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Österreich Klettern im Wilden Kaiser

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Immer an der Wand lang und schön nach oben schauen - dann macht Klettern auch Anfängerinnen viel mehr Spaß als Angst. Foto: Thomas Rabl

Die Hand tastet über den kühlen Fels, sucht nach Halt. Nach kurzer Prüfung der grauen Oberfläche findet sie ihren Griff. Die Füße tun es ihr gleich, alle Muskeln spannen sich an - und der Kletterer ist wieder ein paar Meter weiter. Der Kopf denkt an nichts anderes als an den nächsten Zug. Daran, welchen Weg ihm der Fels zum Gipfel zeigt. Klettern fordert den ganzen Menschen. Seine Muskeln, seine Konzentration, seine Willenskraft. Beeindruckend sind die Bilder von Kletterern, die spinnengleich die steilsten Wände erklimmen. Dazu gehört viel Übung, Erfahrung und vor allem Leidenschaft. Um diese zu entfachen, bietet der Tourismusverband Kitzbüheler Alpen einen Kurs für blutige Anfänger an. „Sanfte Wadeln am Wilden Kaiser“ heißt das Konzept. Neu daran ist der Zusatz: Ladies only! Männer nicht erlaubt. Die Frauen bleiben also unter sich, wenn sie sich dem Gebirgszug langsam nähern. „Wir lassen die Männer bewusst draußen“, sagt Oskar Reisenbauer vom Tourismusverband. Dadurch werde weniger Druck auf die Schnupperkandidatinnen aufgebaut und eine Wettkampfatmosphäre vermieden. Ob die Wadeln beziehungsweise das Gemüt weiblicher Sportler wirklich so viel sanfter sind, sei einmal dahingestellt.

Eine gründliche Vorbereitung ist vonnöten

Dass der Kaiser tatsächlich wild ist, wird allerdings schnell klar. Wie die Zacken einer Krone ragen seine mächtigen rauen Gipfel bis zu 2344 Meter hoch in den Tiroler Himmel. Das Klettern hat hier eine lange Tradition. Bergnamen wie Fleischbank, Totenkirchl oder Predigtstuhl zeugen von der Ehrfurcht der ersten Gipfelbezwinger. Auf das Ende des 19. Jahrhunderts datieren die meisten dokumentierten Erstbesteigungen. Manche alte Kletterroute ist noch im Original erhalten. Den Anfängerinnen bleiben diese mächtigen Felsen mit den etwas bedrohlichen Namen glücklicherweise erspart. Der Gedanke, nur an einem Seil hängend vertikal in die Höhe zu steigen, ist für die eine oder andere schon beunruhigend genug. Doch eine gewisse Skepsis soll ja gesund sein. „Die, die einem erzählen, was sie schon alles Tolles gemacht haben und wie viel sie trainieren - auf die muss man am meisten aufpassen“, sagt Bergführer Thomas Rabl, der die Frauengruppe kundig anleitet. „Solche Menschen überschätzen sich schnell und ignorieren die Signale ihres Körpers.“ Um in den Genuss des Gipfelstürmens zu kommen, ist erst einmal eine gründliche Vorbereitung vonnöten. Rabl erklärt alles Wichtige zum Material und zur korrekten Sicherungstechnik im nahe gelegenen Klettergarten. Schon das richtige Einsteigen in den Klettergurt bietet die erste Herausforderung. Ist diese Hürde einmal genommen, wird der Helm aufgesetzt, die Füße in die eng sitzenden Kletterschuhe gepresst und eine Acht in das Sicherungsseil geknotet.

Nach nur wenigen Anläufen haben die Damen den Dreh heraus. Nach kurzem Austesten im Klettergarten führt Rabl die Frauen auch schon ins Gelände. Der erste Gipfel, den sie in Angriff nehmen, ist der des Stripsenkopfs. Nach einer etwa 30-minütigen Wanderung vom Parkplatz aus ragt der silbergraue Fels vor ihnen in die Höhe. Das Klettergeschirr wird angelegt, und Rabl steigt die Route am Übungsfels vor, um für die Neulinge das Seil in die Sicherungshaken einzuhängen. Nacheinander darf nun jede mal ran an den Kaiser. Schnell verfliegen die ersten Ängste, die wackligen Beine werden fester, und die Gedanken gelten nur noch dem Gestein. Nach etwa zehn Metern ist der Gebirgskamm erreicht. „Und jetzt einfach loslassen“, ruft Radl von unten. Mit Gottvertrauen ins Material schweift der Blick zum ersten Mal in die Weite - eine beeindruckende Aussicht ist neben dem körperlichen Erfolg die wohlverdiente Belohnung für die Überwindung so mancher Bedenken. Der Bergführer lässt die Klettererin wieder ab. Auch wenn der feste horizontale Boden unter den Füßen eine Wohltat ist - die Leidenschaft ist geweckt. Die Wege, die der Fels nach oben bietet, werden neugierig-vorsichtig erkundet. Da nicht mehr als sechs Frauen in einer Gruppe sind, kann Radl auf jede einzelne eingehen. „Wenn eine dabei ist, die schon etwas besser ist, kann ich mit ihr auch mal eine schwierigere Route ausprobieren“, sagt der 35-Jährige, der seit 2009 als professioneller Bergführer arbeitet.

Die nächste Disziplin: der Klettersteig

Kaum an das Seil, den Gurt und die luftigen Höhen gewohnt, ruft auch schon die nächste Disziplin: der Klettersteig. Natürlich wird auch dieser in der Gruppe mit Bergführer Rabl begangen, aber hier ist im Grunde jede auf sich allein gestellt. Der Gurt wird mit Karabinerhaken an einer speziellen Klettersteigsicherung an das im Fels fest verankerte Führungsseil des Steigs gehängt. Und so geht es mal vertikal, mal horizontal an der steilen Felswand entlang nach oben. Vor der Belohnung - dem ersten Gipfelkreuz der Neu-Kletterer - führt der Weg über eine atemberaubende „Brücke“, bestehend aus einem Sicherungsseil und einem Seil, auf dem gegangen wird. Augen zu und durch mag sich manch eine denken, aber genau das wäre ein Fehler. Die sich hier bietende Perspektive ist das, was der Kletterer dem Wanderer voraushat. Am Kreuz angelangt ist der Stolz über die eigene Leistung größer als die Gewissheit, was am nächsten Tag alles wehtun wird. Die Prophezeiung bewahrheitet sich: Der Gang zum Frühstückstisch ist etwas beschwerlich. Doch der Kaiser ruft wieder - und die Damen sind ihm schon nach der ersten Begegnung verfallen.

Am zweiten Tag führt Bergführer Rabl die Gruppe an das Kitzbüheler Horn. Gemütlich geht es von Sankt Johann aus mit der Bergbahn zum Hirschbichl. Den Wanderweg, der die Touristen zuhauf auf den 1996 Meter hohen Berg führt, lassen die Kletterdamen lässig links liegen: Rabl wählt den direktesten Weg nach oben auf das Horn, den über die schroffe Nordseite. Auch dieser führt über einen Klettersteig. Wer das am Vortag Gelernte erst noch einmal verinnerlichen möchte, kann das im Übungsklettersteig, einem kurzen Rundkurs am Fuß des silbrig aufragenden Felsens, tun. Der ist zwar vom Schwierigkeitsgrad her niedrig, „aber perfekt, um ein Gefühl für die ganze Sache zu bekommen“, sagt Rabl. Nach ein, zwei Runden wird das An- und Umklipsen der Sicherungskarabiner im Klettersteig zum eingespielten Handgriff. Der Weg zum Gipfel des Kitzbüheler Horns geht schon leichter vonstatten. Doch ein Spaziergang ist er wahrlich nicht - wie der ganze Kletterkurs. Es braucht schon etwas Ausdauer, Kraft und vor allem Mut, sich die steilen Bergwände hinaufzuwagen und sein Leben dem Seil anzuvertrauen. Ob nun mit Männern oder ohne, das ist am Ende Geschmackssache.

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