Seit diesem Donnerstag ist ein neues Dokumentationszentrum zu besichtigen. Es zeigt den Gegensatz von „Idyll und Verbrechen“.
Ein Foto zeigt Adolf Hitler, wie er vor großer Bergkulisse einem Mädchen mit blonden Zöpfen die Wange tätschelt. Er lebte in einem oberbayerischen Berghof, der auf einem Kitschgemälde aus dem Jahr 1939 zu sehen ist. Auf dessen Terrasse scharte sich, so zeigt es eine weitere Fotografie, Hitlers fröhliche Gefolgschaft: Lebensgefährtin Eva Braun, der Führer-Architekt Albert Speer, der breit in die Kamera lachende NS-Propagandachef Joseph Goebbels. Auf dem Obersalzberg sollte man sich Adolf Hitler als den „guten Nachbarn“ vorstellen, wie es der Historiker Sven Keller sagt, als Menschenfreund. Das war Nazi-Propaganda, man wollte „den Führer unters Volk bringen“, sagt er.
Sven Keller ist Leiter des nun eröffneten Dokumentationszentrums Obersalzberg mit neu konzipierter Dauerausstellung. Der Obersalzberg, weit in den bayerischen Alpen hinter Berchtesgaden gelegen, war neben Berlin das bedeutendste Machtzentrum Hitlers und des NS-Staates. Hier auf 1000 Metern Höhe urlaubte der Massenmörder nicht nur, hier hatte er enge Mitarbeiter und seinen Apparat installiert, hier hatte er regiert, den Zweiten Weltkrieg und die NS-Verbrechen geplant und befohlen.
„Die Nachbarschaft, das Dorf hat sich bedient“
Der Obersalzberg ist ein historisch vergifteter Ort. „Idyll und Verbrechen“ heißt die vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin errichtete Schau, es werden, so sagt es Keller, „Bild und Gegenbild“ gezeigt. NS-Propaganda, die Opfer, die Mechanismen der mörderischen Macht von 1933 bis 1945.
Da ist etwa das Schicksal von Dora Rainer aus Schönau am nahe gelegenen Königssee. Die Jüdin lebte im Landhaus Hirschenlehen. 1941 wurde sie ins „Judenlager“ nach München-Milbertshofen deportiert und von dort weiter ins Konzentrationslager Kaunas, wo sie ermordet wurde. Danach verleibte sich der Staat ihr Haus ein und plünderte ihren Besitz. Im „Berchtesgadener Anzeiger“ verkündete das Finanzamt die „Freihändige Versteigerung“ des Besitzes von Dora Rainer am 30. Mai 1942. Angeboten wurde alles, was von ihr übrig war: Lederstühle, Tische, Lampen, Gemälde. Versteigert wurde praktischerweise im einstigen Wohnhaus selbst. „Die Nachbarschaft, das Dorf hat sich bedient“, meint Keller.
Geschichte wird mit originalen Dokumenten und Quellen erlebbar
Erzählt wird in der Ausstellung auch der Werdegang der jüdischen Familie Ortenau aus dem nahen Bad Reichenhall. Gustav Ortenau war Arzt und leidenschaftlicher Bergwanderer, schon als 20-Jähriger war er beim Alpenverein eingetreten. Mit rassistische Regelungen wurden aber „Nichtarier“ weggeekelt. Gustav Ortenau kam dem zuvor und trat 1936 selbst aus. „Ausgrenzung und Verfolgung gab es auch am Berg“, erzählt Sven Keller. „Menschen wurden aus den Alpen ausgeschlossen.“ Der äußerst beliebte Lungenfacharzt konnte 1939 mit seiner Frau in die Schweiz emigrieren, auch den beiden Kindern gelang die Flucht. 1950 starb Gustav Ortenau in Florenz.
Geschichte wird mit originalen Dokumenten und Quellen, wenn sie richtig und wissenschaftlich aufbereitet sind, sehr erlebbar. Darauf setzt die Dokumentation Obersalzberg. Das kalt mit Schreibmaschine auf Papier geschriebene „Verzeichnis“ der Gegenstände im Haus von Dora Rainer und deren Preise – „1 Buffetläufer 5 Reichsmark“ – lässt einen erschauern. Ebenso wie das Austrittsschreiben von „Sanitätsrat Dr. Gustav Ortenau vom 20. Februar 1936 aus dem Alpenverein – „nach 51 Jahren Mitgliedschaft“.
Von außen ist die Dokumentation ein angemessenes graues Betongebäude. Der linke Teil ist schräg in die Erde versenkt, was eine intelligente Lösung darstellt. Somit gibt es einen direkten Zugang zur originalen Bunkeranlage des Obersalzberges, die Teil der Ausstellung ist.
Der Bau hatte für gewissen Ärger gesorgt
Unten in diesem riesigen höhlenartigen Labyrinth waren große Lebensmittelvorräte gelagert und komfortable Wohnmöglichkeiten für die NS-Führungsclique eingerichtet worden. Hauptsächlich Zwangsarbeiter wurden zur Arbeit herangezogen. Einen Teil der Gänge haben die Ausstellungsmacher gelassen, wie sie waren. So liegen noch eingefallenes Mauerwerk und Schutt herum.
An der Dokumentation war sechs Jahre lang – mit ungewollten Zeitverzögerungen – gebaut und das neue Haus bestückt worden. Die alte Ausstellung in dem Gebäude daneben war im November 2021 geschlossen worden. Sie galt als veraltet und war wegen der jährlich 170 000 Besucher – vier Mal so viele wie erwartet – auch zu klein geworden.
Der Bau hatte für gewissen Ärger gesorgt. 14,3 Millionen Euro sollte er ursprünglich kosten, daraus sind 30,1 Millionen, also über das Doppelte, geworden. Die Eröffnung war für Herbst vergangenen Jahres geplant gewesen. Auch Corona brachte einiges durcheinander, durch Beschränkungen und Lockdowns konnte sehr viel Material erst verspätet geliefert werden.
In der NS-Zeit war der Obersalzberg zum Kultort, zur „Bühne“ gemacht worden
Ein Viertel seiner Amtszeit hatte Adolf Hitler auf dem Obersalzberg verbracht. Hier war der Überfall auf Polen geplant und beauftragt worden, die Einkesselung Leningrads, die so genannte Euthanasie, das Warschauer Getto, Auschwitz. „Wir leuchten hier die Verbrechen hell aus“, sagt Sven Keller. Und so ist auch die Schau.
Das umfangreiche Gelände am Obersalzberg war unter den Nazis „Führersperrgebiet“. Um den zentralen Berghof wurden zahlreiche Gebäude umgewidmet oder errichtet – eine SS-Kaserne, die Parteikanzlei, die Häuser „Göring“ und „Bormann“ oder das „Atelier Speer“. Niemals zuvor war der Obersalzberg so massiv verändert worden. Die Bewohner des einstigen Dorfes mussten auf Hitlers Geheiß weichen, sie wurden zwangsumgesiedelt.
In der NS-Zeit war der Obersalzberg propagandistisch geschickt zum Kultort, zur „Bühne“ gemacht worden, wie es im Katalog steht. Die Leute verschickten begeisterte Postkarten von dort, in langen Schlangen standen sie an, um am Berghof vorbeizulaufen. Nach dem Ende der Terrorherrschaft war der Berghof eine Ruine, die 1952 abgerissen wurde. Der Obersalzberg wurde mitsamt der Bunkeranlage weitgehend geplündert – um sich Wertgegenstände oder auch NS-Devotionalien zu beschaffen.
Alte und neue Nazis zieht das Gebiet nicht in Scharen an
So viel Geschichte, so viel Gewalt und Verbrechen inmitten dieser wild anmutenden, schönen Bergwelt. An allen Wegen und Pfaden stößt man auf Wanderer. „Es ist ausdrücklich erwünscht, wenn Urlauber sich neben der Erholung auch die Dokumentation ansehen“, sagt der Leiter Sven Keller.
Alte und neue Nazis zieht das Gebiet nicht in Scharen an. Aber immer wieder sehen die Mitarbeiter der Dokumentation auch offenkundig rechtsextremistisch eingestellte Bürger. An Hitlers Geburtstag wurden schon Kerzen angezündet. Keller meint aber: „An der Dokumentation sind diese Leute natürlich nicht interessiert.“
Im August aber war ein Mann mit geistiger Beeinträchtigung in Berchtesgaden von drei Männern aus der rechten Szene ins Gesicht geschlagen worden. Die Polizei konnte zwei von ihnen fassen, es waren Urlauber. Vergangenen Samstag demonstrierten laut Berichten 280 Bürger unter dem Motto „Berchtesgaden gegen Rechts“.