Was hat da gebrütet? Ein sorgsamer Abgleich von Nestform, Federn und Eier-Restchen gibt Aufschluss – zumindest manchmal. Foto: Anja Bertsch

Anpacken, sich selbst spüren, Verantwortung übernehmen – und das mit Spaß: Das ist die Devise der „Naturwerker“ an der Schopfheimer Friedrich-Ebert-Gemeinschaftschule.

Es ist Mittwoch nach Unterrichtsende, und während sich viele Mitschüler in den freien Mittag aufmachen, sammeln sich die Jungs aus der Naturwerker-Gruppe im Raum von Schulsozialarbeiter Thomas Haug: Ein kurzer Überblick für alle, wo heute Einsatz gefragt ist – im Hinteren Kirchrain, dem Wald oberhalb des Schwimmbads. Ein kurzer Einblick für die Reporterin, warum die Jungs heute und das ganze Schuljahr schon mit dabei sind: „Ich mag die Natur“, „ich helfe gern“, „ich fühle mich hier wohl“, so die Rückmeldungen – und „es macht Spaß“ ist das, was in jeder Antwort vorkommt.

 

Viel Spaß – und gleichzeitig viel mehr

Klar: Ohne Spaß würde es nicht funktionieren, dass eine Gruppe Teenie-Jungs der siebten Klasse Woche für Woche freiwillig einen freien Mittag opfert. Zugleich ist es viel mehr, als Spaß, was die Jungs hier mitnehmen: Selbstwirksamkeit erfahren, gemeinsam Verantwortung übernehmen, den wertschätzenden Umgang üben – mit der Natur, miteinander und mit sich selbst, und dafür Wertschätzung von anderen erfahren.

Thomas Haug mit Felix, Lukas, Erik, Marlee und Phoenix (von link), einem Teil der diesjährigen Naturwerker-Gruppe, beim gemeinsamen Überlegen: Was ist das kleine runde Etwas, das einer der Jungs da auf einem Blatt entdeckt hat? Foto: Anja Bertsch

Im Tun der Kids an diesem Tag im heranbrechenden Frühling findet sich von allem etwas: Nistkästen kontrollieren und reinigen steht auf dem Programm, auf dass diese den Höhlenbrütern unter den einheimischen Vögeln für die kommende Brutsaison einen besenreinen, frischen Unterschlupf abgeben.

Kleine Enttäuschungen, große Erfolge

Die folgenden drei Stunden sind, wie jedes Naturwerker-Treffen, eine Mischung aus Wissensvermittlung und praktischem Anpacken, sinnhaftem Tun und spannenden Entdeckungen, kleinen Enttäuschungen und großen Erfolgserlebnissen – und manchmal ist gar nicht sofort klar, was was ist: Ein bis oben hin mit Vogelkot gefüllter Nistkasten etwa ist nun wirklich nicht gerade das, was man spontan einen echten Schatz nennen würde – zeugt aber von einer erfolgreichen Brut im vergangenen Jahr, wie Sozialarbeiter Thomas Haug schmunzelnd klarmacht.

Wie funktioniert eigentlich ein Kompass? Und wo ist Südosten? In diese Richtung sollte das Einflugloch zeigen...   Foto: zVg/Haug

Dass einer der Nistkästen reichlich windschief an seinem Platz in luftiger Höhe hängt, sorgt im ersten Moment für Sorgenfalten – macht aber auch klar, wie wichtig die Arbeit hier ist. Ein paar kräftige Hammerschläge später hat die „Brutstation“ wieder sicheren Halt. Der dritte Kasten: Ganz klar, hier hat einer gebrütet – aber wer? Ein feines Fläumchen, ein Rest Eierschale – „könnte eine Kohlmeise gewesen sein“, befinden die Jungs nach einem Abgleich der Funde mit der bebilderten Übersichtskarte, die sie für solche Fälle mit sich führen.

Gruppe hat 25 Nistkästen unter ihren den Fittichen

Insgesamt 25 Nistkästen im Hinteren Kirchrain und rund um die Schillerlinde im Fahrnauer Langenfirst kontrollieren und reinigen die Jungs heute und an drei, vier weiteren Nachmittagen. Die Bilanz ist erfreulich: Fast alle sind mit Nestern vom Vorjahr belegt. Die meisten von Kohl- und Blaumeisen, eins vom Buntspecht, der sich die Einflugöffnung einfach größer gehackt hatte und zwei Federn zur Identifizierung hinterlassen hat.

Und wo so viel neues Leben entstanden ist, gehört auch das Gegenteil dazu: In einem der Nistkästen findet die Gruppe ein nicht geschlüpftes Kohlmeisen-Ei, in einem anderen zwei tote Küken. Viele Fragen über Leben und Tod – während in der Nähe bereits die Meisen pfeifen und, so scheint es, nur drauf warten, die frisch gereinigten Nistkästen zu beziehen. Vielleicht sogar welche, die letztes Jahr in diesen Kästen geschlüpft sind?

In einem der Nistkästen findet die Gruppe ein nicht-geschlüpftes Ei. Foto: zVg/Haug

Projekt entstanden aus der Corona-Not

Entstanden ist die Naturwerker-Idee aus der Corona-Not heraus: In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Distanzgeboten war das „Faire Raufen“, das Schulsozialarbeiter Haug bis dahin angeboten hatte, nicht mehr drin. Zugleich war der Bedarf an sozial-pädagogischen Angeboten und nach ausgleichenden Aktivitäten in der Gruppe groß wie nie. Auf der Suche nach Alternativen blickte Haug über Tellerrand und Schulhauswand hinaus – und verfiel auf die Draußen-Idee, die sich bestens auch in die ganz persönliche Naturliebe und entsprechende weitere Engagements Haugs fügte.

Offene Türen, viele Kooperationspartner

Auf der Suche nach Kooperationspartnern rannte der Schulsozialarbeiter beim damaligen Revierförster Stefan Niefenthaler offene Türen ein. Die werden zwischenzeitlich von dessen Nachfolger Matthias Leisinger und Waldpädagoge Christian Fahrmeier von ForstBW ebenso wie von etlichen weiteren Kooperationspartnern wie NABU Lörrach oder Stadtgärtnerei Schopfheim weit offengehalten.

Es gibt jede Menge zu tun in Schopfheims Natur

Zu tun und anzupacken gibt es schließlich jede Menge in Schopfheims Natur. Sei es das Ausrupfen von Japanischem Springkraut, damit Freifläche für Blühpflanzen und Kräuter entsteht. Sei es das Freilegen einer alte Trockenmauer im Entegast-Wald, damit Eidechsen, Blindschleichen, Gelbbauchunken und Käfer dort einen guten Lebensraum haben. Oder das Zurückschneiden von Weiden im Schopfheimer Schwimmbad, um die Bäume als Lebensraum zu pflegen.

Nistkasten-Pflege als Generationenprojekt

Die Arbeit wird auch zukünftig nicht ausgehen: „Die „Ideenschublade ist nach wie vor gefüllt“, erklärt Thomas Haug – und einige Projekte müssen ja auch regelmäßig wiederholt werden.

Gerade die Nistkasten-Pflege ist ein echtes „Generationenprojekt“: Zusammengezimmert und aufgehängt von einer der ersten Naturwerker-Gruppen, zwischenzeitlich von weiteren Jahrgängen gepflegt und gesäubert – und in diesem Jahr also von den aktuellen Naturwerkern unter ihre Fittiche genommen. Und dabei um weitere Unterschlupfe aufgerüstet: Neun weitere vom NABU Lörrach finanzierte Höhlenbrüter-Vogelnistkästen haben die Jungs an einem regnerischen Naturwerker-Tag zusammengebaut und inzwischen platziert.

Ein nagelneuer Nistkasten im Sengelen mit Beschriftung: Naturwerker - Wir bewegen was! Foto: zVg/Haug

Mehr als 60 Teilnehmer seit 2020

Über die bald sechs Jahre hinweg konnten über 60 Kinder die wertvollen Naturwerker-Erfahrungen sammeln, und viele finden es schade, wenn sie in der achten Klasse nicht mehr teilnehmen können.

Klar aber ist: Die hier gesammelten Erfahrungen wirken für jeden Einzelnen auch über das eine Schuljahr hinaus – und das, was die Naturwerker für die Natur rund um Schopfheim geschaffen haben, natürlich ohnehin.