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Oberndorf a. N. "Versailler Vertrag war eine Katastrophe für Oberndorf"

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Historiker Andreas Kussmann-Hochhalter erzählt den Teilnehmern bei seiner Stadtführung von der Oberndorfer Geschichte. Foto: Günzel Foto: Schwarzwälder Bote

Oberndorf. "›Oberndorf.‹ Ja, früher wurde am Ende von Überschriften immer ein Punkt gesetzt. Hier am Bahnhof wirkt das so, als ob nach Oberndorf nichts mehr kommt", scherzt Archivs- und Museumsleiter, Andreas Kussmann-Hochhalter. Über diesen Punkt mache er sich immer gerne zu Beginn seines Stadtrundgangs "Oberndorfs Geschichte von den Anfängen bis heute" lustig, erzählt der Historiker den 17 Teilnehmern, die an diesem Abend an seiner offenen Führung teilnehmen.

Doch nicht nur wegen der Überschrift beginnt der Historiker seinen Stadtrundgang am Bahnhof. "Auch die Industrialisierung ist mit der Bahn gekommen. Wobei, eigentlich stimmt das im Fall Oberndorf gar nicht. Denn Waffen gab es hier sogar schon vor der Eisenbahn" – auf diese Geschichte will der Archivs- und Museumsleiter jedoch erst später zu sprechen kommen. Der seit dem Bau beinahe unveränderte Bahnhof sei dennoch ein wichtiger Faktor für die Industrialisierung in Oberndorf gewesen, weshalb dieser als Startpunkt der Führung sinnvoll sei.

Auch das alte Postgebäude neben dem Bahnhof sei nicht unbedeutend: "Denn bevor es die Eisenbahn gab, wurden die Leute mit der Postkutsche in andere Städte gebracht. Briefe und Päckchen waren damals nur ein Nebengeschäft", weiß der Stadtführer. Die Gruppe zieht weiter, aber nicht weit, denn selbst unscheinbare Gebäude gegenüber des Oberndorfer Bahnhofs haben eine spannende Geschichte. Wo heute ein griechisches Restaurant ist, war früher das "Centro Español" – ein Treffpunkt für die vielen spanischen Gastarbeiter. In der Nachbarschaft liegt außerdem das ehemalige Haus der Eppsteins – einer jüdischen Familie, die die Pogromnacht in Oberndorf erleben musste und schließlich von den Nazis verschleppt wurde.

Am Talplatz angekommen, erzählt der Historiker seiner Gruppe von verschiedenen Brauereien, die sich dort auf dem ehemaligen Brauereigelände 1827 zusammenschlossen und 2004 den Betrieb einstellen mussten. Er beschreibt seinen Zuhörern fast schon malerisch, wie das Tal früher aussah und wie es sich bis heute entwickelte. Besonders viel gab es natürlich über das Kloster zu berichten: Wo heute Rathaus, Polizei und Veranstaltungsräume sind, lebten im Hochmittelalter unverheiratete Frauen, die zwar keine Nonnen waren, aber sich aufgrund ihres Familienstandes zu einer religiösen Lebensgemeinschaft zusammengeschlossen hatten, wie Kussmann-Hochhalter die Teilnehmer wissen ließ. "Als die letzte Dame das Kloster verlassen hatte, zogen dort Männer ein." 1812 hatte dieses jedoch nur noch wenig mit Spiritualität zu tun: Auf königlichen Befehl sei dieses nämlich Zentrum der Waffenindustrie geworden, erzählt der Historiker.

Dort haben auch die Gebrüder Mauser das Waffenhandwerk gelernt. Sie seien zwei von insgesamt 13 Kindern gewesen. "Der Familienvater war so arm, dass er nicht einmal das Bürgerrecht in Oberndorf bekam", erzählt Kussmann-Hochhalter. Den Söhnen blühte jedoch ein anderes Schicksal: "Wilhelm und Paul Mauser hatten zur richtigen Zeit die richtige Idee und erfanden schließlich das ›Erste Reichsgewehr‹ und belieferten die Preußen mit einem Großauftrag". Damit habe die Mauser-Ära in Oberndorf begonnen. Bis nach dem Ersten Weltkrieg sei es für die Gebrüder und die gesamte Oberndorfer Waffenindustrie rund gelaufen –­ der Versailler Vertrag nach Kriegsende habe diese dann jedoch enorm zurückgeworfen. "Kriegswaffen durften nicht mehr produziert werden, und die paar Gewehre und Jagdwaffen sorgten nicht für guten Umsatz. Der Versailler Vertrag war eine Katastrophe für Oberndorf", so der Historiker. Doch das wirtschaftliche Tief habe 1935 durch Hitler ein Ende genommen. "Mit ihm hatte Oberndorf eine zweite Geburtsstunde", berichtet Kussmann-Hochhalter. Allerdings war dann das Ende des Zweiten Weltkriegs doppelt so schlimm für die hiesige Waffenindustrie.

Am Mausergelände vorbei führte der Historiker die Gruppe über die Fußgängerbrücke in die Oberstadt. Am Finanzamt angekommen berichtet er, dass die "Mauser-Villa" eigentlich der Alterssitz von Paul Mauser werden sollte, der jedoch vor deren Fertigstellung verstarb. Vor dem heutigen Verwaltungsgebäude erzählt der Historiker von Paul Mausers Leben und dessen Einfluss auf die Stadt. Dann machte die Gruppe einen Schlenker zu katholischen Kirche und dem Schwarzwälder Boten, der zwar in Sulz gegründet wurde, jedoch schon seit 1835 in Oberndorf sitzt. "Nächstes Jahr feiert die Zeitung ihr 180. Bestehen. Der Schwarzwälder Bote ist zwar nicht die älteste Zeitung in Baden-Württemberg, aber die älteste, die noch existiert", sagt der Archivs- und Museumsleiter.

Auch über die Oberstadt mit den Resten der Stadtmauer weiß Kussmann-Hochhalter einiges zu berichten. Viele historische Gebäude gibt es dort jedoch nicht, da zwei große Stadtbrände den Großteil der alten Häuser vernichtet haben.

Weitere Informationen: Auskünfte zu weiteren Führungen und Vorträgen können telefonisch unter 07423/77 11 76 oder per E-Mail an museum@oberndorf.de eingeholt werden.

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