Bei dünner Luft auf 2400 Metern über Steinpisten rennen – für Läufer aus Kenia sind das normale Trainingsbedingungen. Raphael Eith aus Oberndorf hat im Vorfeld des Berlin Marathons mit ihnen trainiert und dabei so einiges gelernt.
Oberndorf - Eines Tages nach Kenia zu reisen, war schon lange Raphael Eiths Traum. Im Sommer konnte der 36-Jährige diesen mit seiner zweiten Leidenschaft, dem Laufen, verbinden.
Der Oberndorfer, der mittlerweile in Freiburg lebt, ist passionierter Marathonläufer. Mehrfach hat er dabei schon eine Zeit von unter drei Stunden geschafft. 2017 kam dann mit einer hartnäckigen Verletzung der Rückschlag. 2021 kämpfte er sich beim Berlin Marathon zurück – mit einer passablen, aber ausbaufähigen Zeit.
Für Eith war deshalb klar, dass er auch in diesem Jahr wieder in Berlin an den Start gehen würde. Seine Vorbereitung absolvierte er diesmal aber teilweise in einem anderen Land: Kenia. Erste Verbindungen zu dem Land in Afrika hat Eith bereits vor sieben Jahren geknüpft. Damals wurde er Pate eines Mädchens, das dort dank seiner regelmäßigen Spenden zur Schule gehen darf. Über dieselbe Organisation, "Run2Gether" aus Österreich, die diverse Sozialprojekte in Kenia umsetzt, wurde er auf das Angebot des Laufurlaubs aufmerksam.
Hoffnung auf Europa
Immer wieder erhalten Touristen die Möglichkeit, mit kenianischen Läufern zu trainieren. "Laufen ist deren Beruf", erklärt Raphael Eith. Finanziell unterstützt werden sie vom Verein. Besonders gute Läufer dürfen nach Europa reisen, um dort an Wettkämpfen teilzunehmen – für viele vor allem ein finanzieller Anreiz. "Mit einem Preisgeld von 2000 Euro kommt man in Kenia lange aus", weiß Eith. 40 bis 60 Läufer sind Teil des Camps.
Raphael Eith reiste Mitte August nach rund fünf Wochen stringentem Lauftraining für den Marathon ins 80 Kilometer nördlich von Nairobi gelegene Camp in Kiambogo. Dort bekam er als Laufpartner einen 20-Jährigen zugeteilt, der gerade dabei war, eine Verletzung auszukurieren. Schnell zeigte sich, warum.
Hoher Puls und Schnappatmung
Die Kenianer beeindruckten mit beachtlichen Zeiten, während es Eith anfangs sehr schwer fiel, sich an die äußeren Gegebenheiten anzupassen. "Ich habe die Höhe extrem gespürt und hatte anfangs mit einem hohen Puls und Schnappatmung zu kämpfen", berichtet er.
Nicht nur lag das Laufcamp auf 2400 Metern Höhe, die Trainingsstrecken führten nicht selten über Passstraßen und waren mit Schlaglöchern übersäte Steinpisten. "Das war eine unglaubliche Quälerei." Die Kenianer, die durch das tägliche Training ohnehin schneller als er gewesen seien – "die machen nichts anderes als laufen" – hätten es amüsiert beobachtet, ihm aber gute Ergebnisse für einen Europäer attestiert. Überhaupt sei er unglaublich warmherzig aufgenommen worden.
Nach etwa einer Woche habe er deutliche Verbesserungen in der Fitness gespürt, sagt Eith. Bei einem campinternen Zehn-Kilometer-Lauf sei er trotzdem mit sieben Minuten Abstand als letzter Mann ins Ziel gekommen. Immerhin: Ein paar Frauen habe er hinter sich lassen können.
Nichts als laufen und schlafen
Los ging es im Camp immer mit Gebeten und einem Morgenlauf um 6 Uhr. Danach hätten die Läufer sich für ein Nickerchen hingelegt, ehe es Mittagessen gab, einen weiteren Lauf am Nachmittag und wieder ein Schläfchen. Am Ende einer Woche hatte Eith um die 140 Kilometer zurückgelegt. Bei den Mahlzeiten hätten die Kenianer auf Ugali geschwört, einen Getreidebrei aus Maismehl.
Bedrückend sei es gewesen, zu sehen, in welch überschaubaren Verhältnissen die Kenianer in Kiambogo und Umgebung lebten. So nutzte Eith auch die Gelegenheit, das inzwischen 14-jährige Mädchen, für das er vor sieben Jahren die Patenschaft übernommen hatte, zu besuchen. "Faith zu sehen, war sehr berührend", schildert er.
Große Armut und kaum Essen
In der Holz-Wellblechhütte ihrer Familie habe es lediglich einen Schlafraum und einen Essensbereich mit Feuerstelle gegeben – keinen Strom, kein fließend Wasser. "Als Europäer kann man sich kaum vorstellen, wie man da leben kann." Die Mutter des Mädchens hat eigentlich eine Arbeit als Erntehelferin, war aber aufgrund von anhaltender Trockenheit für längere Zeit zum Zuhausebleiben verdammt. Da kam es einem Segen gleich, dass Raphael Eith Mehl und Reis dabei hatte. "Die Mutter meinte, ohne diese Dinge hätte sie an diesem Abend kein Essen auf den Tisch bringen können."
Große Dankbarkeit
Was den Oberndorfer besonders beeindruckt hat: die Freude und Herzensgüte der Menschen. "Die Kenianer dort arbeiten jeden Tag dafür, dass sie abends etwas zu essen haben. Trotzdem wirkten sie, als würde es ihnen an nichts fehlen."
Mancher Kenianer habe ihm voller Stolz das eigene, mühsam erarbeitete Haus gezeigt, das dann nicht größer als eine Garage gewesen sei. Und über die Laufschuhe, die Eith als Geschenk da ließ, hätten sich die Läufer unglaublich gefreut: "Das war für sie wie Weihnachten". Wenn man das sehe, wünsche man sich bei manchen Menschen hierzulande mehr Dankbarkeit, sagt Eith.
Tipps zahlen sich aus
Zurück in Deutschland, blieben noch drei Wochen bis zum Berlin Marathon. Von seinem kenianischen Laufpartner hatte Eith den Tipp bekommen, mehr auf kürzere Bergläufe zu setzen und die erste Hälfte des Marathons in gemäßigtem Tempo zu absolvieren, um sich dann in der zweiten Hälfte zu steigern.
Diese Strategie erwies sich als erfolgreich. Eith konnte seine Vorjahreszeit um 14 Minuten unterbieten und schaffte die rund 42 Kilometer in 2:44 Stunden. Dabei überholte er auf der zweiten Hälften der Strecke noch etwa 400 Läufer. "Tatsächlich habe ich, als einige Läufer schon fertig waren, noch an Tempo zulegen können", freut sich Eith.
Aufenthalt bleibt in Erinnerung
"Ob die gute Leistung daran lag, dass ich noch den Vorteil aus dem Höhentraining hatte? Ich weiß es nicht, aber künftig werde ich kleine Bergläufe häufiger ins Training einbauen, um nächstes Mal die 2:40 Stunden zu unterbieten", kündigt der 36-Jährige an. Klar ist eins: Sein Aufenthalt in Kenia hat ihn nicht nur, was den Laufsport angeht, nachhaltig geprägt.