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Oberwolfach Fünf Stunden für etwas Salzwasser

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Milch gab es auch fürs Schnieder-Bühlers auf dem oberen Grünach – gebracht vom jungen Paul Schuler. Repro: Haas Foto: Schwarzwälder Bote

Paul Schuler beschreibt aus einen Erinnerungen das Erleben der Besatzungszeit auf Grünach. Vor allem erinnert sich der heute 85-Jährige an den Hunger und die Entbehrungen dieser Zeit.

Oberwolfach. "Auch wir Kinder waren nun mittendrin in der Hungerszeit. Die Feldküche haben die Marokkaner bei unseren Nachbarn, Marzellis genannt, in der Waschküche eingerichtet. Natürlich freute ich mich darüber. Denn wäre es einem Buben von zehn Jahren zu verdenken, wenn er hinten im Kopf dabei nur an die Überbleibsel dachte, das heißt die Brosamen, die vom Tische der Reichen fielen! Aber da habe ich Pech gehabt. Mein Gedanke war, wenn die mit dem Essen fertig sind, dann bekommen wir auch noch was ab", so der gebürtige Oberwolfacher.

Und weiter: "Denkste! Mit Entsetzen mussten unsere Kinderaugen mit ansehen, wie die gut riechende Suppe und das restliche Brot einfach auf den Misthaufen geschüttet und geworfen wurden. Ich hätte weinen können. Der Soldat hatte übrigens mindestens zehn gestohlene Uhren am Arm. Seinen teuflischen Gesichtsausdruck konnte ich nicht vergessen. War der Hass auf die Deutschen wirklich so groß?"

Nachbarn werden mit etwas Milch versorgt

Die Ernährungslage wurde immer kritischer, so Schuler. "Einmal stand ich über fünf Stunden am Wolfacher Bahnhof in der Warteschlange, um die Zuteilungsrate von zehn Litern Salzwasser zu bekommen. Zu Hause hat Mutter das Salzwasser direkt an die Speisen geschüttet. Der größere Teil wurde eingedampft, um so reines Salz zu gewinnen.

Aber mit einer Kuh im Stall hatten wir es immer noch besser als viele andere. Aber was ist schon eine Kuh, wenn jeder in der Nachbarschaft auf einen Tropfen Milch hoffte? So hatten wir am Ende auch nicht viel mehr als alle anderen.

Oft sagte die Mutter: ›Bring doch dem Schnieder-Bühler, dem Schultheiß, dem Frommherz, dem Zangermarx, dem Polizei-Bächle, so könnte ich mindestens 15 bis 20 Familien aufzählen, denen ich mit meinen schnellen Barfußerl und viel Freude im Herzen das Köstliche, die Milch, bringen durfte, obwohl ich unterwegs, was ich gestehen muss, ab und zu daran genascht habe."

Bezugsscheine lodern im Ofen

Für Holzschuhe gab es 1945/46 immer noch Bezugsscheine, erklärt Schuler weiter. "Bei Ratschreiber-Oberfells musste ich ich einen solchen für Vaters Holzschuhe abholen. Danach sollte ich noch den Tisch aufräumen. Dabei habe ein Wisch altes Papier in den Ofen geworfen. Als Vater beim Mittagessen nach dem Bezugschein fragte, war dieser nicht mehr auffindbar. Offenbar hatte ich ihn aus Versehen ins Feuer geworfen. Nach dem Essen, drei Vaterunser, dem Glaubensbekenntnis und dem Ehre des Vaters zog ein gewaltiges Inferno über meinen Hosenboden.

Die Folgezeit brachte noch viel Entbehrungen. Öfters musste man zu den Nachbarn, um dort Feuer zu holen, das heißt ein glühendes Stück Holz, um damit in Ofen und Herd ein Feuer zu entfachen.

So blieb es nicht aus, dass ich als Arbeitshilfe zu einem Bauern gehen musste. Damit war dann wenigstens ein Esser weniger zu Hause. Im Sommer hieß es für mich frühmorgens um 4.30 Uhr aufstehen, den Mist aus dem Stall schaffen und tagsüber schwere Feldarbeit, so dass man abends todmüde ins Bett fiel."

Paul Schuler, kürzlich in seiner Wahlheimat München 85 Jahre alt geworden, erlebte die Kriegs- und Nachkriegszeit auf dem Grünach in einer kinderreichen Familie besonders intensiv. Er hat sich in den 70er-Jahren in der Fremde hingesetzt und seine Kindheits- und Jugenderinnerungen auch im Blick auf das dörfliche Geschehen mit viel Herzblut zu Papier gebracht. In den nachfolgenden Teilen dieser losen Reihe wird ausführlich daraus zitiert.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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