was Sie für mich immer ausgezeichnet hat, war, dass Sie die Herausforderung, die der Arbeitsmarkt geboten hat, immer angenommen haben", lobte Christian Rauch den scheidenden Agenturchef. Sahrbacher sei ein Urgestein der Arbeitsagentur gewesen, habe an deren Hochschule in Mannheim studiert, war seit 2006 Teil der Geschäftsführung in Offenburg, nach einem kurzen Abstecher nach Rastatt dann auch deren Vorsitzender.

      Sahrbacher habe sich mit "unglaublichem Herzblut" engagiert, um arbeitslose Menschen in Lohn und Brot zu bekommen, dringend benötigte Fachkräfte ranzuholen und jungen Menschen eine Ausbildung zu ermöglichen, lobte auch Landrat Frank Scherer. Er sei stets bereit gewesen, unkonventionelle Wege zu gehen. Als Beispiel nannte Scherer die Beteiligung an Fachkräfteallianz Oberrhein, das Arbeitsbündnis Jugend und Beruf oder die gute Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagentur und Kommunaler Arbeitsförderung sowie die Initiative für das "Zentrum für die Integration von Flüchtlingen". Auch 3000 Arbeitsmarktintegrationen seien ein Paradebeispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, davon profitierten vor allem die großen Arbeitnehmer wie beispielsweise Europa-Park oder Zalando. "Zalando würde es ohne Herrn Sahrbacher und die Agentur Offenburg in Lahr nicht geben", betonte Scherer.

     Sehr persönliche und auch humorvolle Worte fand Stephan Wilcken, Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Arbeitsagentur, und lobte Sahrbachers Ideenreichtum. IHK-Präsident Steffen Auer hob wiederum seine "Art der schnellen Umsetzung" hervor. Auch von seinem französischen Pendant Claude Rouillon gab es lobende Worte für die Zusammenarbeit.

     Sahrbacher selbst ließ die vergangenen 16 Jahre in Offenburg schlaglichtartig unter dem Titel "Meine Zeit in einer dynamischen Region" Revue passieren. So sei die erste Zeit durch eine hohe Arbeitslosigkeit geprägt gewesen, auch der Ausbildungsmarkt habe doppelt so viele Bewerber wie Stellen aufgewiesen. Die Umbrüche der Agenda 2010, der neue Partner Kommunale Arbeitsförderung und die relativ schnell überwundene "Delle" der Finanzkrise waren ebenso Themen. "Das Miteinander im Engagement wird mir am meisten fehlen", wandte er sich an seine Kollegen und Partner. Er werde sich nun vielen Dingen widmen, die aufgrund seines Berufs zu kurz gekommen seien. Abschließend gab es für Sahrbacher stehende Ovationen.

    Christian Rauch brachte Sahrbachers berufliche Leistung auf den Punkt: "Das war mehr als Pflichterfüllung, das war Kür."

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