Bei der Podiumsdiskussion redeten die Teilnehmer zum Kirchentag von „Gott, Jesus und Albstadt“.Fotos: Bender Foto:  

Der ökumenische Kirchentag feierte in Albstadt den 50. Geburtstag der Kommune und gleichzeitig Premiere. Zu Gast war unter anderem der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl.

Mit einem ökumenischen Kirchentag haben die christlichen Kirchen Albstadts am Samstag den 50. Geburtstag der Stadt gefeiert. Dieser Tag mit buntem Programm hat gezeigt, dass sich nicht nur die Kirchengemeinden aus allen Stadtteilen auf den Weg gemacht haben, sondern in der Ökumene auch viel bewegen können.

 

Ob evangelisch, katholisch, methodistisch oder Süddeutsche Gemeinschaft. Jede Glaubensgemeinschaft hat sich eingebracht, um diesen Tag mit Kinderprogramm, Markt der Möglichkeiten, Mittagstisch und Logistik stemmen zu können. Angefangen von den Parkplatzeinweisern bis hin zur musikalischen Umrahmung.​

Dieser erste Albstädter ökumenische Kirchentag hat aber auch gezeigt, dass es einer Fortsetzung bedarf, die derzeit noch im Raum steht. Denn so vielfältig, ansprechend und gut besucht die einzelnen Angebote auch waren, so bewegte sich der Kirchentag doch in seiner eigenen Blase.

Vor allem traf man auf Hauptamtliche der Kirchengemeinden und auf engagierte Ehrenamtliche – allesamt Kircheninsider. Diese hatten sich auch versammelt, als am Samstagmorgen der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl die Bibelarbeit übernahm, nachdem der Posaunenchor „TOP“ die christliche Gemeinschaft auf den „guten Morgen“ eingestimmt hatte.

Mensch ist Teil der Schöpfung

„Wie sieht das Leben in der Nachfolge Jesu aus?“, erarbeite der Landesbischof anhand eines Gleichnisses aus dem Markusevangelium. Man habe im Alltag, der bei jedem eng getaktet sei, kaum Zeit, um über solche Fragen nachzudenken, leitete Gohl ein, bevor er das Gleichnis vom Wachsen der Saat in Erinnerung brachte: „Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.

Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“

Beim Markt der Möglichkeiten auf dem Kirchentag in Albstadt präsentierten sich in der Schillerschule Onstmettingen viele kirchlichen Träger und Anlaufstellen. Foto: Bender

Anhand anderer biblischer Geschichten und Gleichnisse zeigte der Theologe Querverbindungen, Zusammenhänge und den tieferen Sinn auf, um letztlich den Zuhörern in der Onstmettinger Festhalle mit auf den Weg zu geben: „Jesu Auferstehung ist das zentrale Ereignis.“ Das Reich Gottes ist kein Sonderort, sondern auf die Welt ausgedehnt. „Das Reich Gottes kommt ohne unser Zutun“, so Ernst-Wilhelm Gohl, um aus einer Predigt Martin Luthers zu zitieren, in der es heißt: „Wir sind nicht untätig, aber haben das Gelingen nicht in der Hand.“

Wann die Saat aufgeht, wissen wir nicht. Manchmal brauche man einen langen Atem und als ehemaliger Dekan von Ulm verwies der Landesbischof auf den Bau des Münsters, bei dem die Bauleute genau wussten, dass sie selbst nie erleben würden, wenn darin der erste Gottesdienst gefeiert werde. Insofern forderte Gohl mehr Bescheidenheit von den Menschen: „Die Ernte wird uns Menschen geschenkt.“ Manchmal sehe sich der Mensch aber in seinem Größenwahn als Schöpfer selbst und nicht als Teil der Schöpfung.

Glaube spendet Trost

Später wurde der evangelische Landesbischof Württembergs noch eingebunden in die Podiumsdiskussion, bei der es um „Jesus, Gott und Albstadt“ ging. Weitere Diskussionsteilnehmer waren der Schulleiter des Ebinger Gymnasiums, Christian Schenk, die Vorsitzender des Aufsichtsrates der Augustenhilfe ist, die Frauenärztin und Vorsitzende des Balinger Dekanatsrates Petra Graf, der Vizepräsident der Handwerkskammer Reutlingen, Firmeninhaber und Kirchengemeinderat Paul-Gerhard Alber und Albstadts Oberbürgermeister Roland Tralmer. In drei Runden antworteten sie auf die von Dekanatsreferent Achim Wicker gestellten Fragen.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl wagt beim Kirchentag in Albstadt am Stand der Diakonischen Bezirksstelle Balingen einen Blick durch die VR-Brille. Foto: Diakonie Balingen

Obwohl in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, habe sie während des Studiums zunächst den Bezug zur Kirche verloren, erklärte Petra Graf, die erst wieder mit der Geburt der Kinder zum Engagement in der Gemeinde fand. Der Glaube gebe ihr Halt und Sicherheit im Leben und der Glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gebe, empfinde sie als tröstlich: „Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“

Recht unspektakulär habe die Verbindung zur Kirche bei Christian Schenk begonnen, da das Elternhaus neben der Kirche stand, er viele Jahre Ministrant war und schließlich Theologie und Philosophie studierte. Er bezeichnete den Glauben als „Trost und Kraft“, das Fundament, das bei privaten oder weltweiten Turbulenzen verlässlich stehe.

Der evangelische Landesbischof Württembergs, Ernst-Wilhelm Gohl, war beim ökumenischen Kirchentag in Albstadt für die Bibelarbeit zuständig. Foto: Bender

Paul-Gerhard Alber erklärte, dass es für ihn ein Privileg war, in einer christlichen Familie aufzuwachsen und er früh an führender Stelle im CVJM tätig war. Dabei habe er erlebt, dass Gott Orientierung gebe und „einen gebrauchen“ wolle. „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott“, erläuterte Alber, der nicht nur die Bitte, sondern auch Fürbitte, Dank und Anbetung darin verankere.

Man muss denken

Man vergesse viel zu oft, zu danken. Wenn man in Ebingen geboren werde, sei man automatisch evangelisch, stellte Roland Tralmer nüchtern fest. Als rational denkender, politisch und naturwissenschaftlich interessierter Mensch, habe er trotzdem schnell feststellen müssen, dass jeder Mensch einzigartig sei und in allem ein tieferer Sinn liege. Der Glaube habe ihn schon durch viele Tiefen geführt.

Landesbischof Gohl erklärte, dass er im Pfarrhaus aufgewachsen sei und auch beide Großväter von Beruf Pfarrer waren. Früh habe er feststellen müssen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, beispielsweise als ein Opa nicht mehr von der Front heimgekehrt ist. Trotzdem sei man von Gott getragen und er sei eine Grundkonstante im Leben. Der Glaube sei das Urvertrauen der Christen.

Mensch ist nur Teil der Schöpfung

Der Mensch ist nur Teil der Schöpfung, deshalb drehe sich auch nicht alles um einen selbst: „Die wirklich wichtigen Sachen sind ein Geschenk“. Bezogen auf die Frage, wo man Jesus in Albstadt begegnen könnte, meinte Petra Graf „in der Vesperkirche“, aber auch „in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und Pflegeheimen“, Christian Schenk gab den Tafelladen und Supermärkte, wo man alles Gesellschaftsschichten antreffen könne, zur Antwort.

Alber meinte: „Einfach da, wo Menschen sind und feiern“, jedenfalls „viel öfter, als wir wahrnehmen“. Tralmer äußerte, dass Jesus überall hin gehöre, überall benötigt werde und vor allem in den sozialen Medien, wo Kommentare nicht immer von christlichen Werten geprägt seien. Und der Landesbischof stellte fest: „Wir übersehen Jesus viel zu oft.“

„Tanz ums goldene Kalb“

Der Oberbürgermeister beobachte viel zu oft einen „Tanz ums goldene Kalb“, esoterische Tendenzen und eine Besinnung, die immer in Krisen zu finden, aber nicht nachhaltig sei. Der Landesbischof stellte fest, dass die Christen mit ihrer tollen Botschaft in die Welt wirken und man Kirche nicht schlechter reden solle als sie ist.

Die kirchliche Bindung nehme immer mehr ab, gab die Gynäkologin zu bedenken, und forderte, Kirche müsse in jedem Fall am Anfang und am Ende des Lebens für die Menschen da sein. Auch der Schulleiter forderte für die Kinder mehr Orientierung und fragte die Eltern, wenn sie bei der Konfession die Angabe machen, der Nachwuchs solle später selbst entscheiden, ob sie es bei der Muttersprache genauso hielten – erst mit den Kindern reden, wenn diese sich entschieden hätten, in welcher Sprache.

Der Firmenchef sprach ebenfalls von einem Wandel der Gesellschaft und forderte, es brauche eine Verbindung von Kirche, Kommune und Wirtschaft.