Landleben: Der Dorfladen und viele andere mit Herzblut und Einsatz verfolgte Projekte bieten der Verödung die Stirn
Oberreichenbach. "Wir kaufen gerne hier ein und kommen regelmäßig her." Das Paar aus der benachbarten Kreisstadt Calw hat gerade den nur 200 Quadratmeter großen Dorfmarkt in Oberreichenbach betreten. Dass es ein solches Geschäft in einer Gemeinde mit nicht einmal 3000 Einwohnern gibt, ist Teil einer Erfolgsgeschichte.
Wo Oberreichenbach liegt, wissen sicher nur wenige. Mitten im Nordschwarzwald und damit im ländlichen Raum. Der hat seit vielen Jahren Probleme. Die Gründe sind bekannt: Ein Bus fährt nur noch ein paar Mal am Tag. Ohne Auto ist die Mobilität stark eingeschränkt. Der Dorfladen ist in vielen anderen Gemeinden von der Größe Oberreichenbachs längst verschwunden, der nächste Supermarkt kilometerweit entfernt. Mit Bankfiliale, Post und Pfarrer verschwinden nach und nach auch die Bürger, die Einwohnerzahlen sinken. Die Lage verschlechtert sich weiter.
Das muss nicht so sein. Insbesondere wenn Bürger selbst etwas tun und sich gegen diese Entwicklung stemmen. In Oberreichenbach tut man das mit Erfolg. Und das seit mehr als zehn Jahren. Nachhaltig nennt man so etwas auf Neudeutsch.
In der Gemeinde mit den Ortsteilen Oberreichenbach, Igelsloch, Oberkollbach und Würzbach machte der damalige Bauamtsleiter und heutige Kämmerer Daniel Merkle 2008 den Vorschlag, im Rahmen des EU-Förderprogramms LEADER einen Verein Lebensqualität durch Nähe (LQN) zu gründen.
Darüber wurde im Gemeinderat heftig diskutiert. "Es war die längste Sitzung aller Zeiten. Sie endete kurz nach Mitternacht", erinnert sich Bürgermeister Karlheinz Kistner, damals ganz neu im Amt. Am Ende gab es nur eine Gegenstimme, das Gremium war überzeugt, dass das Projekt finanziell zu stemmen ist. Immerhin flossen aus EU-Mitteln und Zuschüssen des Landes Baden-Württemberg seither 100 000 Euro nach Oberreichenbach.
Dann wurden die Bürger mit ins Boot genommen. Rund 100 Menschen kamen zur Vorstellung von LQN ins Sportheim, 45 erklärten sich spontan bereit, mitzumachen. Es bildeten sich Arbeitskreise (AK), die es noch immer gibt.
Der Mittagstisch des AK Helfende Hände unter der Regie vom Irmgard Albrecht, zu dem regelmäßig bis zu 90 Senioren kommen, stand am Anfang. Dann nahm der AK Mobilität und Nahversorgung, für den Verena Greger verantwortlich ist, 2012 das erste elektro-betriebene Bürgerrufauto in Deutschland in Betrieb. Das machte bundesweit Schlagzeilen. Dafür gab es den mit 20 000 Euro dotierten Kommunalen Klimaschutzpreis Deutschland, vom Land Baden-Württemberg kamen noch mal 2000 Euro obendrauf. Rund 20 Fahrer sind ehrenamtlich im Einsatz, um Bürger zum Bus, zum Arzt oder zum Einkaufen zu bringen.
Treue Kunden packen immer mehr in die Körbe
Den Dorfmarkt gibt es seit gut drei Jahren. Geschäftsführer Lorenz Cornelissen setzt auf Frische und Regionalität, überarbeitet ständig das Sortiment. Und freut sich über eine stabile Zahl an Kunden, die im Durchschnitt immer mehr einkaufen, oft ihren gesamten Wochenbedarf. Um Energiekosten zu sparen, werden neue Kühlgeräte angeschafft, auf das Dach kommt eine Solaranlage. Bald soll es Frühstück, Mittagstisch sowie Kaffee und Kuchen geben. Der Dorfmarkt soll sich zu einem Mittelpunkt der Gemeinde entwickeln.
Cornelissen steckt voller Pläne. Und doch zeigt sich an dem Laden, dass es auch in Oberreichenbach Probleme gibt. Cornelissen ist bald 71 Jahre alt. Die Nachfolge ist noch nicht geregelt, und er bräuchte etwas mehr Unterstützung. Während der Geschäftsführer ehrenamtlich tätig ist, werden die derzeit neun Mitarbeiter der GmbH und UG bezahlt. Die schwarze Null sollte bald erreicht sein. Auch auf das geplante Seniorenheim, das ab diesem Jahr gebaut werden soll, setzt der Dorfmarkt-Manager.
Und es gibt noch viel mehr in Obereichenbach. Die von Ursel Black initiierte Bücherei zum Beispiel. Sie hatte bei der Gründung 2012 einen Fundus von 600 Büchern gleich mitgebracht, heute stehen im umgebauten und barrierefreien ehemaligen Feuerwehrmagazin in Igelsloch 5100 Bände. Das Dorfgemeinschaftshaus Oberkollbach wurde verwirklicht, wo Platz ist für Sport und Vereine.
Ehrenamtliche Helfer lindern etliche Notlagen
Unter der Projektleitung von Nadine Tscheuschner trägt der Verein "für uns" dazu bei, dass ältere und kranke Menschen weiter zu Hause leben können. Ehrenamtliche helfen beim Einkaufen, Kochen und Putzen, begleiten zu Behörden und Arztterminen. Und sie nehmen sich Zeit für Gespräche und Spaziergänge. Bei der Zeitbank 55+ helfen sich die Mitglieder freiwillig und gegenseitig im Haushalt, bei der Gartenarbeit, dem Schriftverkehr mit Behörden, der Kinderbetreuung und vielem anderen mehr.
Das alles funktioniert in Oberreichenbach, weil es zwischen den einzelnen Projekten keine Eifersüchteleien gibt. Über die Arbeitskreise hinaus hilft jeder dem anderen, betont Cornelissen. Einheimische und Zugezogene arbeiten zusammen, der Lokalpatriotismus zwischen den Ortsteilen spielt allenfalls am Stammtisch eine Rolle. Der Gemeinderat zieht mit und an allen größeren Projekten, auch über LQN hinaus werden die Bürger beteiligt. Mit Karlheinz Kistner gibt es einen Bürgermeister, der nicht bestimmend voranschreitet, sondern im Hintergrund als Moderator wirkt und seine vielen engagierten Bürger machen lässt. Das zeigt Wirkung: Die Einwohnerzahl steigt kontinuierlich, der Schultes freut sich über eine hohe Nachfrage nach Bauplätzen.