Der Ökonom Marcel Fratzscher hat beim Zukunftsforum des Freiburger Energieunternehmens Badenova in Kirchzarten gesprochen.
Er gehört zu den bekanntesten Wirtschaftswissenschaftlern in Deutschland. Und spätestens seit seinem Ruf nach einem sozialen Pflichtjahr für Rentner auch zu den umstrittensten. Marcel Fratzschers (54) Stimme ist in der politischen Debatte in Deutschland derzeit allgegenwärtig. Nun war er beim Zukunftsforum des regionalen Energieversorgers Badenova aus Freiburg als Gastredner geladen. Arbeitende Rentner waren da aber nicht sein Thema.
Fratzscher bezeichnete vielmehr die Herausforderungen durch die Globalisierung und die aktuellen Unsicherheiten im Welthandel, den aktuellen Technologiewandel in Richtung Digitalisierung und grüne Technologien und die Frage, wie die Menschen bei all diesen Herausforderungen von der Politik mitgenommen werden können, als größte Problemfelder der Gegenwart in Deutschland.
Deutschland steht besser da als vermutet
Wenn es nicht gelinge, die Akzeptanz der Bevölkerung für Veränderungen zu schaffen, werde eine „Umstellung unseres Wirtschaftsmodells auf mehr Nachhaltigkeit nicht funktionieren können“. Deutschland stehe an einem ähnlichen Punkt wie 1997, als der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner berühmten „Ruck-Rede“ grundlegende Reformen für Deutschland eingefordert habe. Er hoffe, so Fratzscher, dass Deutschland es schneller als damals schaffen werde, aus dem mentalen Tief der Gegenwart zu kommen. „Ängste sind verständlich, aber sie sind schlechte Berater für Veränderungen.“
Dabei stehe das Land in vielen Bereichen deutlich besser da als die Stimmung es erahnen lasse. „Man hat aber das Gefühl, als wollten wir gar nicht in die Zukunft gehen.“ Das liege, so Fratzschers Analyse, vielleicht auch daran, dass die 2010er-Jahre wirtschaftlich sehr erfolgreich gewesen seien. Und dass dem Land nun die Risikobereitschaft fehle. Stattdessen versuche man, alle alten Strukturen zu erhalten.
Deutsche sind auf Sicherheit aus
Es brauche mehr Tempo beim Thema Innovationen. In den vergangenen Jahrzehnten habe die „Sicherheitsmentalität“ der Deutschen für die Wirtschaft lange Zeit gut funktioniert. Aber aktuell gebe der technologische und digitale Wandel ein höheres Tempo vor, dem man sich stellen müsse. „Sonst entstehen die Innovationen eben nur in China und wir verlieren an Wettbewerbsfähigkeit“.
Gerade bei Trendthemen wie der Batterietechnik habe China einen riesigen Marktanteil. Dort den Anschluss zu suchen, sei wichtig. Zumal die Kosten, die der Klimawandel in der Zukunft verursachen werde, enorm seien, was viel zu oft in der öffentlichen Debatte ausgeklammert werde. Schon alleine deswegen müsse Deutschland beim Umstieg auf Erneuerbare Energien viel schneller werden. „Langfristig ist das deutlich günstiger.“
Bevölkerung hat Sorgen und Ängste vor der Zukunft
Es sei „ein Armutszeugnis“, dass mehr als 80 Prozent der Bevölkerung derzeit fürchten, dass es nachfolgenden Generationen schlechter gehen wird in Deutschland. Es gebe berechtigte Ängste und Sorgen. Die Politik müsse gerade Menschen mit niedrigerem Einkommen beispielsweise mit dem Thema Klimageld helfen, um die Akzeptanz für notwendige Transformationen im Land zu schaffen.
„Wir haben in Deutschland in den vergangenen 80 Jahren immer wieder Krisen gemeistert“, blickt Fratzscher zurück. Letztlich sei Deutschland dank seines starken Rechtsstaats, der mittelständisch geprägten Wirtschaft und seiner solidarisch geprägten Gesellschaft gut aufgestellt.