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Oberndorf a. N. Zeitzeuge mit stattlicher Krone

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Andreas Roloff und Sabine Jaud enthüllen die Gedenktafel. Foto: Schwarzwälder Bote

In einem besonders satten Grün präsentierte sich die Hochmössinger Käppeles-Linde neben der Agatha-Kapelle am Samstag. Offensichtlich genoss sie nach wochenlanger Trockenheit nicht nur den erlösendenden Regen, sondern auch ihre Ernennung zum Nationalerbe-Baum.

Oberndorf-Hochmössingen. Die zahlreichen Besucher, die zur Ausrufung gekommen waren, gönnten dem Hochmössinger Wahrzeichen zwar das langersehnte kühle Nass, zogen es aber vor, die Feierstunde in der Turn- und Festhalle zu begehen.

Ortsvorsteherin Sabine Jaud begrüßte neben zahlreichen Bürgern auch Andreas Roloff von der TU Dresden, Katharina Edlinger von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung, den Ersten Beigeordneten der Stadt Oberndorf Lothar Kopf, den Experten in Sachen Heimatgeschichte Georg Schillinger sowie viele Vertreter von Behörden und Institutionen in der Halle.

Jaud gab ihrer Freude darüber Ausdruck, dass die Käppeles-Linde, die bereits seit 1950 als Naturdenkmal ausgewiesen sei, nun offiziell in das Nationalerbe Bäume in Deutschland aufgenommen werde. Das Hochmössinger Wahrzeichen sei erst der fünfte Baum in Deutschland und der erste in Baden-Württemberg, der diese Auszeichnung erfahre.

Sie bedankte sich beim Leiter des Kuratoriums Nationalerbe-Bäume der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft Andreas Roloff und bei Katharina Edlinger für deren Unterstützung, vergaß aber auch nicht, ein Dankeschön an die Stadtverwaltung zu richten, deren Stadtgärtnerei die Linde während der Trockenheit der vergangenen Jahre regelmäßig mit Wasser versorgt hatte.

Roloff verhehlte seine Begeisterung für die Hochmössinger Musikkapelle nicht, die den Nachmittag unter der Leitung von Stephanie Schwarz musikalisch umrahmte. Er meinte, dass die Zeit reif dafür sei, solche Uralt-Bäume, wie die Käppeles-Linde, zu schützen und zu pflegen, um ihnen damit ein "Altern in Würde" zu ermöglichen.

Die Hochmössinger Linde, übrigens eine Sommerlinde, sei mit 7,90 Metern Stammumfang eine der dicksten Linden in Deutschland und mit ihrem geschätzten Alter von 600 bis 800 Jahren auch eine der ältesten, führte Roloff aus.

Das genaue Alter allerdings sei schwer zu ermitteln, zumal der Standort auf einer Geländeerhöhung auf langsames Wachstum schließen lasse. Der vollkommen hohle Stamm sei eine Besonderheit und in diesem Ausmaß wohl einmalig, erklärte der Fachmann.

Lothar Kopf ging darauf ein, wie wertvoll Bäume, wie diese Sommerlinde, seien. Sie dienten dem Artenschutz als Habitatbäume, dem Denkmalschutz als Relikte der Geschichte oder auch als Demonstrationsobjekte, der Erholung und dem Wohlbefinden und als mentale Ankerpunkte.

Die Geschichte zeige, dass Linden der klassische Mittelpunkt von Dörfern gewesen seien. Sie waren der Treffpunkt im Ort, an dem sich das gesellige Leben der Leute abspielte, aber auch Gerichtsurteile gefällt wurden. Leichte Delikte habe man unter Linden abgehandelt, schwere unter Eichen. Dies spreche wohl für die Hochmössinger.

Gewohnt informativ und unterhaltsam waren die Ausführungen von Georg Schillinger zur Geschichte der Linde. Bereits im Dreißigjährigen Krieg sei Hochmössingen von schwedischen Truppen besetzt worden, die die Agathakapelle mit Feuer zerstört hätten. Um die Linde sei gekämpft worden, was durch Bleikugeln im Stamm bestätigt wurde. Die Linde müsse deshalb damals schon ein stattliches Ausmaß gehabt haben, wusste Schillinger.

Möglicherweise sei die Linde 1480 im Zusammenhang mit dem Bau der Agathakapelle gepflanzt worden und wäre dann wohl annähernd 600 Jahre alt. Brächte man die Linde mit dem "Liber decimationis" aus dem Jahr 1275 und der Wolfgang- oder Wolframkapelle in Verbindung, könnte sie allerdings bereits auf 800 Jahre zurückblicken.

Nachdem am 4. Juli 1835 ein Großbrand den nordwestlichen Teil des Dorfes, darunter auch das Gebäude, in dem die Schule untergebracht war, vernichtet hatte, nutzte man die Agathakapelle als Schule, und der Platz rund um die Linde wurde zum Schulhof und Pausengelände.

Georg Schillinger gab weitere Anekdoten rund um die Linde zum Besten. Er wünschte dem altehrwürdigen Baum, dass er sich noch viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte im Frühjahr mit frischem Blattwerk einkleiden möge.

Pastoralreferentin Helga Dlugosch und Ute Kopp von der Kirchengemeinde verglichen Linde und Kapelle mit einem alten Ehepaar, das Licht, Wasser, Luft und die Geschehnisse teile und einander brauche. Sie gaben den kirchlichen Segen, bevor die Gäste den Gang ins Freie wagten, um der Linde ihre Aufwartung zu machen.

Sabine Jaud und Andreas Roloff enthüllten die Gedenktafel neben der Linde, und diese schien stolz ihre Krone zu neigen, um die hohe Ehrung entgegenzunehmen.

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