Nach 55 Jahren wird die WG Oberschopfheim ihren Vertrag mit dem Badischen Winzerkeller kündigen. Das Vertrauen sei verspielt, zu gering sind die Erlöse. Die Oberschopfheimer machten bei der Hauptversammlung deutlich, dass sie über die Auszahlungspreise nicht einmal die Kosten gedeckt bekommen.
Von der Versammlung der Winzergenossenschaft (WG) erhält der Vorstand um Frank Erb den eindeutigen Auftrag, weitere Schritte einzuleiten. So hat am Mittwochabend die Versammlung die erforderliche Zweidrittelmehrheit erreicht und mit 79,4 Prozent beschlossen, den Vertrag mit dem Badischen Winzerkeller zu kündigen. Von 36 stimmberechtigten Mitgliedern haben 27 für die Trennung und sieben für den Verbleib gestimmt, zwei Stimmen waren ungültig. Ab 2025 sei die WG frei. Der Vorstand mit Aufsichtsrat hat die Vollmacht bekommen, Gespräche mit weiteren Winzerkellern zu unternehmen. Eine Rückkehr zum Winzerkeller in Breisach wäre jederzeit möglich. Lediglich Verträge müssten ausgehandelt werden.
Dass die Winzer, ob der Auszahlungspreise aus den vergangenen Jahren frustriert sind, dafür hat Christian Schätzle vom Vorstand des Badischen Winzerkellers Verständnis. Vor zwei Jahren hat er gemeinsam mit André Weltz den massiven Umbau des Winzerkellers begonnen: Personal wurde abgebaut, Artikel aus dem Sortiment genommen, Preiserhöhungen vorgenommen, neue Vermarktungskanäle gefunden, neue Designs entworfen, Überstunden komplett abgebaut und die Aussicht auf ein erstes positives Ergebnis gestellt. In der Vergangenheit habe der Winzerkeller mehrere Millionen Euro Verlust geschrieben. Schätzle wurde nicht müde, zu erklären und versuchte die Winzer für den neuen Weg zu begeistern. Aber die Zahlen sprechen bei den Winzern leider eine andere Sprache.
Winzer wollen nicht weiter in einer „Warteschleife“ verharren
Stefan Röderer beschrieb in der Sitzung die Stimmung eines Winzers, der mit seinem Auszahlungsschreiben für den Jahrgang 2022 bei ihm angeklopft habe: „Ich habe für den Hektar nur 2000 Euro bekommen. Das ist bestimmt ein Rechenfehler?“, so sei die Vermutung gewesen. „Leider hat das nicht gestimmt“, so Röderer. „Im Grunde legen die Winzer seit vielen Jahren drauf“, erklärte Vorsitzender Erb gegenüber unserer Redaktion. Das Vertrauen in den Badischen Winzerkeller, der in den vergangenen Jahren immer von besseren Zeiten gesprochen habe, die jedoch nie eingetroffen sind, sei zerstört. Winzer Benjamin Hertweck brachte es für sich und die Winzer auf den Punkt: „Herr Schätzle, ich habe Respekt vor ihrem Einsatz, aber für uns ist das nicht mehr zielführend.“ Die Oberschopfheimer Winzer wollen nicht mehr in der Warteschleife verharren, an die sie nicht mehr glauben. Vor allem würden sich die Verluste der vergangenen Jahre nicht mehr länger kompensieren lassen.
Will ein Winzer wirklich erfolgreich arbeiten, müsste er gemessen an den Preissteigerungen der vergangenen Jahre sowie angesichts der Einführung des stetig steigenden Mindestlohns gut 15 000 Euro für den Hektar erhalten.
Großwinzer haben bereits einige Hektar abgezogen und werden sich weiter verkleinern
Dass selbst diese Summe, gemessen an der aktuellen gesellschaftspolitischen Lage, nicht durchzusetzen sei, bleibe eine Erkenntnis, erklärte Erb. Schließlich zeige die Statistik ebenso, dass 80 Prozent der Weine auf dem deutschen Markt unter drei Euro liegen. 90 Prozent der Preise liegen unter fünf Euro. Wein bleibe vor allem in der aktuellen Situation ein Luxusgut. Dennoch sollte unter dem Strich auch für den Winzer zumindest ein kalkulierbares Einkommen stehen. Leider hätten die vergangenen Vorstände jegliches Vertrauen in den Winzerkeller verspielt. Großwinzer hätten ohnehin schon längst einige Hektar abgezogen und signalisierten weitere Abzüge in den kommenden Jahren. Realistische Auszahlungspreise wird es wohl nie für einen heimischen Winzer geben. Aber von einer Kostenunterdeckung könne niemand leben. Jedes wirtschaftlich geführte Unternehmen hätte wohl längst Insolvenz angemeldet. Die Winzer liebten ihre Weinberge, ihre Arbeit und setzten sich mit Leidenschaft für hervorragende Weine ein. Aber von Luft und Liebe könne niemand leben. Am Ende der Schlange stehe schließlich auch die Verantwortung gegenüber einer Familie, die zum großen Teil von Generation zu Generation diese Liebe für den Wein weitergibt.
Geschichte der Winzergenossenschaft
Im Jahr 1967 wurde die WG Oberschopfheim gegründet und zählte 71 Gründungsmitglieder, die auch ihren Weinberg bewirtschaftet haben. 2020 wurden 60 Hektar über die WG bewirtschaftet. Heute sind es noch 52 Hektar. Die WG zählt 122 Mitglieder, davon sind 32 aktive Winzer. Mehr als 40 Hektar Rebfläche teilen sich eine handvoll Winzer unter sich auf. In den vergangenen Jahren hat der Badische Winzerkeller nahezu zwei Drittel der ursprünglichen 4000 Hektar Rebflächen verloren. Heute sind es noch 1400 Hektar. Mit Oberschopfheim fallen weitere 52 Hektar weg.