Frontmann Peavy begeistert mit seiner kraftvollen Stimme. Foto: Cools

"Rage" entfacht beim Kultursommer ein Metal-Feuer. "Straight to Hell" mit den Sorgen.

Oberndorf - Die Zeit des sehnsüchtigen "Wacken"-Video-Schauens fand am Samstag auf dem Oberndorfer "Elefanten-Parkplatz" ein Ende. Mehr als 200 Metalheads strömten herbei, um endlich wieder Live-Musik zu genießen und ein Stück Normalität zurückzugewinnen.

"No force can ever bring us down" ("Keine Macht kann uns jemals stürzen") – was die Vorband "Evertale" am Samstagabend sang, klang beinahe, als sei es für die aktuelle Lage geschrieben worden. Im Stil der Metal-Band "Blind Guardian" erzählte sie mit melodischen, polyphonen Gitarren-Arrangements und verschnörkelter Spieltechnik Geschichten von Mut, Verzweiflung, Kampf, Helden und bösen Mächten.

"Wer hätte gedacht, dass wir dieses Jahr noch einmal auf einer Bühne spielen können?"

Die Power-Metaller entführten die Oberndorfer in eine mystische Fantasie-Welt, die der Realität in der Corona-Krise jedoch gar nicht mehr so fern scheint. Es geht darum, sich nicht runterziehen zu lassen, den Kopf oben zu halten und sich durchzukämpfen, auch wenn die Umstände widrig sind. "Wer hätte gedacht, dass wir dieses Jahr noch einmal auf einer Bühne spielen können?", meinte "Evertale"-Frontmann Matthias Graf auf der Bühne, bereit, jeden Moment bei diesem besonderen Konzert mit epischem Power-Metal auszukosten.

Das taten auch die Fans, erst bei "Evertale", später bei der Ruhrpott-Power-Band "Rage". Normalerweise kennt Metal keine Regeln. Es ist Hands-on-Musik – wild und schnell. Mosphit und Headbangen gehören ebenso dazu wie Bier, Schweiß und das Metal-Zeichen, die "Pommesgabel". Diesmal war das ein wenig anders. Abstand war das Gebot der Stunde. Aber kann in Liegestühlen, an Bierbänken oder gar im Auto sitzend überhaupt Stimmung aufkommen? Es konnte - und wie.

Headbangen mit Abstand

Spätestens als Kraftpaket Peter "Peavy" Wagner, Frontmann, Sänger und Bassist von "Rage", die Bühne betrat, sprangen die Metal-Fans auf und headbangten - jedoch immer mit gebührendem Abstand zu den anderen Musik-Fans. Es war ein Konzert, wie es Fans und Musiker wohl noch nie erlebt haben. Der Euphorie tat es keinen Abbruch - im Gegenteil. Für Peavy Wagner spielte es keine Rolle, ob er für 200 oder 2000 Fans spielte. Er und seine Jungs gaben Vollgas.

Für die Band, die im Januar ihr neues Album "Wings of Rage" veröffentlicht hat, war das Konzert nach einigen personellen Veränderungen auch gewissermaßen eine Feuerprobe. Peavy und der "hellenische Hammer-Schlagzeuger" Vassilios "Lucky" Maniatopoulos werden nun vom ehemaligen "Axxis"-Gitarristen Stefan Weber und Ex-"Angelic, Rage & Ruins" -Mitglied Jean Bormann begleitet – eine kraftvolle Kombination, die die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes von den Stühlen und Bänken fegte.

"Wir lassen uns den Spaß nicht verderben!"

Unter Wolfsgeheul und unheimlichen Lauten betraten die Metaller die Bühne, in dunkelblaues Licht getaucht, und präsentierten die besten Songs aus mehr als 30 Jahren "Rage". "The Price of War" wurde in neuem musikalischen Gewand präsentiert. Mit "Nevermore" griffen die Metaller "tief in die Klamottenkiste". Den Fans gefiel’s. Die Band begeisterte mit eingängigen Riffs und Melodien, wie in "From the Cradle to the Grave" und "Chasing the Twilight Zone".

Keine Frage, dass die Menge als Zugabe die Klassiker forderte. Nachdem alle negativen Gedanken "Straight to Hell" geschickt wurden – manchen dürfte der Song dank der Western-Parodie "Der Schuh des Manitu" bekannt sein – gab es als fulminanten Abschluss "Higher than the Sky".

Die Fans stimmten mit ein. Und Peavy bekannte, wie froh und dankbar er sei, nach der Zwangspause endlich wieder live spielen zu können. Dem Publikum gab er eine Portion positive Energie mit auf den Heimweg: "Wir lassen uns den Spaß nicht verderben!"

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