Die Zahlen, die die Hilfsorganisation Off Road Kids jetzt vorgelegt hat, sind alarmierend: Unter den jungen Obdachlosen ist der Frauenanteil überraschend hoch. Was bedeutet das für die jungen Frauen und welches sind die Gründe?
Laut Bundeswohnungslosenbericht gibt es in Deutschland rund eine Viertelmillion wohnungslose Menschen – darunter 31 Prozent Frauen. Erheblich höher liegt der Anteil bei den 14- bis 27-jährigen Obdachlosen: Hier sind es 44 Prozent Frauen, teilt die Off Road Kids Stiftung mit.
Die Straßenkinder-Hilfsorganisation betreibt mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums und Spendern die Online-Beratung sofahopper.de. Diese Internet-Streetwork-Station sei das einzige bundesweit verfügbare Hilfeangebot für obdachlose Minderjährige und junge Volljährige. „Der sehr hohe Mädchenanteil unter jungen Obdachlosen erschreckt auch uns“, bestätigt Stiftungsvorstand Markus Seidel. „Es ist schlimm, dass viele dieser jungen Frauen sexuelle Dienstleistungen im Gegenzug für einen Unterschlupf erbringen müssen.“
Überblick Die Off Road Kids Stiftung geht wie der Bundeswohnungslosenbericht von rund 38 000 Personen unter 27 Jahren in Deutschland aus, die auf sich allein gestellt und akut von Obdachlosigkeit bedroht oder bereits betroffen sind. Nur ein Viertel ist in Notunterkünften untergebracht.
Rund 6000 leben auf der Straße. Die meisten, rund 20 000, überleben in so genannter „verdeckter“ Obdachlosigkeit. Sie finden im privaten Bekanntenkreis und über ihre Social-Media-Kontakte zeitweise Unterschlupf auf fremden Sofas. All dies geschieht oft noch im Heimatort. Daher bleiben verdeckt Obdachlose für die Öffentlichkeit und die Streetwork unsichtbar – bis sie endgültig auf der Straße sitzen.
7378 Hilfeleistungen 2023
Hilfeleistung 2023 haben die Sozialarbeiter der Off Road Kids Stiftung nach eigenen Angaben bundesweit 7378 junge Menschen beraten. Nahezu alle nahmen über die Internet-Hilfe sofahopper.de Kontakt auf. 44 Prozent waren Mädchen und junge Frauen. „Gegenüber 2022 gab es sogar eine leichte Zunahme“, gibt Markus Seidel zu bedenken. „Auch 2024 wird es nicht besser.“
Frauenanteil Einen wesentlichen Grund für den hohen Frauenanteil unter jungen Obdachlosen sehen die Sozialarbeiter der Off Road Kids Stiftung in zu früh beendeter Jugendhilfe. Seidel: „Da Mädchen früher in die Pubertät als Jungs kommen, entsteht beispielsweise in Kinderheimen und Wohngruppen schnell der Eindruck, sie seien bereits in der Lage, ihr Leben selbst zu regeln. Die aufgrund der leeren Kommunalkassen massiv vorangetriebene Verselbstständigung von Heimkindern geschieht deshalb früher als bei Gleichaltrigen in Familien und scheitert dann brachial.“
Mädchen sexuellem Missbrauch ausgesetzt
Minderjährige Mädchen, die direkt aus Familien flüchten, seien häufiger als Jungs sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen. Junge volljährige Frauen hätten häufig das Nachsehen, wenn sie sich von ihrem Lebenspartner trennen müssten. Mit der Trennung verlieren sie dann auch ihre Wohnung. Immer wieder sei es auch die Flucht vor einer Zwangsverheiratung. „Frauenhäuser sind landauf landab überfüllt“, gibt der Gründer der Off Road Kids Stiftung zu bedenken. „Unsere Sozialarbeiter telefonieren sich die Finger wund, bis eine Unterkunft gefunden ist.“
Auslöser Familiäre Zerwürfnisse sind laut Off Road Kids Stiftung grundsätzlich der Auslöser für Obdachlosigkeit bei jungen Menschen in Deutschland. Weder bei obdachlosen Jungs noch bei Mädchen falle hingegen die finanzielle Situation der Eltern signifikant ins Gewicht, so Seidel: „Wir erleben seit über 30 Jahren ein exaktes Abbild unserer Gesellschaft. Arme Eltern behandeln ihre Kinder nicht schlechter als wohlhabende. Es handelt sich um kein Armutsthema. Allerdings kann Armut innerfamiliäre Konflikte durchaus verschärfen.“
Mit Hilfe von KI soll Beratungszahl steigen
Einsatz KI-Chatbot Die Off Road Kids Stiftung plant ab 2026 jährlich 20 000 junge Obdachlose zu beraten – fast dreimal so viele wie heute. Hierzu entwickelt die Stiftung gemeinsam mit finanzieller Hilfe durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierten Chatbot, der einfachere Anfragen wie beispielsweise nach der nächstgelegenen Notunterkunft eigenständig beantworten soll.
Technisch wird die KI-Entwicklung von Amazon Web Services begleitet. Mit Hilfe der KI will die Off Road Kids Stiftung die Arbeitszeit ihrer Sozialarbeiter auf komplexe Hilferufe konzentrieren und zugleich die Zahl der Beratungen massiv erhöhen. Dies geht aus dem soeben erschienenen Jahresbericht der Stiftung hervor.
Frühzeitige Hilfe Seidel: „Je früher wir helfen können, desto schneller entsteht die Chance der jungen Menschen auf ein sicheres Zuhause, eine berufliche Zukunft und auf gesellschaftliche Teilhabe. Wir wollen junge Menschen künftig erreichen, bevor sie bei Bekannten auf dem Sofa oder ganz auf der Straße sitzen. Unser Ziel ist es, schon diejenigen zu unterstützen, die gerade dabei sind, ihr Zuhause zu verlieren.“
Auf Förderung und Spenden angewiesen
Spenden Die Off Road Kids Stiftung hat einen jährlichen Aufwand von rund fünf Millionen Euro. Zwei Millionen davon kommen 2024 aus einer Förderung des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Den Rest müssen wir durch Spenden und Förderungen von Mitbürgerinnen und Mitbürgern, Unternehmen und befreundeten Stiftungen abdecken. Wir brauchen nach wie vor jede Spende in jedweder Höhe. Nur so können wir junge Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren und mit ihnen neue Lebensperspektiven entwickeln.“