Ihre Fasnetswurzeln lassen Ursula Stimmler nicht los. Seit Jahren gestaltet sie in Hermeskeil ein Schaufenster. Dieses Jahr geht’s um die Orange. Was das mit Oberndorf zu tun hat?
„Durch meine Verbundenheit zur Oberndorfer Fasnet und zum Schwabenland ist in meiner Rheinland-Pfälzischen Heimat eine Gemeinschaft entstanden, die immer weitere Kreise zieht“ – sagt die gebürtige Oberndorfer Künstlerin Ursula Stimmler.
Da die inzwischen 78-jährige Malerin und Bildhauerin die Oberndorfer Fasnet nicht nur im Herzen trägt, sondern ihr zeitlebens auch einen optischen Platz eingeräumt hat und ihr künstlerisch immer noch Ausdruck verleiht, bringt sie Menschen zusammen und ins Gespräch, die freundschaftliche und familiäre Bande pflegen zwischen Oberndorf und ihrem jetzigen Lebensumfeld in Rheinland-Pfalz.
Und diejenigen, denen die Oberndorfer Fasnet bislang noch nichts gesagt hat, werden auf dieses Brauchtum aufmerksam gemacht im großen Schaufenster der Adler-Apotheke in Hermeskeil in der rheinland-pfälzischen Hochwaldregion.
Denn seit sechs Jahren darf die weit über Deutschland hinaus bekannte „Hunsrückmalerin“ – wie sie in der Presse mit Hochachtung betitelt wird – das Fenster gestalten, in dem sie eine Kindheit und Jugendzeit in Oberndorf auslebt, in der die Fasnet für die gesamte Familie „der höchste Feiertag im Jahr“ darstellte. Obwohl sie bereits mit 18 Jahren ihre Heimat verließ, hatte dieses schwäbisch-alemannische Brauchtum für sie prägenden Charakter.
Besucher wollen mehr über Fasnet sehen
Ursula Stimmler, die sich als lebensneugieriger, humorvoller, zufriedener und stets dem Leben zugewandter Mensch bezeichnet, wollte ihre Begeisterung und Leidenschaft teilen, weshalb sie den Oberndorfer Narren anfangs in ihrer Wohnung einen Platz einräumte, später dann in ihrem Atelier, wo sie die Aufmerksamkeit der Kunden und Besucher auf sich zogen. Diese waren es auch, die meinten, dass die Oberndorfer Fasnet doch öffentlichkeitswirksamer präsentiert werden sollte.
Michael Knüttel von der Adler-Apotheke stellte ihr das Schaufenster, in dem die Künstlerin seit mehr als 25 Jahren zur Weihnachtszeit eine Geschichte illustriert, zur Verfügung. Und prompt entdeckte eine Oberndorfer Touristin in der Moselregion die Artefakte der Fasnet in der Neckarstadt – und grub in Windeseile nach den Wurzeln dieser Schaufenstergestaltung.
So wurde bekannt, dass die seit 1984 in Züsch lebende Ursula Stimmler einer echten Oberndorfer Narrenfamilie entstammt. Der Vater Elferrat, Masken -und Kleidlesmaler, Zeremonienmeister und Dirigent der Schantlekapelle, die Mutter 30 Jahre am Sprung beteiligt in der ältesten Oberndorfer Maske, dem „Drecklärvle“ – geschnitzt im Jahre 1811 –, die Kinder im Narro und Hansel – von dieser Zeit erzählt die Künstlerin so lebhaft, begeistert und detailgenau, als wären nicht 60 Jahre vergangen.
Jahresthemen erschließen das Oberndorfer Brauchtum
Als magischer Blickfang erfreute sich die Schaufenstergestaltung schnell großer Beliebtheit. Das Publikum suchte Kontakt, wollte sich auszutauschen. Fortan bereitete sie die Schaufensterausstellung thematisch auf. So erfuhren die Schaulustigen, wie ein Narrenkleid entsteht – von der Arbeit an der Nähmaschine bis zu den Mal- und Schnitzarbeiten. Dann ging sie der Frage nach, welchen Aufwand ein Narr betreibt, bis er zum Sprung gehen kann.
Ein Narrensprüngle im Hunsrück
In diesem Jahr erklärt sie, wie die Orangen in den Schwarzwald kamen und weshalb die Schantle mit diesen süßen Früchten die Menschen erfreuen. Im nächsten Jahr wird übrigens ein Narrensprung durchs Fenster ziehen, mit Zuschauern an der Straße – da wird sie die vielen kleinen Narrenfiguren aus dem Nachlass ihrer Eltern in den Fokus rücken, das steht für sie heute schon fest.
Aufmerksam geworden auf die Darstellung der schwäbisch -alemannischen Fasnet in Rheinland-Pfalz ist ein SWR-Fernsehteam im Rahmen der Serie „800 Jahre Züsch“. So berichtete der Sender vor kurzem über das Fastnachtsfenster und die Oberndorfer Fasnet. Ursula Stimmler liebt es, etwas in Bewegung zu bringen, die Menschen zu erreichen.
Soziales Engagement
Das schafft die „soziale Demokratin“, wie sie sich bezeichnet, nicht nur durch ihre Kunst, sondern auch durch ihr politisches und soziales Engagement, wobei ihr Bekanntheitsgrad Türen öffnet, um auf ehrenamtlicher Ebene viel bewirken zu können.
Sie ist aktiv in der Flüchtlingshilfe, Ansprechpartner für Hilfsgüter und auch als Vogelauffangstation gefragt. Alle zwei Jahre verbindet sie ihren Geburtstag mit einem Atelierfest, bei dem sich zwischen 250 und auch mal 600 Menschen ein Stelldichein geben und großzügig spenden für wohltätige Zwecke und hilfsbedürftige Personen.
In Schweden trifft man auf ihre Hunsrück-Bilder, und in Südafrika hängen ihre Hähne, man findet sie viel im Freien bei Bildhauer- und Restaurationsarbeiten. Ihre Auftragsbücher sind voll, und wenn sie nicht im Atelier anzutreffen ist, dann mit Skizzenblock in der Natur. Sie bietet Projektwochen in Schulen und Kindergärten an, Workshops, Malkurse und führt auch Blinde durch ihr Atelier.
Freude schafft Platz im Kalender
Auf die Frage, wie sie das denn alles schafft – denn acht Enkel und zwei Urenkel fordern auch ihr Recht auf die Oma und Uroma – sagt sie bescheiden: „Wenn man alles mit Freude, Liebe und Engagement angeht, dann passt so viel in den Tag.“
Man merkt ihr die Freude an, wenn sie von Bildern und Motiven für Geschenkideen erzählt, die sie für Verwaltungen und Organisationen fertigt, die Wert auf außergewöhnliche Präsente legen und so haben die „Stimmler-Unikate“ einen ganz besonderen Stellenwert bei den Beschenkten.