Das Urteil wurde in einer zum Gerichtssaal umfunktionierten Reithalle gefällt. Foto: von Ditfurth

Das Offenburger Landgericht hat den "Waldläufer von Oppenau" am Freitag wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Dessen Verteidigung kündigte bereits kurz nach der Urteilsverkündung an, Revision einzulegen.

Offenburg - Schwer stützt sich Yves R. am Freitagnachmittag – erst mit einer, dann mit beiden Händen – auf den Tisch, vor dem er steht. Mit angestrengter Miene blickt er stumm vor sich hin und hört das Urteil des Offenburger Landgerichts. Richter Wolfgang Kronthaler spricht schnell, mit ernstem Ton als er den "Waldläufer von Oppenau" zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach der knappen Verkündung darf R. sich setzen, er blickt um sich, blinzelt häufig, sucht scheinbar Blick-Kontakt zu jemandem im Publikum.

Kronthaler skizziert nochmals Yves R. gesamtes Leben, von der Jugend ohne Vater, über mehrfache Jugendstrafen, einem Heimaufenthalt, einer begangenen gefährlichen Körperverletzung mit 21 Jahren, einer Jugendhaft bis hin zu Verstößen gegen das Waffengesetz. Alles spielt sich zwischen Oberkirch, Freiburg, Pforzheim und Oppenau ab. Der Angeklagte blickt stumm vor sich hin, sitzt jetzt leicht nach vorne gebeugt da, seine Arme verschränkt vor ihm auf dem Tisch.

Yves R. habe sich unter anderem der minderschweren Geiselnahme schuldig gemacht, urteilte das Landgericht. Er habe am 12. Juli fortwährend einen Polizeibeamten mit einer täuschend echt aussehenden Schreckschusswaffe bedroht und sich so des Polizisten bemächtigt, erklärte Kronthaler.

Verteidigerin Melanie Mast will in Revision gehen

So habe R. den Beamten und seine drei Kollegen zur Herausgabe ihrer Dienstwaffen bewegen wollen. Nicht das typische Bild einer Geiselnahme – unter anderem deswegen handele es sich nur um einen minderschweren Fall: Die Bemächtigung habe nur wenige Sekunden gedauert, anders etwa als bei einer Geiselnahme in einer Bank, bei der ein Opfer stundenlang festgehalten werde, erklärt der Richter.

Ein Gutachter hatte dem Beschuldigten in dem Verfahren eine kombinierte Persönlichkeitsstörung attestiert, sah ihn aber nur zum Teil als vermindert schuldfähig an.

Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren gefordert. Denn anders als die Staatsanwaltschaft und nun das Gericht sahen die beiden Anwälte von R. den Tatvorwurf der Geiselnahme als nicht erfüllt an. Ihr Mandant sei völlig unverhofft in die Situation geschlittert, von den Polizisten seien zudem "vermeidbare Fehler" begangen worden. Für ihn spreche, dass er über Briefkontakt während seiner ­U-Haft eine neue Lebensgefährtin gefunden habe, mit der er sich ein neues Leben aufbauen wolle. Yves R. sei lediglich "auf der Suche nach einer Nische, die Raum für seine Persönlichkeit bietet".

Verteidiger wollen Revision einlegen

Das sieht das Gericht anders: "Die Taten liegen primär in Ihnen begründet", wendet der Vorsitzende Richter sich am Ende der Urteilsbegründung direkt an den Mann. "Sie sind nicht zu den Taten gedrängt worden", es liege auch kein fehlerhaftes Verhalten der Polizei vor, betont Kronthaler und greift zuletzt die diagnostizierte Persönlichkeitsstörung auf: "Nehmen Sie diese Diagnose ernst, arbeiten Sie an dieser Störung", heißt sein eindringlicher Appell.

Als dem verurteilten Yves R. nach dem Ende seiner Verhandlung die Handschellen wieder angelegt werden, wirkt er gefasst. Bevor er seinen Platz im Pulk seiner Bewacher verlässt, dreht er sich noch einmal kurz zu den sich an einer Absperrung drängenden Kamerateams und Fotografen. Er winkt einer jungen Frau zu, die ebenfalls jenseits der Absperrung steht – dann wird er abgeführt.

Das letzte Wort im Fall Yves R. ist wohl noch nicht gesprochen: Seine Verteidigerin kündigte bereits am Freitag an, gegen das Urteil Revision einlegen zu wollen. Sie halte das Urteil "einfach rechtlich für falsch", sagte Anwältin Melanie Mast. Es habe keine Geiselnahme vorgelegen. Das Urteil werfe rechtliche Fragen auf, die der Bundesgerichtshof klären müsse.

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