In öffentlich gemachten E-Mails sorgt Hartmut Feucht für mächtig Ärger in Bad Wildbad. Seiner Meinung nach inkompetente städtische Mitarbeiter will er sogar "entsorgen". Als Grund nennt er den Stillstand in der Stadt – etwa beim Projekt "Valsana". Investor Volker Gairing nennt eine "Fehde" mit dem Stadtbaumeister als Grund und spricht von einer "Retourkutsche".
Bad Wildbad - Ein E-Mail-Schriftverkehr sorgt derzeit für dicke Luft in Bad Wildbad. Hartmut Feucht hat in mehreren Nachrichten, die an diverse Empfänger gingen – unter anderem auch an Jochen Borg, Klaus Mack und den neu gewählten Bürgermeister Marco Gauger sowie an unsere Redaktion und andere Medien – seinem Ärger über den Stillstand in Bad Wildbad Luft gemacht. Feucht, laut eigenen Angaben im sozialen Netzwerk Linkedin Professor für Management an der Wilhelm-Büchner-Hochschule, einer Fernhochschule in Darmstadt, ist in Bad Wildbad kein Unbekannter. So sollte er etwa im Auftrag der Stadt die Einzelhändler beraten und tritt nun auch als Berater für Volker Gairing auf, der unter anderem das ehemalige Hotel Valsana gekauft hat und zum Familienhotel umbauen will.
Verbaler Rundumschlag
Genau dieses Projekt ist einer der Punkte, an denen sich Feuchts Kritik entzündet. Und so holte er zum verbalen Rundumschlag aus. "Es muss (!) sich etwas verändern – will Wildbad bis 2300 warten – kann es sich das leisten?", fragt er etwa. Er spricht von einem Investitionsvolumen von mehr als 50 Millionen Euro von Gairing in die Innenstadt und das Valsana, aber "Wildbad zeigt Herrn Gairing komplett, aber komplett die kalte Schulter!!!". Man rede sich alles schön, dabei bestehe "extremer Handlungsbedarf...extremst !!"
Von "schönreden" kann in den E-Mails allerdings nicht die Rede sein. Der Rundumschlag beginnt bei der Touristik Bad Wildbad GmbH. Hier gebe es das Gerücht, dass der neue Veranstaltungsleiter Steffen Gayer bereits wieder weg sei, noch bevor er überhaupt richtig angefangen habe zu arbeiten. Dabei kritisiert Feucht vor allem Touristik-Chefin Stefanie Dickgiesser mit barschen Worten und spricht gar davon, diese zu "entsorgen".
Feucht will städtische Mitarbeiter "entsorgen"
Ebenfalls zu "entsorgen" gelte es unter anderem Marina Lahmann, zuständig für’s Stadtmarketing, und Stadtbaumeister Volkhard Leetz und "wer im Hintergrund immer noch die Fäden gewaltigst zieht (beginnt mit M)". Auch der Schwarzwälder Bote bekommt sein Fett weg. "Schwabo ist so .. being your Obient server, die "Haus Postille vom Rathaus". Gemeint ist wohl der Begriff „obedient servant“, der kommt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie "gehorsamer Diener". Der Versuch einer weiteren Kommunikation endete damit, dass er uns mitteilte, uns nicht zu vertrauen.
Offiziell will sich niemand zu Feuchts Aussagen äußern. Hinter vorgehaltener Hand allerdings hört man aus den berühmten gewöhnlich gut informierten Kreisen, auch aus den Reihen ehemaliger Mitarbeiter und Stadträte, dass die Leistung Feuchts bei der Beratung der Einzelhändler schwer zu wünschen übrig gelassen und dieser einen geforderten Abschlussbericht nie vorgelegt habe. Somit habe es keinen Bericht im Gemeinderat gegeben und auch das Honorar sei nicht an Feucht ausbezahlt worden.
Und was sagen die in der E-Mail namentlich genannten Betroffenen? Mehr als ein knappes "Kein Kommentar" ist in den Gesprächen mit unserer Redaktion weder von Dickgiesser oder Lahmann, noch von Leetz zu hören.
"Unkontrolliert explodiert"
"Da sind manche Dinge unkontrolliert explodiert", versucht Gairing gleich zu Beginn eines langen Telefongesprächs mit unserem Redakteur zu beschwichtigen. "In Bad Wildbad artikuliert sich so langsam eine Missstimmung, etwa bei Hotellerie und Gastronomie", so Gairing weiter. Dennoch seien diese "verbalen Entgleisungen" so nicht in Ordnung. Ziel sei es nicht, "jemanden zu beleidigen", aber man "soll und darf Missstände aufzeigen", sagt der Investor.
2019 habe er das Valsana gekauft und mit der Stadt und auch mit dem damaligen Bürgermeister Klaus Mack Gespräche geführt, in denen der Eindruck entstanden sei, "die Stadt will das Hotel". Auch bei einem Pressegespräch seien alle noch frohen Mutes gewesen und er habe auf die Frage nach dem Eröffnungszeitpunkt geantwortet: "April 2022". Das ist bekannterweise bereits im nächsten Monat. Passiert ist am Valsana allerdings noch nicht viel. Man habe es ausgebeint, um die tragenden Stützen für den Statiker freizulegen und Wassereintritte gestoppt. Und nun habe man vor allem eines: "so manche Probleme mit dem Bauamt". Dabei vermutet Gairing sogar eine "persönliche Fehde zwischen dem Stadtbaumeister und mir", erzählt er freimütig im Gespräch.
Fehde mit dem Stadtbaumeister?
Und die Gründe für diese Fehde stellt er dann auch ausführlich aus seiner Sicht dar. Diese liegen nach seiner Ansicht an einem Bauvorhaben in der Fußgängerzone Wilhelmstraße mit geplantem Paternoster-Parkhaus in der Rathausgasse. Dieses Parkhaus liege in unmittelbarer Nähe zum Gästehaus Kühnle, das Gairings Frau betreibt. Problem dabei: Das geplante Parkhaus würde den nach Süden ausgerichteten Zimmern mit ihren Balkonen Sonne und Licht nehmen, zudem würde der Lärm durch die Autos deutlich zunehmen. "Wir waren schockiert. Wenn das so kommt, können wir zumachen", ist Gairing überzeugt. So habe er das Gespräch mit dem Bauherrn und der Stadtverwaltung gesucht und seine Einwände gegen dieses Baugesuch vorgebracht, das im übrigen auch im Bad Wildbader Gemeinderat im März 2021 große Bedenken hervorgerufen hat und dem das Gremium nur unter heftiger Kritik und "zähneknirschend" zugestimmt hatte. Auch die Kommunalentwicklung (KE) der Landesbank Baden-Württemberg, die die Stadt in Sachen Stadtentwicklung berät, übte heftige Kritik an dem Vorhaben, was den damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Bruno Knöller gar zu der Äußerung trieb: "So ein vernichtendes Urteil hat es noch nie gegeben." Dennoch erteilte der Gemeinderat die sanierungsrechtliche Genehmigung, auch wegen des Fehlens eines gültigen Bebauungsplans für die Innenstadt.
Gairing vermutet Retourkutsche
Gairing allerdings habe, so erzählt er, seine Einwände, wohl zum Missfallen des Stadtbaumeisters, gegen das geplante Projekt aufrechterhalten. Und deshalb eben vermutet er nun eine "Retourkutsche" bei der Genehmigung der Sanierung des "Valsana". Der vorgesehene Bebauungsplan für das Grundstück sei immer wieder von der Tagesordnung des Gemeinderates genommen worden, obwohl Gairing und seine Architekten nach Aussage des Investors alle gewünschten Korrekturen vorgenommen hätten. "Jetzt ist irgendwo der Kragen geplatzt und er lebt seine Fehde gegen mich aus, eigentlich zum Nachteil der Stadt. Da gehen schon die Emotionen hoch", sagt er. Es schade auch seinem Ruf, wenn er "das Ding" kaufe und vollmundig ankündige und dann nichts passiere. So kursierten nach Gairings Aussage bereits die "schlimmsten Gerüchte" in der Stadt, aber "eigentlich muss nur der Bauamtsleiter weg, dass das weiter geht", formuliert er es drastisch – und gibt sich selbst dennoch "tiefenentspannt". Er sei für alles offen, "ich muss ja nicht", sagt er. Auch wenn das Familienhotel seiner Meinung nach wirklich gut zu Bad Wildbad passen würde, aber das "liegt nicht mehr in meinem Ermessen".
Noch Hoffnung
Noch habe er sich aber nicht final von dem Projekt verabschiedet: "Ich habe noch eine kleine Hoffnung, dass der neue Bürgermeister erkennt, was gut und richtig für die Stadt ist und entsprechend handelt. Ansonsten mache ich mich nicht mehr verrückt." In der kommenden Woche soll es übrigens ein weiteres Gespräch beim Bauamt geben – allerdings ohne Gairing: "Ich werde selbst nicht hingehen, schicke einen Anwalt, weil ich selbst keine Lust habe."
Auf die Anfrage unserer Redaktion nach dem aktuellen Stand beim "Valsana" wollte Stadtbaumeister Volkhard Leetz keinen Kommentar abgeben. "Es gibt das Baurecht, das kann man nicht beugen", sagte er und verwies des Weiteren auf eine Stellungnahme der Stadtverwaltung zu den Äußerungen.
Stellungnahme der Stadtverwaltung
Folgende Stellungnahme der Stadtverwaltung – unterzeichnet von Bürgermeister-Stellvertreter Jochen Borg – zu den E-Mails erreichte unsere Redaktion:
"Die Stadt Bad Wildbad weist die Äußerungen und Anschuldigungen, die in den E-Mails einiger Personen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung und der Touristik Bad Wildbad erhoben wurden, aufs Schärfste zurück. Insbesondere die Wortwahl in den E-Mails ist inakzeptabel.
Der Gemeinderat stellt sich geschlossen hinter die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung und der Touristik Bad Wildbad und spricht ihnen sein Vertrauen aus.
Der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat wird es auch zukünftig ein besonderes Anliegen sein, Kräfte zu bündeln und gemeinsam in guter Zusammenarbeit mit allen Akteuren Projekte zum Wohle der Stadt voranzubringen."
Projekte Gairings
Der Stuttgarter Immobilien-Investor Volker Gairing sorgte schon mit einigen Projekten für Aufsehen – und das nicht nur in Bad Wildbad. So schlug er etwa 2019 vor, einen permanenten Hubschrauber-Landeplatz in Bad Wildbad einzurichten. So könne der als offizieller Landeplatz etwa für vermögendere Touristen von den nahe gelegenen Flughäfen in Stuttgart oder Karlsruhe/Baden-Baden in Söllingen dienen oder Patienten in die Kliniken der Stadt transportieren. Ein Plan, der sich aber schnell wieder zerschlug: "Diese Pläne verfolgen wir nicht weiter", erklärte der damalige Bürgermeister Klaus Mack im Juli 2020 – übrigens beim Pressegespräch zum Kauf des "Valsana".
Bereits im Mai 2016 habe er einen Bauantrag für das "Haus Schöllhammer" in der Wilhelmstraße eingereicht. Ein modernes Wohn- und Geschäftshaus soll dort eigentlich entstehen – in etwa "so groß wie jetzt, nur eine Etage höher", erklärt er. Dieses Vorhaben ist bis heute nicht genehmigt. Was vielleicht auch daran liegt, dass Gairing und sein Architekt bei einer öffentlichen Präsentation unter anderem auch ein 55 Meter hohes Hochhaus zeigten, das dort entstehen hätte sollen – oder können. Oder auch nicht. Denn wie Gairing nun sagt, war das "ein Spleen von unserem Architekten". Das sei nicht zu realisieren gewesen – weder wirtschaftlich noch städtebaulich. "Der Fehler war, dass wir das niemals hätten zeigen dürfen", so der Investor weiter.
Noch höher hinaus will Gairing sogar in Bretten (bei Karlsruhe). Dort stellte er 2020 Pläne für die "Melanchthon Höhe" vor, ein gigantischer Gebäudekomplex mit insgesamt drei Baukörpern für Wohnungen und Geschäftsräume auf einer Fläche von 25 000 Quadratmetern: Der sprichwörtliche Höhepunkt soll dabei ein 80 Meter hoher Turm sein, der ein Panoramarestaurant mit Rundumsicht über die Stadt beinhalten soll. Seit der Vorstellung ist es aber um dieses Projekt zumindest öffentlich ruhiger geworden.