Passagiere kritisieren teils chaotische Zustände auf der Wiesentalstrecke der S-Bahn. Wiederholt wird beispielsweise der Endbahnhof Zell nicht erreicht.  Foto:  

Der Fahrgastverband Pro Schiene Dreiland beklagt eine massive Verschlechterung der Pünktlichkeit der Wiesentalbahn in den letzten Monaten. Dass ein Zug außerplanmäßig in Schopfheim endet und die Mitfahrer das Ziel Zell nicht erreichen, häuft sich.

Bahn-Kenner Karl Argast von Pro Schiene ist über die Unzuverlässigkeit des Betreibers SBB Deutschland erbost: „Züge der S 6 wenden vermehrt aufgrund von Verspätungen in Schopfheim, was sich allerdings nicht immer und auch nicht jedem erschließt.“ Er spricht von teilweise chaotischen Zuständen. Das können diejenigen Bahn-Kunden bestätigen, die das Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit nutzen. Wenn dann endlich Feierabend ist und die S6 in Schopfheim länger stehen bleibt, fängt der Frust an.

 

Chaotische Szenen

Ein Szenario, wie es in jüngerer Zeit so mancher erlebt hat: Im Bahnhof Schopfheim ertönt im Zug eine Lautsprecher-Ansage mit schweizerischem Akzent vom Band: „Geschätzte Fahrgäste. Unsere Weiterfahrt verzögert sich um wenige Minuten. Der Grund dafür ist nicht bekannt.“ Blick nach draußen aufs Nachbargleis 1, wo etwa 40 Leute in die Gegenrichtung fahren wollen. Blick auf die digitale Infotafel, die lediglich die Uhrzeit anzeigt – und die verstreichende Zeit: „18.20. 18.21. 18.22.“ Im Zug wird zum zweiten Mal die Ansage abgespielt – und unterbrochen. Es ertönt dreimal ein unschönes Alarmgeräusch und eine neue Ansage: „Der Zug endet hier. Bitte steigen Sie aus.“

Die Anzeigetafel im Zug wechselt vom Fahrtziel Zell auf Ziel Basel. Das erkennen die Pendler auf Bahnsteig 1, die genau in diese Richtung, Basel, wollen. Sie begeben sich also zum zweiten Bahnsteig und besteigen den entleerten Zug. Ein Fehler, wie sich herausstellt: Wenig später rollt am nun verwaisten Bahnsteig 1 ein Zug aus Zell ein und fährt ohne einen einzigen Fahrgast aus Schopfheim nach Basel weiter – die sitzen ja nun im Zug auf Gleis 2. Und erhalten kurz darauf die Info, dass sie diesen verlassen sollen: die Fahrt in Richtung Basel findet zumindest mit diesem Zug nun doch nicht statt. Fazit: An diesem Abend sind gleich zwei Züge voller Fahrgäste nicht ans Ziel gekommen

„Mobilitätswende in Gefahr“

Von teilweise „chaotischen Zuständen“ spricht denn auch Pro Schiene. Während manche Verbindungen wie beschrieben in Schopfheim abgebrochen werden, werden die S6 in anderen Fällen auch noch mit 20-minütiger Verspätung bis Zell geführt.

Argast nimmt auch die Betriebsleitung der DB in Karlsruhe in die Pflicht. Sie sei „nicht über die Örtlichkeit im Wiesental im Bilde“. Für den Nahverkehrsexperten ist klar, dass sich Fahrgäste andere Mobilitätswege suchen und auch auf das Auto umsteigen, wenn die Bahn die Zuverlässigkeit nicht liefert. „Fahrgäste sind mit Recht mehr als sauer“, merkt Argast an. „Arztbesuch, kulturelle Veranstaltungen usw. werden mindestens zu Tagesunternehmungen.“

Pro Schiene befürchtet sogar eine schleichende Streckenkappung, wenn das Angebot und auch die Resonanz immer schlechter werden. Böse Erinnerungen werden wach: Vor 45 Jahren musste schon einmal für den Erhalt der Wiesentalbahn bis Zell gekämpft werden. Mobilitätswende und Klimawende seien ernsthaft in Gefahr, schließt Argast im Namen von Pro Schiene Dreiland. Dabei hatte die S6 vor drei Jahren einmal Traumwerte von 99 Prozent Pünktlichkeit.

„Ausfälle sind Einzelfälle“

Björn Oeschger, Sprecher von SBB Deutschland, bezeichnet die beschriebenen Ausfälle als Einzelfälle: „Die Gründe für das frühzeitige Wenden eines Zuges sind vielfältig.“ Eine direkte Erklärung der beschriebenen Zustände sei daher nur mit Informationen zu Datum und Uhrzeit möglich. „Ganz allgemein können wir Stellwerks-, Bahnübergangs- oder Signalstörungen als Hauptursache für Verspätungen nennen. Ist zum Beispiel ein Bahnübergang auf dem Streckenabschnitt Schopfheim – Zell gestört, ist die Weiterfahrt nicht ohne Verspätungen möglich“, so Oeschger.

Dominoeffekt verhindern

„Auch eine Infrastrukturstörung auf dem vorangegangenen Streckenabschnitt kann der Grund für eine frühzeitige Wende sein. So wird eine Fahrt teilweise zugunsten der Fahrplanstabilität gebrochen.“ Würde man dies nicht tun, würden sich die Verspätung eines Zuges sowohl auf alle Folgeverbindungen als auch auf sich kreuzende S-Bahnen wie zum Beispiel die S5 übertragen, gibt SBB zu bedenken.

Ausschlaggebend für die Entscheidung, eine Bahn in Schopfheim außerplanmäßig enden zu lassen, sei der geplante Umlauf des Zuges. „Wechselt dieser zum Beispiel in der darauffolgenden Fahrt auf eine andere S-Bahn Linie, muss anders agiert werden, als wenn der Zug danach in die Abstellung geht.“ Aus diesem Grund sei es möglich, dass einzelne Verbindungen trotz Verspätung bis nach Zell verkehren.

„Wir streben als Unternehmen das Ziel der Klimaneutralität an und stehen daher vollständig hinter den Klimazielen des Landes“, versichert die SBB. „Uns als Betreiberin ist bewusst, dass die S-Bahn als Verkehrsmittel nur genutzt wird, wenn wir Zuverlässigkeit bieten können“, heißt es weiter. „Als Qualitätssiegerin im Baden-Württembergischen Qualitätsranking, versprechen wir Ihnen und unseren Fahrgästen, dass wir alles Mögliche tun, um diese Zuverlässigkeit zu gewährleisten.“ Die Angst vor einer Streckenkappung des oberen Wiesentals sei unbegründet, schließt der Unternehmenssprecher.